29. Januar 2026 | Bericht
EU-Indien-Abkommen öffnet wichtigen Markt in Wachstumsregion Asien und stärkt Europas handelspolitische Rolle.
Die Europäische Union und Indien haben am 27. Januar 2026 den Abschluss der Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen bekanntgegeben. Damit haben beide Seiten einen bemerkenswerten Schritt getan. Nach fast zwei Jahrzehnten wechselvoller Gespräche inklusive Unterbrechungen entsteht nun ein Abkommen, das der europäischen Industrie – insbesondere der Chemie- und Pharmabranche – neue Zugänge zu einem der weltweit dynamischsten Wachstumsmärkte eröffnet: Indien öffnet seinen Markt in größerem Umfang als bei anderen Handelspartnern, Zölle für Chemikalien, Pharmazeutika und Produkte der chemischen Industrie werden laut Kommission gesenkt, regulatorische Hürden abgebaut. Das schafft eine neue Ausgangsbasis für die beiderseitigen Beziehungen.
Erste Bewertung durch den VCI
VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup kommentierte die Einigung:
„Das Freihandelsabkommen mit Indien ist ein Meilenstein für Europas Industrie und resilientere Lieferketten. Für die Chemie- und Pharmabranche wird damit der Zugang zu einem der zentralen Wachstumsmärkte der kommenden Jahrzehnte strategisch gestärkt. Die Kommission hat damit ihre Hausaufgaben gemacht. Sie setzt damit ein wichtiges Zeichen, in der Handelspolitik auf Partnerschaften zu bauen. Nun müssen der Europäische Rat und das Europäische Parlament das Abkommen in trockene Tücher bringen. Ein Drama wie beim EU–Mercosur-Abkommen darf sich nicht wiederholen.“
Ein Signal, dessen Klang noch nicht bekannt ist
Eine substanzielle Bewertung der Inhalte des Abkommens ist allerdings derzeit noch nicht möglich, da die Texte mit den Details der Ausgestaltung noch nicht vorliegen (Stand: 29. Januar 2026). Der zeitliche Ablauf der Zollsenkungen, die Gestaltung der Ursprungsregeln – ein besonders intensiv diskutiertes Thema –, der Abbau von nichttarifären Handelshemmnissen sowie der am Ende des Tages tatsächliche Schutz geistiger Eigentumsrechte und sensibler Informationen sind noch nicht bekannt. Es bleibt zu hoffen, dass sich in die positive gesamtpolitische Bewertung keine allzu großen Misstöne im Detail mischen werden.
Ein Markt im Aufbruch
Der indische Markt ist geprägt von einer jungen Bevölkerung, wachsender Industrieproduktion und stark steigendem Bedarf an hochwertigen chemischen und pharmazeutischen Produkten. Zwar ist der heutige bilaterale Handel noch vergleichsweise klein – 2024 exportierte Deutschlands chemisch-pharmazeutische Industrie rund 2,6 Mrd. Euro dorthin, während Importe aus Indien bei rund 2,8 Mrd. Euro lagen –, doch genau deshalb eröffnet die Marktöffnung erhebliches Potenzial für stärkeres Wachstum. Der Anteil Indiens am Außenhandel der Branche liegt derzeit unter zwei Prozent, was zeigt, wie viel ungenutzter Spielraum besteht.
Zölle sollen sinken, Verfahren sollen klarer werden
Nach Angaben der Kommission sinken oder entfallen die Zölle für 96,6 Prozent der europäischen Warenausfuhren. Die EU beziffert die potenziellen jährlichen Entlastungen europäischer Exporteure auf bis zu 4 Milliarden Euro. Das verbessert unmittelbar die Wettbewerbsfähigkeit – sowohl bei Standardprodukten als auch bei kundenspezifischen industriellen Anwendungen, die auf stabile Kostenstrukturen angewiesen sind.
Die Zollsenkungen gelten auch für nahezu alle Produkte der Chemie- und Pharmabranche: von derzeit bis zu 22 Prozent bei chemischen Produkten (Pharmazeutika: derzeit 11 Prozent) auf langfristig 0 Prozent – in einem gestaffelten Prozess zwischen fünf und zehn Jahren, je nach Sektor.
Gleichzeitig sollen nichttarifäre Handelshemmnisse entschärft werden: Die regulatorische Zusammenarbeit wird ausgebaut, technische Vorgaben werden transparenter gestaltet, und Zoll- sowie Prüfverfahren effizienter organisiert. Gerade für mittelständische Anbieter aus der Chemie- und Pharmabranche kann das geringere Wartezeiten und weniger Reibungsverluste beim Marktzugang bedeuten.
Resilienz durch Diversifizierung
Das Abkommen zahlt auf das Ziel ein, Lieferketten widerstandsfähiger und zugleich wettbewerbsfähiger zu gestalten. Die EU verfolgt damit das Prinzip der Diversifizierung und reduziert einseitige Abhängigkeiten – ein Grundpfeiler der handelspolitischen Positionen des VCI. In einem globalen Umfeld, das zunehmend von geopolitischen Spannungen und Protektionismus geprägt ist, setzt das Abkommen ein wichtiges Zeichen für offene und regelbasierte Märkte.
EU beweist Handlungsfähigkeit – lernt sie aus Mercosur?
Das Abkommen fällt in eine Zeit, in der die USA Indien mit erheblichen Zöllen belegt haben, während China versucht, die BRICS-Staaten, zu denen auch China und Indien gehören, zu einem globalen Machtfaktor auszubauen – und die EU zugleich um ihren Platz in der Welt ringt.
Politisch zeigt das EU–Indien-Abkommen den Willen der EU, auch unter schwierigen globalen Rahmenbedingungen auf Handelsregeln statt auf Deals zu setzen und substanzielle Abkommen abzuschließen. Nach den langen Diskussionen rund um das EU–Mercosur-Abkommen ist dieses Ergebnis ein Ausdruck des Handlungswillens der europäischen Handelspolitik. Erwartet wird, dass Rat und Parlament den Vertrag ohne erneute Verzögerungen ratifizieren – damit die wirtschaftlichen Vorteile tatsächlich bei Unternehmen und Verbrauchern ankommen. Mögliche Defizite des Abkommens können hoffentlich auf Basis der neuen Partnerschaft beseitigt werden.
Fazit
Mit dem EU–Indien-Abkommen entsteht ein verbesserter Zugang zu einem der spannendsten Wachstumsmärkte weltweit. Für die Chemie- und Pharmaindustrie in Deutschland und Europa bedeutet das mehr Planungssicherheit, niedrigere Markteintrittsbarrieren und neue Chancen für Innovationen und Wertschöpfung. In Zeiten globaler Unsicherheiten sendet die EU damit vor allem ein deutliches Signal: Partnerschaften und Offenheit bleiben der Schlüssel für wirtschaftliche Stärke und Resilienz.
„Im Übrigen“, und in diesem Sinne, ist und bleibt der VCI sehr entschieden der Meinung: Das zuletzt vom Europäischen Parlament ausgebremste Handelsabkommen mit den Mercosur-Staaten sollte nun schnellstmöglich vorläufig angewendet werden (siehe Pressemitteilung des VCI vom 21. Januar 2026 dazu) .
- VCI-Pressemitteilung „Hausaufgaben gemacht“ vom 27. Januar 2026
- VCI-Kurzbericht Indien mit Daten und Fakten zum deutsch-indischen Chemiehandel (im PDF-Format)
- VCI-Länderinformation Indien mit ausführlicher Darstellung der indischen Chemiebranche (im PDF-Format)
- VCI-Position kompakt „Handelspolitik“
- EU-Kommission: Pressemitteilung „EU and India conclude landmark Free Trade Agreement“ vom 27. Januar 2026
- EU-Kommission: Factsheet zu den Hauptvorteilen des Freihandelsabkommens EU-Indien
- Rat der EU: Gemeinsame Erklärung vom 27. Januar 2026 im Kontext des 16. EU-Indien-Gipfels (im PDF-Format)
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Dr. Matthias Blum
Abteilungsleitung Außenwirtschaft, Außenwirtschaftspolitik, europäische/nationale Industriepolitik
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