Handelsblatt Jahrestagung Chemie 2017 - Schwerpunktthema „Industrie 4.0“

Chemiebranche setzt zunehmend auf Digitalisierung

Die Einstellung der Chemie- und Pharmaunternehmen gegenüber den Themen „Industrie 4.0“ und „Digitalisierung“ ist im Wandel. Das wurde im April auf der Handelsblatt Jahrestagung Chemie 2017 deutlich. Ob die Branche in Zukunft zum digitalen Treiber oder zum Zulieferer von Internet-Tech-Firmen wird, die ihrerseits in die Industrieproduktion einsteigen, ist noch offen.

Wer gewinnt durch die Digitalisierung die Hoheit über die künftigen Wertschöpfungsketten der Industrie? - Bild: © Mimi Potter - Fotolia.com
Wer gewinnt durch die Digitalisierung die Hoheit über die künftigen Wertschöpfungsketten der Industrie? - Bild: © Mimi Potter - Fotolia.com

Immer mehr Chemie- und Pharmaunternehmen nutzen digitale Technologien oder sehen sich als Innovatoren digitaler Entwicklungen. War es 2015 noch eine Minderheit (29 Prozent), die sich in der Branchenumfrage CHEMonitor in dieser Kategorie gesehen hat, sind die Digitalisierer 2017 mit 71 Prozent Zustimmung deutlich in der Mehrheit. Das Thema „Digitalisierung“ ist auf breiter Front in der Chemie angekommen. Auf der diesjährigen Handelsblatt Jahrestagung Chemie zog es sich als roter Faden durch viele Vorträge. Peter Nagler, Head of International Innovation bei Evonik, verknüpfte die Digitalisierung mit der Innovationsfähigkeit der Unternehmen: „Wir müssen lernen, unsere Daten besser zu analysieren, um unsere Kunden besser zu verstehen.“ Frank Jenner, Ernst & Young, stellte fest, dass die Digitalisierung und der Bedarf nach Lösungspaketen das Nachfrageverhalten von Kunden der Chemieindustrie verändern: „Die Würfel sind noch nicht gefallen, aber wir stehen im Wettbewerb, wer in Zukunft die Hoheit über die Wertschöpfungsketten bei der Digitalisierung gewinnt.“

Schrittweise Entwicklung

Auf dem Weg in die digitale Zukunft sind viele Entwicklungen momentan noch offen. Sven Mandewirth von der Beratungsgesellschaft Camelot fragte etwa: „Werden Chemieunternehmen in fünf bis zehn Jahren noch den Kundenkontakt haben, oder wird dieser an Web-Shops übergehen, die dann auch die Logistik übernehmen?“ Carsten Suntrop, Beratungsgesellschaft CMC2, fragte: „Warum schicken Sie heute noch Excel-Listen hin und her, und warum erhalten Sie noch Bestellungen per Fax?“ Er ermutigte die Teilnehmer, konkrete Anwendungsfälle für digitalisierte Prozesse in Verwaltung, Logistik und Produktion zu suchen und umzusetzen. „Ich glaube, dass die Chemie evolutionär in Richtung ‚Digitalisierung‘ vorangeht – nicht disruptiv“, so Suntrop. Klaus Griesar, Head of ST-IS Science Relations bei Merck, vermisste seinerseits eine Digitalisierungsdiskussion in den Schulen und Universitäten: „Wir sprechen über Chemie 4.0, haben aber immer noch Humboldt 1.0. Welche Dinge müssen wir unseren Kinder beibringen, damit sie in Zukunft auf Chemie 4.0 vorbereitet sind?“

Auch das Thema Sicherheit darf nicht zu kurz kommen. „55 Prozent der Unternehmen benötigen mehr als drei Stunden, bis die betroffene Anlage nach einer Cyper-Attacke wieder funktionsfähig ist“, erklärte Franz Köbinger, Siemens, in seinem Vortrag über „Industrial Security.“ Er riet den Unternehmen, ihre Sicherheitskonzepte stets aktuell zu halten. Denn die zunehmende Vernetzung von Produktionsanlagen erhöhe auch das Risiko von Angriffen aus dem Internet.


Dieser Artikel erscheint im chemie report 05/2017

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E-Mail: claas@vci.de