Standpunkt

Die EU muss nach vorne schauen

VCI-Präsident Kurt Bock stellt klar: Die Unternehmen der chemisch-pharmazeutischen Industrie stehen zur politischen Einheit Europas. Die Branche, ihre Kunden und die gesamte Industrie profitieren vom Binnenmarkt mit einheitlichen Regeln und Standards, besonders im Chemikalien- und Umweltrecht. Die europäische Industrie braucht aber auch eine effizientere EU, die Ziele vorgibt, bei der Umsetzung jedoch offen für innovative Lösungen bleibt.

VCI-Präsident Kurt Bock - Foto: © BASF SE
VCI-Präsident Kurt Bock - Foto: © BASF SE

Der Brexit ist ein historischer Rückschlag für die Europäische Union. Weder die EU noch Großbritannien können die politischen und wirtschaftlichen Folgen nach mehr als einem Jahr in ihrer ganzen Tragweite absehen. Die chemisch-pharmazeutische Industrie in Deutschland hat diese Entscheidung einer knappen Mehrheit der britischen Bürger sehr bedauert. Denn unsere Haltung zu Europa ist eindeutig: Die Unternehmen stehen zur politischen Einheit Europas mit einer stabilen und starken Gemeinschaft und dem Euro als gemeinsamer Währung. Umso schwerer fällt es uns zu akzeptieren, dass in den kommenden Jahren zum ersten Mal die Errungenschaften der europäischen Integration in einem Mitgliedstaat rückgängig gemacht werden.

Die chemische Industrie hat in ihrer langen Geschichte die Erfahrung gemacht: Jeder Bruch mit dem Bewährten birgt auch die Chance für Fortschritt. So wie sich unsere Branche immer wieder verändert, so wird auch die EU Lehren aus dem Brexit ziehen. Ein „Weiter so“ darf es nicht geben. Deshalb finde ich es richtig, dass EUKommissionspräsident Juncker und der französische Präsident Macron eine Reformdebatte angestoßen haben. Sobald sich die neue Bundesregierung formiert hat, sollte sie den Diskussionsprozess in Brüssel über die Zukunft der Union mit vorantreiben.

Auch die Chemie wird sich hier einbringen. Unsere Kundenbranchen und wir, und damit der ganze Industriestandort Europa, profitieren vom Binnenmarkt mit einheitlichen Regeln, Zulassungsverfahren und Standards. Unterschiedliche Regulierungen – besonders im Chemikalien- und Umweltrecht – bedeuten dagegen höhere Kosten und mehr Bürokratie. Nationale Alleingänge und Kleinstaaterei können nicht die Antwort auf die Herausforderungen der Zukunft sein. Diese Botschaft müssen wir auch in die Bevölkerung tragen. Eine Möglichkeit bieten die Bürgerdialoge der Europa-Union Deutschland, die der VCI unterstützt.

Auch bei anderen Themen erlebt gerade die Chemie, dass in der EU einiges verbessert werden muss: zum Beispiel mehr Rückenwind für Innovationen und eindeutige Vorfahrt für wissenschaftsbasierte Entscheidungen bei der Regulierung von Stoffen. Die europäische Industrie braucht eine effizientere EU, die Ziele vorgibt, bei der Umsetzung jedoch offen für innovative Lösungen bleibt.

Dr. Kurt Bock
Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI)

Ansprechpartner:
dialog@vci.de

Zum Leitartikel aus dem chemie report 11/2017 zum Thema Brexit

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