VCI-Hauptgeschäftsführer Utz Tillmann:

Zum Stellenwert der EU für die chemisch-pharmazeutische Industrie in Deutschland

Anlässlich der Vorstellung des Berichts der Branche zum vierten Quartal 2018 erläuterte VCI-Hauptgeschäftsführer Utz Tillmann Anfang März in Frankfurt am Main die Bedeutung der Europäischen Union für die Chemie- und Pharmaindustrie. Im Vorfeld der Wahlen zum Europäischen Parlament erinnerte er eindringlich daran, dass die Vorteile der europäischen Einigung stets aufs Neue verteidigt werden müssen. Das ist auch das Anliegen der Informations- und Mitmachkampagne „Ja zu Europa", die der VCI im Februar gestartet hat.

VCI-Hauptgeschäftsführer Utz Tillmann: „Die chemisch-pharmazeutische Industrie in Deutschland steht zum Projekt Europa und an der Seite seiner Befürworter." - Foto: © VCI/Andreas Döring
VCI-Hauptgeschäftsführer Utz Tillmann: „Die chemisch-pharmazeutische Industrie in Deutschland steht zum Projekt Europa und an der Seite seiner Befürworter." - Foto: © VCI/Andreas Döring

Aus der Rede von VCI-Hauptgeschäftsführer Utz Tillmann auf dem VCI-Presseabend am 11. März 2019:

"Die deutsche Chemie ist eine stark exportorientierte Branche: 60 Prozent der Umsätze erwirtschaften die Unternehmen im Ausland. Der europäische Binnenmarkt spielt hier eine bedeutende Rolle. 2017 gingen Exporte im Wert von über 115 Milliarden Euro in die 27 anderen Mitgliedstaaten der EU. Das ist mehr als die Hälfte aller ins Ausland verkauften chemischen und pharmazeutischen Produkte. Rechnet man den Inlandsumsatz hinzu, so erwirtschaften unsere Unternehmen über 75 Prozent ihres Umsatzes mit Kunden in der EU.

Man kann also mit Recht sagen: Die Europäische Union ist der Heimatmarkt der deutschen Chemie- und Pharmaindustrie. Unser erster Blick bei der Analyse der Konjunktur wie auch der Industriepolitik gilt daher stets der Situation in Europa. Schwächt sich hier die Wirtschaft ab, ist unsere Branche direkt betroffen. Sind die industriepolitischen Rahmenbedingungen in Europa gut, profitieren unsere Unternehmen hiervon in besonderem Maße.

In unserer Branche ist die europäische Integration weit vorangeschritten. Die Unternehmen sind mit ihren Kunden und Lieferanten in der EU eng vernetzt. Das wird an der rasanten Entwicklung des Chemie- und Pharmahandels zwischen Deutschland und den übrigen EU-Ländern deutlich: Exporte und Importe haben sich seit dem Jahr 2000 mehr als verdoppelt. Die wichtigsten Handelspartner in der EU sind die Niederlande, Belgien und Frankreich. Über 60 Prozent der Einfuhren von Chemikalien und Arzneimitteln stammen heute aus dem EU-Raum. Diese Importe summierten sich zuletzt auf gut 94 Milliarden Euro.

Durch die starke Verflechtung investieren deutsche Chemieunternehmen auch stark in Sachanlagen in anderen Mitgliedstaaten der EU. Rund 30 Prozent der Auslandsinvestitionen entfallen derzeit auf den EU-Raum.

Das Auslandsgeschäft mit der Region EU trägt ganz wesentlich zum Erhalt der überdurchschnittlich gut bezahlten Arbeitsplätze der Branche in Deutschland bei. Unternehmen wie Mitarbeiter haben daher ein gemeinsames Interesse am Erhalt und an der Stärkung des Binnenmarkts. Das ist umso wichtiger vor dem Hintergrund des voraussichtlichen Ausscheidens der Briten aus der Europäischen Union.

Brexit: Quo vadis?

Der bevorstehende Brexit hat bereits jetzt politisch und wirtschaftlich tiefe Narben in der EU und Großbritannien hinterlassen. Die sich im Kreis drehenden Verhandlungen um den Austritt haben hohen Aufwand in vielen Unternehmen verursacht, denn sie mussten Vorkehrungen für den Worst-Case „No-Deal“ treffen. Gleichwohl ist die Verunsicherung nach wie vor groß, was auf die Branche wirklich zukommt.

Noch immer ist das Schreckgespenst eines ungeregelten Austritts nicht gebannt. Morgen wird das britische Unterhaus erneut abstimmen, ob es ein geregeltes Abkommen zum offiziellen Austrittstermin geben kann, wann und wie der Brexit letztlich vollzogen wird. Es fällt schwer, dieser politischen Hängepartie etwas Positives abzuringen. Das einzig Gute ist vielleicht: Zumindest einem Teil der Bürger wird durch die Diskussion über die Folgen des Brexit wieder mehr bewusst, welche Vorteile für sie mit der Europäischen Union verbunden sind.

Die Vorteile von Europa

Die europäische Einigung ist eine der größten politischen Leistungen des letzten Jahrhunderts. Sie ist für über 500 Millionen EU-Bürger Friedensgarant und Wohlstandsmotor. Die EU schafft aber auch unmittelbare Vorteile: Das Angebot an Waren und Dienstleistungen ist vielseitiger und aufgrund des europaweiten Wettbewerbs im Binnenmarkt auch günstiger geworden. Mit dem Euro haben wir zudem eine einheitliche, stabile und weltweit angesehene Währung, die das Reisen in den 19 Ländern der Eurozone erleichtert. Auch das hohe Verbraucherschutzniveau in den Mitgliedstaaten ist ein Verdienst der EU.

Und schließlich profitieren die EU-Bürger laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung auch wirtschaftlich von der europäischen Integration – besonders in Deutschland. Hierzulande hatte jeder Einwohner in den zurückliegenden 20 Jahren aufgrund des Binnenmarkts durchschnittlich rund 450 Euro pro Jahr mehr in der Tasche.

Nur ein starkes Europa findet international Gehör

Trotz aller Erfolge muss sich die EU mit notwendigen Reformen weiterentwickeln. Denn die Welt verändert sich rasant. Globalisierung, neue Technologien und starke Wettbewerber in Südostasien fordern die EU als Ganzes immer stärker heraus. Einzelne Staaten haben gegenüber den USA oder China kaum eine Chance, mit isolierten Anliegen Gehör zu finden. Eine Renationalisierung von Politikbereichen, wie von einigen

EU-Kritikern gefordert, wäre angesichts der globalen Herausforderungen rückwärtsgewandt. Die Aussicht auf Erfolg ist im Alleingang verschwindend gering. Viele der großen Aufgaben unserer Zeit, etwa der Klimaschutz, sind nur global zu bewältigen.

Ob es gelingt, dass Europa in zentralen politischen Feldern selbstbewusst und geeint auftritt, hängt auch von den Wahlen zum Europäischen Parlament Ende Mai ab. Eine geringe Wahlbeteiligung würde die europakritischen Ränder im Parlament stärken.

Unsere Branche ist sich dessen bewusst. Sie steht zum Projekt Europa und an der Seite seiner Befürworter. An verschiedenen Standorten von Mitgliedsunternehmen finden deshalb sogenannte Europadialoge statt: Die Unternehmen laden dafür Mitarbeiter und Nachbarn zur Diskussion mit Europaabgeordneten aus ihrem Wahlkreis ein. Der VCI unterstützt die Organisation dieser Veranstaltungen.

Außerdem ruft der VCI die Mitarbeiter der Branche dazu auf, am 26. Mai wählen zu gehen. Um die Bedeutung der EU für unseren Industriezweig zu verdeutlichen, hat der VCI die Informations- und Mitmachkampagne „Ja zu Europa“ gestartet. Dazu gehören unter anderem eine spezielle Website mit gebündelten Informationen , eine Aktion in den sozialen Netzwerken und Anzeigen in der Presse. Die Aktivitäten werden bis zur Wahl weiterlaufen.

VCI-Hauptgeschäftsführer Utz Tillmann: „Machen Sie mit und motivieren auch Sie dazu, am 26. Mai 2019 zur Europawahl zu gehen!
VCI-Hauptgeschäftsführer Utz Tillmann: „Machen Sie mit und motivieren auch Sie dazu, am 26. Mai 2019 zur Europawahl zu gehen!" - Foto: © VCI/Andreas Döring

Denn für die chemische Industrie steht fest: Die Vorteile der europäischen Einigung müssen stets aufs Neue verteidigt werden. Und die Europawahl Ende Mai wird darüber entscheiden, ob die Vorzüge der EU erhalten bleiben und Reformen weiter vorangetrieben werden können."


Hinweis:
Die vollständige Rede von VCI-Hauptgeschäftsführer Utz Tillmann finden Sie im Download-Bereich im Kopf dieser Seite (sogenannte „Ergänzende Downloads")

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