Endokrine Effekte und endokrine Schädigungen

Argumente und Positionen

Im Juni 2016 hatte die EU-Kommission einen Vorschlag für Kriterien veröffentlicht, mit denen hormonell schädliche Stoffe (endokrine Disruptoren) in der EU identifiziert werden sollen. Nach langen Diskussionen wurden angepasste Kriterien im Juli 2017 im Ausschuss der Mitgliedstaaten verabschiedet. Die Kriterien für Biozidprodukte treten im Mai 2018 in Kraft. Bei Pflanzenschutzmitteln lehnte das EU-Parlament im Oktober den Vorschlag der EU-Kommission ab. Dadurch bleibt die Rechtsunsicherheit für Chemieunternehmen weiter bestehen. Es ist zu befürchten, dass durch die Kriterien wichtige Stoffe wegfallen werden, die für einen ausreichenden Gesundheitsschutz notwendig sind. Dazu zählen Wirkstoffe in Pflanzenschutz- oder Biozidprodukten. Endokrine Disruptoren unterliegen in den jeweiligen EU-Verordnungen einem Verwendungsverbot.

Risikobewertungen bringen Klarheit
Eine sichere Handhabung hormonaktiver Stoffe ist möglich. Die bloße Anwesenheit einer hormonell aktiven Substanz bedeutet nicht, dass sie beim Menschen oder in der Umwelt automatisch eine Schädigung verursacht. Wie auch bei anderen Stoffen ist eine Risikobewertung für den jeweiligen Einzelfall notwendig. Kriterien zur Identifizierung von endokrinen Disruptoren müssen aus Sicht des VCI unter anderem die Dosis-Wirkungsbeziehung und den Schweregrad (Potenz) eines möglichen hormonellen Effekts berücksichtigen. In der Regel können auf Basis einer wissenschaftlichen Risikobewertung Grenzwerte für eine sichere Verwendung ermittelt werden. Beispielsweise ist der Kontakt mit hormonell wirksamen Stoffen wie Vitamin D oder Koffein unterhalb bestimmter Konzentrationen unbedenklich.

Zwei Jahrzehnte Sicherheitsforschung
Seit rund 20 Jahren beschäftigt sich die Wissenschaft sehr intensiv mit Hormonen und hormonwirksamen Chemikalien. Dadurch hat sich der Wissensstand enorm vergrößert. Unter Mitwirkung der chemischen Industrie wurden zahlreiche Tests entwickelt, die mittlerweile als etablierte und validierte OECD-Testmethoden vorliegen. Es konnten zwar noch nicht alle Zusammenhänge geklärt werden. Dennoch ist es heute möglich, Chemikalien auf hormonstörende Wirkungen zu untersuchen.

Komplexe Zusammenhänge
Die Frage, ob hormonaktive Chemikalien den Organismus schädigen, lässt sich nicht pauschal beantworten. Das menschliche Hormonsystem (endokrine System) ist ein komplexes Wirksystem aus Hormonen, Hormonrezeptoren und hormonproduzierenden Drüsen. Der Organismus kann auf hormonelle Reize jeglicher Art reagieren. Dabei bleibt er in den allermeisten Fällen selbständig in einem gesunden Gleichgewicht. Über die Umwelt und Nahrung nehmen wir täglich hormonell wirksame Substanzen auf. Pflanzenhormone finden sich zum Beispiel in Soja, einigen Gemüsesorten, Kaffee, Bier und Rotwein. Chemikalien stellen nur einen kleinen Teil der Gesamtheit endokrin wirksamer Stoffe und Faktoren dar. Insgesamt ist die Thematik sehr komplex. Daher hat die Entscheidung der EU für die Bewertung hormonell schädlicher Stoffe länger gedauert, als ursprünglich geplant.

DAFÜR SETZT SICH DER VCI EIN

  • Kriterien für endokrine Disruptoren mit Augenmaß diskutieren und umsetzen
    Der Vorschlag der EU-Kommission von 2016 und die nachträglichen Änderungen sind für die Chemie- und Pharma-Industrie enttäuschend. Die Kriterien sind nicht geeignet, um schädliche und harmlose Stoffe verlässlich zu unterscheiden. Es bleibt abzuwarten, wie die Kriterien von den Behörden umgesetzt und angewendet werden können. Es darf nicht dazu kommen, dass Stoffe verboten werden, die nicht gefährlich, aber für den Pflanzenschutz oder den Schutz der Gesundheit sehr wichtig sind.
  • Endokrin aktive Stoffe nicht vorverurteilen
    Das Hormonsystem von Mensch und Tier wird von körpereigenen hormonaktiven Stoffen gesteuert. Einige körperfremde Stoffe können nachteilig in die natürlichen Abläufe eingreifen. Endokrin aktive Substanzen sind aber nicht per se gefährlich. Sie müssen nur reguliert werden, wenn sie hormonell schädlich sind. Wichtig ist eine stoffbezogene, wissenschaftliche Risikobewertung.
  • Die Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Grundlage verwenden
    Die wissenschaftliche Definition für endokrine Disruptoren durch das Programm für Chemikaliensicherheit (IPCS) der WHO ist allgemein akzeptiert. Für eine ausgewogene regulatorische Diskussion ist es nötig, diese Definition als Basis zu nehmen und darauf aufbauend das Gefährdungspotenzial hormonaktiver Stoffe anhand von Risikobewertungen einzeln zu ermitteln.

Für Fragen und Anregungen nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf.

Ansprechpartner

Dr. Michael Lulei

WTU / Produktsicherheit (PS)

E-Mail: lulei@vci.de