Industrie- und Klimapolitik

An einem Strang ziehen

Die Chemie gibt in nahezu allen Industriezweigen wichtige Impulse auf dem Weg zur Treibhausgasneutralität. Da die Branche von Hause aus energieintensiv und daher nicht nur von industrie-, sondern auch von klimapolitischen Entscheidungen betroffen ist, sollten sich die Zielsetzungen in diesen beiden Politikfeldern sinnvoll ergänzen.

Die deutsche Chemieindustrie kann ihren Treibhausgasausstoß mithilfe neuer Produktionstechnologien bis 2050 fast vollständig reduzieren. Neben neuen Verfahren vor allem in der Basischemie sind dazu ein dauerhaft niedriger Industriestrompreis sowie sehr viel emissionsfreier Strom aus erneuerbaren Quellen nötig. - Foto: © animaflora - Fotolia.com
Die deutsche Chemieindustrie kann ihren Treibhausgasausstoß mithilfe neuer Produktionstechnologien bis 2050 fast vollständig reduzieren. Neben neuen Verfahren vor allem in der Basischemie sind dazu ein dauerhaft niedriger Industriestrompreis sowie sehr viel emissionsfreier Strom aus erneuerbaren Quellen nötig. - Foto: © animaflora - Fotolia.com

Die neue EU-Kommission will die Europäische Union bis 2050 zur Klimaneutralität führen. Die Zielmarke für diesen „Green Deal für Europa“ ist nur noch zwei Investitionszyklen entfernt. Deshalb muss die EU-Kommission jetzt aufzeigen, wie sie die politischen Weichen bis 2024 so stellt, dass die ehrgeizigen Ziele auch erreicht werden können. Im Detail geht es um:

Bessere Rechtssetzung ausbauen

Initiativen wie das Innovations- und „One in, one out“-Prinzip sowie der Wettbewerbscheck sind gut und richtig. Sie erleichtern es den Unternehmen, aus Forschung marktfähige klimaschonende Produkte zu entwickeln.

Energie- und Rohstoffzufuhr sichern

Die Chemieindustrie muss umfassend auf bezahlbare erneuerbare Energien und Rohstoffe zurückgreifen können. Die EU sollte deshalb zumindest die Marktkopplung sowie den Ausbau supranationaler Strom- und Gasnetze weiter stärken. Wichtig ist auch die anstehende europäische Gasmarktreform, die auf eine verstärkte Nutzung regenerativer Gase abzielt.

Emissionshandel fortführen

Der EU-Emissionshandel garantiert, dass Industrie und Energiewirtschaft die Klimaschutzziele erreichen – und das zum volkswirtschaftlich günstigsten Preis. Neue Ansätze wie eine EU-weite CO2-Steuer wären nur als Alternative denkbar. Auch die Ausdehnung auf weitere Sektoren ist kritisch: Da wirksame Treibhausgasreduktion in Verkehr und Gebäuden viel teurer ist als bei den erfassten Sektoren, müssten sie separat reguliert werden.

Investitionen stärken

Die EU-Klimaziele sind ambitioniert und kosten jährlich etwa 260 Milliarden Euro. Mit dem „Green Deal“ soll das 2030- Ziel auf minus 55 Prozent Treibhausgasemissionen erhöht werden. Um den massiven Investitionsbedarf zu mobilisieren, sollte die EU Förderstrategien für Zukunftsthemen entwickeln, das Beihilferecht anpassen, den Haushalt stärker auf Investitionen ausrichten und Genehmigungsverfahren beschleunigen.

Realwirtschaft einbinden

Die EU-Kommission diskutiert mit der Finanzwirtschaft über nachhaltige Finanzierung. Leider wurde die Industrie bisher kaum eingebunden. Es droht, dass energieintensive Verfahren pauschal negativ eingestuft werden – obwohl sie Vorprodukte für Klimatechnologien liefern. Beispiel: Batterien für Elektromobilität.

Mittelstand breiter definieren

Aus Sicht der Industrie greift die bisherige Definition der EU für „kleine und mittlere Unternehmen“ zu kurz: Danach haben Mittelständler nur maximal 250 Mitarbeiter und 50 Millionen Euro Umsatz. Größere Betriebe werden Großunternehmen gleichgestellt – das ist schlecht für eine mittelstandsfreundliche Gesetzgebung und Förderung.

INFOGRAFIK: Der Weg zur treibhausgasneutralen Chemieindustrie

Treibhausgasemissionen der deutschen Chemie aus Prozessen, Energiebedarf und Produkten; Quellen: VCI, Dechema, FutureCamp

Die deutsche Chemieindustrie kann ihren Treibhausgasausstoß mithilfe neuer Produktionstechnologien bis 2050 fast vollständig reduzieren (= „Pfad Treibhausgasneutralität“). Neben neuen Verfahren vor allem in der Basischemie sind dazu ein dauerhaft niedriger Industriestrompreis sowie sehr viel emissionsfreier Strom aus erneuerbaren Quellen nötig. Im „Referenzpfad“ würde weiterhin mit den heutigen Technologien produziert, die Effizienz durch kontinuierliche Investitionen aber weiter erhöht. Der „Technologiepfad“ geht davon aus, dass Investitionsmittel und Strom nur begrenzt verfügbar sind. Unter diesen Bedingungen lässt sich eine maximale Minderung von 61 Prozent erzielen. Copyright:
Die deutsche Chemieindustrie kann ihren Treibhausgasausstoß mithilfe neuer Produktionstechnologien bis 2050 fast vollständig reduzieren (= „Pfad Treibhausgasneutralität“). Neben neuen Verfahren vor allem in der Basischemie sind dazu ein dauerhaft niedriger Industriestrompreis sowie sehr viel emissionsfreier Strom aus erneuerbaren Quellen nötig. Im „Referenzpfad“ würde weiterhin mit den heutigen Technologien produziert, die Effizienz durch kontinuierliche Investitionen aber weiter erhöht. Der „Technologiepfad“ geht davon aus, dass Investitionsmittel und Strom nur begrenzt verfügbar sind. Unter diesen Bedingungen lässt sich eine maximale Minderung von 61 Prozent erzielen. Copyright: © Dechema/Future Camp

Treibhausgasneutralität im Blick

Die Chemieindustrie steht auf dem Weg zur Treibhausgasneutralität bis 2050 vor einer umfassenden Transformation. Diese ist technologisch zwar möglich, allerdings mit sehr hohen Kosten sowie einem extrem hohen Bedarf an Strom aus erneuerbaren Energiequellen verbunden. Das ist das Ergebnis der Studie „Roadmap Chemie 2050 - Auf dem Weg zu einer treibausgasneutralen chemischen Industrie in Deutschland“.

Dieser Beitrag ist Teil des VCI-Politikbriefs spezial "EU 2024" (Oktober 2019).














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Jenni Glaser

E-Mail: glaser@vci.de