Potenzielle Auswirkungen des Brexit auf die chemisch-pharmazeutische Industrie

Unterschiedliche Regulierung verhindern

Die Verhandlungen zwischen der Europäischen Union und Großbritannien über den „Brexit“ sind ins Stocken geraten. Im ersten Schritt sollen nach dem Projektplan der EU die Details des Austritts geklärt werden. Die für die Chemieindustrie entscheidenden Themen werden dann erst in der zweiten Phase verhandelt, wenn es um die zukünftigen Beziehungen der EU zum Vereinigten Königreich gehen wird.

Die Brexit-Verhandlungen zwischen London und Brüssel verlaufen nicht nach Fahrplan. Der Ausgang ist ungewiss. Für die deutsche Chemie wären zweierlei Regulierungen in Großbritannien und der EU kostspielig. - Foto: © VCI/Daniel
Die Brexit-Verhandlungen zwischen London und Brüssel verlaufen nicht nach Fahrplan. Der Ausgang ist ungewiss. Für die deutsche Chemie wären zweierlei Regulierungen in Großbritannien und der EU kostspielig. - Foto: © VCI/Daniel

Wie stark die deutschen Chemie- und Pharmaunternehmen vom Brexit betroffen sein werden, hängt letztlich von den Ergebnissen der Verhandlungen über die künftigen Handelsbeziehungen ab. Abgesehen von möglichen jährlichen Zollkosten in Höhe von 200 Millionen Euro wären die größten Belastungen zu erwarten, wenn sich die branchenspezifische Regulierung in der EU und in Großbritannien unterschiedlich entwickeln würde. Gravierende Beispiele sind die europäische Chemikalienverordnung REACH und die Zulassung von Bioziden oder Pflanzenschutzmitteln sowie der Themenkomplex Kreislaufwirtschaft.

Die wichtigsten Handelspartner Deutschlands für Chemie- und Pharmaprodukte - Klick auf die Grafik vergrößert sie! - Grafik:
Die wichtigsten Handelspartner Deutschlands für Chemie- und Pharmaprodukte - Klick auf die Grafik vergrößert sie! - Grafik:

Deutsche Chemieexporte nach Großbritannien - Klick auf die Grafik vergrößert sie! - Grafik:
Deutsche Chemieexporte nach Großbritannien - Klick auf die Grafik vergrößert sie! - Grafik: © VCI/Destatis

Umfassendes Handelsabkommen anstreben

Lkw-Stau an der Grenze könnte in Zukunft wieder zum Alltag beim Handel mit Großbritannien gehören. - Foto:
Lkw-Stau an der Grenze könnte in Zukunft wieder zum Alltag beim Handel mit Großbritannien gehören. - Foto: © Kara/stock.adobe.com
Scheitern die Verhandlungen über ein Handelsabkommen, wäre Großbritannien nach WTO-Recht ein reiner Drittstaat ohne jegliche Handelsvorteile für die Beziehungen zur EU. Neben Zollzahlungen würde dadurch auch ein erheblicher administrativer Mehraufwand etwa bei der Abwicklung der Zollverfahren entstehen. Auch zeitaufwändige Zollkontrollen würden wohl in vielen Fällen zu längeren Lieferzeiten führen.

Daher betont VCI-Hauptgeschäftsführer Utz Tillmann: „Ziel sollte eine sehr enge Anbindung des Vereinigten Königreichs an die EU sein. Die Aushandlung eines umfassenden Abkommens braucht aber vermutlich mehr als die anvisierten zwei Jahre Zeit. Darum sind tragfähige Übergangsregeln inklusive angemessener Vorlaufzeit unerlässlich.“

Chemikaliensicherheit und Umweltrecht weiterhin harmonisieren

In den vergangenen fünfzehn Jahren haben sich die Gesetzgebung für chemische Stoffe und Produkte sowie die Vorschriften zur Arbeitssicherheit und zum Umweltschutz enorm entwickelt. Die EU und ihre Mitgliedstaaten verfügen in diesem Bereich über die weltweit anspruchsvollste Gesetzgebung. Unterschiedliche rechtliche Anforderungen würden hier erhebliche bürokratische Hürden und Kosten für den Handel bedeuten. Davon wären auch andere Branchen betroffen, die chemische Produkte weiterverarbeiten.

Tillmann betont daher: „Wir brauchen eine möglichst weitgehende gegenseitige Anerkennung und gleiche Standards bei der Produkt- und Chemikaliensicherheit sowie bei der Arbeitssicherheit und im Umweltschutz. Damit diese zentralen Anforderungen auch in Zukunft harmonisiert bleiben, sollte Großbritannien in diesen Bereichen mit allen Rechten und Pflichten in den Binnenmarkt integriert bleiben.“

Weitere Themen

In der Energie- und Klimaschutzpolitik stellt sich vor allem die Frage, ob die britische Industrie weiter am Emissionshandel teilnimmt. Von Relevanz für die Branche sind auch die Themenkomplexe gewerbliche Schutzrechte, Wettbewerbsrecht und gesellschafts- und kapitalmarktrechtliche Veränderungen.

Fallbeispiel Biozide

Sprays gegen Insekten wie die Tigermücke gehören zur Gruppe der Biozidprodukte. - Foto:
Sprays gegen Insekten wie die Tigermücke gehören zur Gruppe der Biozidprodukte. - Foto: © Jürgen Fälchle - Fotolia.com
Ein Drittel aller Biozidprodukte in der EU wird im Vereinigten Königreich bewertet und zugelassen. In anderen Mitgliedstaaten werden die Produkte dann vielfach ohne weitere Bewertung über eine gegenseitige Anerkennung auf dem Markt bereitgestellt.

Großbritannien ist darüber hinaus auch überdurchschnittlich am Prüfprogramm für alte Wirkstoffe in Bioziden beteiligt. Es übernimmt derzeit rund zehn Prozent der Bewertungen im sogenannten „Review-Programm“ der EU. In diesem werden alle Wirkstoffe einer Risikobewertung unterzogen. Diese wichtige Rolle des Vereinigten Königreichs ist nur möglich, da die zuständige britische Behörde über die nötigen Kapazitäten und die entsprechende Erfahrung verfügt. Würde die Bewertung von Wirkstoffen und Biozidprodukten auf der Insel nach dem Brexit wegfallen, müssten die Behörden in den übrigen EU-Staaten in Zukunft diese Aufgabe übernehmen.

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Dieser Artikel ist im chemie report 11/2017 erschienen.

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E-Mail: gerhaeuser@bruessel.vci.de