Krieg in der Ukraine

Wirtschaftliche Aus­wirkungen auf die Branche

15. September 2022 | Bericht

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Der Ukraine-Krieg hat gravierende Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung der Chemie- und Pharmaindustrie.

Die in der Folge des Krieges steigenden Energiepreise erschweren zunehmend die Produktion der deutschen Chemieindustrie. © hanakaz1991/stock.adobe.com
Die in der Folge des Krieges steigenden Energiepreise erschweren zunehmend die Produktion der deutschen Chemieindustrie. © hanakaz1991/stock.adobe.com

Die Geschäfte mit Russland, Belarus und der Ukraine brechen weg. Gravierender sind allerdings die Auswirkungen der explodierenden Preise für Gas und Strom und die stark steigenden Beschaffungspreise für Vorprodukte. Die aktuelle Lage der Unternehmen hat sich massiv verschlechtert und die Geschäftserwartungen sind inzwischen im Keller. Deutschland und Europa sind auf dem Weg in eine Rezession, wobei das Ausmaß noch offen ist. Als energieintensive Branche ist die Chemie besonders betroffen. Produktionsdrosselungen haben bereits stattgefunden. Die Aussichten für 2022 und 2023 sind schlecht.

Schwierige Ausgangssituation: Materialengpässe, Logistikprobleme, hohe Energiepreise

Der Krieg in der Ukraine traf die Chemie und Pharmaindustrie in einer bereits angespannten Situation. Bereits im Jahresverlauf 2021 nahmen die Probleme in den Lieferketten und in der Logistik zu – nicht nur in der Chemie, sondern in der gesamten Industrie. Knappe Kapazitäten, Störungen in den internationalen Lieferketten und Probleme in der Logistik erschwerten die Produktion. Verschärft haben sich die Produktionsprobleme für die energieintensiven Industrien noch zusätzlich durch den bereits im Herbst letzten Jahres einsetzenden massiven Anstieg der Energiepreise für Gas, Strom und Kohle. Dadurch kam es insgesamt zu stark steigenden Preisen nicht nur für Energierohstoffe, sondern insgesamt für Rohstoffe und Vorprodukte der Branche. Demgegenüber stand eine noch hohe Nachfrage nach chemischen Erzeugnissen.

Produktionsbedingungen verschlechtern sich dramatisch

Mit dem Krieg in der Ukraine verschärften sich die Probleme auf der Angebotsseite fundamental. Die Preise für Energierohstoffe erreichen immer wieder neue Höchststände. Denn insbesondere in Deutschland ist die Abhängigkeit von russischen Gas-, Kohle- und Öllieferungen hoch. Die Probleme in den Lieferketten und in der Logistik verschärften sich. Für einzelne Rohstoffe ist Russland ein wichtiger Lieferant. Die Transportkosten haben sich aufgrund der höheren Treibstoffkosten erhöht, die Lieferzeiten aufgrund notwendiger Umwege verlängert, der bereits alarmierende LKW-Fahrermangel durch den Wegfall von Fahrern aus Russland und der Ukraine verschärft. Nach Befragungen der VCI-Mitgliedsunternehmen sind inzwischen rund 90 Prozent der Unternehmen aufgrund von Preissteigerungen bei Vorprodukten und 70 Prozent aufgrund der hohen Energiepreise in ihrer Produktion schwer oder sehr schwer behindert. Die Weitergabe der Kosten ist immer weniger möglich. Die Produktion wurde inzwischen in allen Sparten gedrosselt. Die Erträge geraten zunehmend unter Druck. Für einzelne Unternehmen ist die Situation bereits existenzbedrohend.

Inzwischen hat sich auch die Situation von Seiten der Nachfrage eingetrübt. Die Weltwirtschaft befindet sich insgesamt im Abschwung. Insbesondere Europa ist auf dem Weg in eine Rezession. Besonders düster sieht es vielerorts in der Industrie aus. Dementsprechend schwächt sich die Nachfrage nach chemischen Erzeugnissen ab. Das Auftragspolster der Unternehmen sinkt.

Achillesferse Gasabhängigkeit

Die Chemie- und Pharmaindustrie setzt Gas sowohl als Rohstoff als auch energetisch zur Gewinnung von Wärme und Strom ein. Insgesamt verbraucht die Branche mit rund 140 TWh im Jahr rund 15 Prozent des Gasverbrauchs Deutschlands. Dabei gehen 73 Prozent in die energetische Verwendung und 27 Prozent direkt als Rohstoff in den Produktionsprozess ein.

Die Chemieindustrie hat insgesamt eine komplexe Produktionsstruktur. Produziert wird häufig in Verbundstandorten, d.h. die Prozesse sind auch technisch miteinander verknüpft. Produkte der energieintensiven Grundstoffchemie gehen als Vorprodukte in die Produktion der Weiterverarbeiter innerhalb der Branche ein (z. B. in die Produktion von Kunststoffen, PVC, Klebstoffen, Lacken, Waschmitteln, Pharmazeutika). Chemieprodukte werden im Folgenden dann vor allem von industriellen Kunden in Deutschland und Europa benötigt. Letztendlich gehen bei weit über 90 Prozent der Industriewaren chemische Produkte als Vorprodukte ein.

Kurz- und mittelfristig ist Gas nicht oder zumindest nur sehr eingeschränkt ersetzbar. Unternehmensbefragungen in der Branche und auch eine Studie des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) kommen nur zu einem Substitutionspotenzial im einstelligen Prozentbereich. Bei der Prozesswärme beträgt der Wert sogar nur 1 Prozent.

Ein Fehlen von Gas hätte damit unmittelbare Auswirkungen auf die Produktionsmöglichkeiten von Basischemikalien. Ohne Gas als Rohstoff und zur Erzeugung der nötigen Prozesswärme müssten Produktionsanlagen heruntergefahren werden. Auch aufgrund der Verbundstruktur in den großen Standorten hätte dies gravierende Auswirkungen auf die Weiterverarbeiter innerhalb und außerhalb der Branche.

Nachgelagerten Wertschöpfungsstufen in der Chemie (Fein- und Spezialchemie, Düngemittel, Konsumchemikalien und Polymere) fehlen dann die Rohstoffe aus der Basischemie. Eine Importsubstitution ist bei den Rohstoffen derzeit aufgrund der benötigten Mengen und der weltweiten Engpässe nur sehr eingeschränkt möglich. D.h. neben der gasintensiven Grundstoffchemie wären auch nicht-energieintensive Teile der Chemie unmittelbar negativ betroffen und müssten ihrerseits Produktion drosseln.

Das hätte dann auch direkt negative Auswirkungen auf die Kunden der Chemieindustrie – nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Fehlende Vorprodukte würden zu einem Sinken der europäischen Industrieproduktion führen. Eine Industrierezession mit massiven negativen Effekten auch auf die Gesamtwirtschaft dürfte die Folge sein.

Außenhandel mit Russland bricht ein

Als Absatzmarkt ist die Kriegsregion dagegen überschaubar, aber nicht unbedeutend. Russland, die Ukraine und Belarus benötigen mehr Chemikalien und Pharmazeutika als sie selbst herstellen. Die Handelsbilanz mit chemisch-pharmazeutischen Erzeugnissen der Länder mit Deutschland ist negativ.

Die Bedeutung der Länder als Exportmarkt hat dabei seit der Krim-Annexion und den darauf einsetzenden Sanktionen kontinuierlich abgenommen. Deutschland exportiert vor allem Pharmazeutika (45 Prozent), Spezialchemikalien (24 Prozent) und Polymere (15 Prozent) in die Region.

Insgesamt lieferte Deutschland 2021 chemisch-pharmazeutische Waren im Wert von 7,1 Mrd. Euro in die drei Länder. Das entspricht rund 3 Prozent der gesamten deutschen Ausfuhren von chemisch-pharmazeutischen Produkten. Damit ist die Bedeutung als Absatzmarkt im Durchschnitt der Branche klein. Ein Wegbrechen der Geschäfte kann aufgrund der guten Nachfragesituation auf anderen Märkten teilweise kompensiert werden. Allerdings gilt dies nicht für alle Unternehmen gleichermaßen. In einer Mitgliederumfrage des VCI gaben einige Unternehmen an, einen größeren Teil ihrer Umsätze mit Russland bzw. der Ukraine zu tätigen. Eine Kompensationsmöglichkeit sahen die Unternehmen nicht. Zudem ist die Geschäftstätigkeit, auch unabhängig von den Sanktionen, schwierig. Die Unternehmen berichten über Probleme mit den Zahlungsmodalitäten, mit den Wechselkursen und mit der Logistik.

Auch auf der Importseite scheint die Bedeutung der Region als Handelspartner zunächst gering. Deutschland importierte 2021 chemisch-pharmazeutische Waren im Wert von 1,4 Mrd. Euro aus den drei Ländern. Das entspricht rund 0,8 Prozent der gesamten deutschen Importe von chemisch-pharmazeutischen Produkten.

Inwieweit die deutsche Chemie auf Lieferungen von Vorprodukten aus der Region angewiesen ist, lässt sich aus diesen Zahlen aber nicht ableiten. Für einzelne Produkte, wie beispielsweise Lithium und Ammoniak aus Russland oder Neon aus der Ukraine ist die Region wichtig für den deutschen Markt.

Inzwischen ist der deutsche Außenhandel mit Russland um gut 55 Prozent im Vergleich zum Januar des Jahres eingebrochen. Exportiert werden vor allem noch Pharmazeutika, die zum einen von den Sanktionen ausgenommen sind und zum anderen der Bevölkerung direkt zugutekommen. Importiert werden noch einige Anorganika und Polymere, die sich kurzfristig nicht ersetzen lassen.

Große Herausforderungen für die Auslandsniederlassungen in der Region

Neben dem Handel über die Ländergrenzen hinweg sind deutsche Chemieunternehmen auch mit eigenen Niederlassungen in Russland und der Ukraine vertreten. Laut der Bundesbank lagen die Direktinvestitionen 2019 bei über 2,2 Mrd. Euro. Das waren 2 Prozent der kompletten Direktinvestitionsbestände der Branche im Ausland. Rund 70 Tochterunternehmen in Russland und Ukraine mit nach unseren Schätzungen insgesamt etwa 20.000 Beschäftigten – davon rund 3.000 in der Ukraine. Teilweise ziehen die Unternehmen sich jetzt zumindest aus Russland zurück. Die Entscheidungen darüber sind dabei nicht einfach, da die Unternehmen auch Verantwortung für ihre Mitarbeiter vor Ort und für ihre Kunden und Lieferanten haben.

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Dipl.-Volksw. Christiane Kellermann

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