Standpunkt

In der Wachstumsspur bleiben

Angesichts der positiven Prognose des VCI für die deutsche Chemie warnt VCI-Präsident Dekkers, dass die Branche sich nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen dürfe: Die deutsche Wirtschaft profitiere zwar derzeit von kurzfristigen Faktoren, doch ändere dies nichts an ihren strukturellen Schwächen. Nötig seien wettbewerbsfähige Produktionskosten und vor allem auch eine Verbesserung ihrer Innovationsfähigkeit: Nur wenn die deutschen Chemie- und Pharma-Unternehmen für mehr Innovationen sorgen können, werden sie in der Wachstumsspur bleiben – auch über 2016 hinaus.

VCI-Präsident Dr. Marijn Dekkers © Bayer AG
VCI-Präsident Dr. Marijn Dekkers © Bayer AG

Die deutsche Wirtschaft wächst – im kommenden Jahr dürfte sich das Wirtschaftswachstum sogar leicht beschleunigen. Unseren Unternehmen kommt das unmittelbar zugute. Die Prognose des VCI für die chemisch-pharmazeutische Industrie in Deutschland lautet daher: Die Branche kann voraussichtlich mit einem Produktionszuwachs von 1,5 Prozent rechnen. Der Umsatz dürfte mit der gleichen Dynamik auf rund 194 Milliarden Euro ansteigen.

Diese Einschätzung stützt sich darauf, dass die Produktion der Industrie in Deutschland ebenso zulegen dürfte wie die Tätigkeit der Bauwirtschaft. Auch für den Export sind die Aussichten optimistisch: Die globale Industrieproduktion wird 2016 voraussichtlich um mehr als zwei Prozent zulegen. Daher ist zu erwarten, dass die Nachfrage nach Chemikalien im In- und Ausland steigt. Und auch die wenig konjunkturabhängige Produktion von Pharmazeutika dürfte 2016 weiter wachsen.

Ist also alles gut? Vorsicht – wir dürfen uns nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen. Die deutsche Wirtschaft profitiert derzeit von niedrigen Zinsen, billigem Öl und einem schwachen Euro. Alles Faktoren, die eines Tages wieder in die andere Richtung umschlagen werden. Die strukturellen Schwächen der deutschen Wirtschaft werden davon überdeckt. Hier und da knirscht es unter der Oberfläche. In der Basischemie zum Beispiel verringert zwar das günstige Öl den Nachteil der Produktionskosten gegenüber den USA oder dem Nahen Osten. Dennoch haben die Hersteller mit zunehmendem Importdruck und Problemen der Wettbewerbsfähigkeit zu kämpfen.

Damit die deutsche Wirtschaft dauerhaft zukunftsfest bleibt, brauchen wir – neben wettbewerbsfähigen Produktionskosten – vor allem auch eine weitere Verbesserung ihrer Innovationsfähigkeit. Innovationen sind eine Stärke unseres Industriezweiges. Aber wir müssen viel dafür tun, dass das auch so bleibt. Die Studie „Innovationen den Weg ebnen“ hat gezeigt, wo intern und extern Hebel anzusetzen sind: Die Unternehmen sagen selbst, dass sie klare Strategien für neue Produkte brauchen und eine lebendige Kultur für Innovationen pflegen müssen.

Und die Politik sollte vorrangig drei Projekte angehen: Ein Wagniskapitalgesetz, um mehr Investoren davon zu überzeugen, dass sich ihr Engagement auszahlt. Eine steuerliche Forschungsförderung, die Unternehmen aller Größen hilft, mehr in Innovationen zu investieren. Und nicht zuletzt ein Fitness-Check für Gesetze oder Verordnungen, damit Innovationen nicht gehemmt, sondern gefördert werden. Die deutschen Chemie- und Pharma-Unternehmen stehen und bestehen im globalen Wettbewerb. Aber sie können nicht allein von alter Stärke leben. Es gilt, noch mutiger in die Zukunft zu blicken und für mehr Innovationen zu sorgen. Dann werden wir in der Wachstumsspur bleiben – auch über 2016 hinaus.

Dr. Marijn E. Dekkers,
Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI)

Ansprechpartner:
dialog@vci.de

Zum chemie report 12/2015 mit Leitartikel zur wirtschaftlichen Bilanz der Branche für das Jahr 2015 und ihren Aussichten für das Jahr 2016