Standpunkt

Deutschlands Exporte auf der Anklagebank

Die EU-Kommission prüft derzeit, ob die deutsche Exportstärke die Eurozone destabilisiert. Zur Chemie lässt sich sagen: Ja, ihr Außenhandelsüberschuss hat sich seit 2000 mehr als verdoppelt. Doch gleichzeitig stiegen ihre Importe um 111 Prozent. Von der starken Nachfrage nach Chemieprodukten profitierte die Konjunktur in der gesamten EU. Recht hat die Kommission damit, dass Deutschland seine Investitionen erhöhen und vor allem in die richtigen Kanäle lenken muss.

VCI-Präsident Dr. Karl-Ludwig Kley - Foto: © © Merck KGaA Darmstadt Deutschland
VCI-Präsident Dr. Karl-Ludwig Kley - Foto: © © Merck KGaA Darmstadt Deutschland

Der IWF kritisiert ihn. Die USA kritisieren ihn. Frankreich ebenso. In seltener Einhelligkeit monieren sie Deutschlands wachsenden Außenhandelsüberschuss. Die Kritik zeigt Wirkung in Brüssel. Die EU-Kommission prüft nun, ob Deutschland durch sein außenwirtschaftliches Ungleichgewicht die Eurozone destabilisiert.

Sollte das Verfahren zum Ergebnis kommen, dass ein „übermäßiges“ Problem besteht, drohen Deutschland Sanktionen in Milliardenhöhe. Politisch korrekt kritisiert die EU-Kommission zwar vorrangig die Schwäche von Importen und Binnenkonsum. Letztlich sitzt Deutschland aber wegen seiner Exportstärke auf der Anklagebank. Und mit ihr die Industrie, die mit 1,1 Billionen Euro gut 85 Prozent der Ausfuhren tätigt. Im Prinzip richtet sich der Verdacht auch gegen die Chemische Industrie, die seit vielen Jahren mit ihren Produkten hohe Überschüsse im Außenhandel erzielt.

Die Sachlage ist unstrittig: Der Außenhandelsüberschuss unserer Branche hat sich seit dem Jahr 2000, besonders durch die rasant wachsende Nachfrage in Asien und Südamerika, mehr als verdoppelt. 2013 betrug er rund 54 Milliarden Euro. Absurd wäre es aber, diese Entwicklung als Beweis im „Sinne der Anklage“ zu werten. Denn die Chemieimporte stiegen in dieser Zeit ebenfalls um 111 Prozent. Davon profitierten besonders unsere europäischen Nachbarn, denn die deutsche Nachfrage für chemische Erzeugnisse stützt die Konjunktur in der gesamten EU. Das zeigt: Eine florierende, exportstarke Chemie ist gut für Deutschland und für Europa.

Auch der Verdacht, Deutschland erziele seine Exportüberschüsse mittels Billiglöhnen, trifft für die Chemie nicht zu. Das Gegenteil ist der Fall: Das Lohnniveau in der Branche ist besonders hoch und liegt 25 Prozent über dem deutschen Industriedurchschnitt. Zudem ist es in den letzten Jahren deutlich schneller gestiegen als in anderen europäischen Ländern. Von Lohn-Dumping kann also in der Chemieindustrie keine Rede sein.

Recht hat die EU-Kommission allerdings mit ihrem Anklagepunkt von zu geringen Investitionen. Deutschland leidet schon länger unter einer Investitionsschwäche. Besonders bei der Infrastruktur, beispielsweise an maroden Straßen und kriselnden Brücken, ist das zu spüren. Hier steht der Staat in der Pflicht. Geld ist im Haushalt ausreichend vorhanden, es fließt jedoch nicht in die richtigen Kanäle, um dauerhaft bessere Rahmenbedingungen für den Standort Deutschland zu schaffen. Mit vorwiegend konsumtiven Ausgaben des Staates drohen wir stattdessen einen Fehler zu wiederholen, der in Südeuropa ein Kern der Rezession war. Somit gehören Deutschlands Investitionsprioritäten auf die europäische Anklagebank, nicht jedoch seine exportstarke Industrie.

Dr. Karl-Ludwig Kley,
Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI)

Ansprechpartner
dialog@vci.de