Weltwirtschaft im Ungleichgewicht

Leistungsbilanzüberschüsse: Fluch oder Segen?

Es gehört zu den schmerzhaften Lehren aus der Weltwirtschaftskrise 2008/2009, dass Leistungsbilanzdefizite nicht nur für die betroffenen Länder selbst, sondern auch für die Weltwirtschaft ein Problem darstellen. Aber wie ist es zu bewerten, wenn die Exporte eines Landes die Importe übersteigen? Welche Ursachen hat der deutsche Leistungsbilanzüberschuss, und sind politische Korrekturen erforderlich?

Deutschland reinvestiert zu wenig von seinem Leistungsbilanzüberschuss. Es könnte mehr Geld in die Modernisierung der hiesigen Verkehrsinfrastruktur fließen. - Foto: © picture alliance/imageBROKER
Deutschland reinvestiert zu wenig von seinem Leistungsbilanzüberschuss. Es könnte mehr Geld in die Modernisierung der hiesigen Verkehrsinfrastruktur fließen. - Foto: © picture alliance/imageBROKER

Deutschland ist zwar seit einigen Jahren kein Exportweltmeister mehr, belegt aber beim Leistungsbilanzüberschuss weiter unangefochten Platz 1. Die Bundesrepublik erntet dafür viel Kritik. Vorwürfe kommen nicht nur aus Defizitländern wie den USA, Frankreich, Großbritannien oder Griechenland, sondern auch von internationalen Organisationen. US-Präsident Trump greift Deutschland immer wieder scharf an. Sein Vorwurf: Die Bundesrepublik manipuliere den Euro, um sich auf Kosten anderer zu bereichern. Dieser Vorwurf ist absurd, denn der Außenwert des Euros wird nicht in Berlin entschieden. Die EU-Kommission und der internationale Währungsfonds (IWF) kritisieren Deutschland ebenfalls wegen seines Leistungsbilanzüberschusses. Steckt in den Vorwürfen vielleicht ein Körnchen Wahrheit?

Berlin sieht keinen Handlungsbedarf

An der Bundesregierung prallen die Vorwürfe bisher ab. In Berlin sieht man die hohe Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie als Hauptursache der Überschüsse. Niemand zwinge andere Länder dazu, deutsche Waren zu kaufen. Die Leistungsbilanz sei das Ergebnis von Angebots- und Nachfrageentscheidungen von Unternehmen und privaten Verbrauchern auf den Weltmärkten, in die sich die Politik nicht einzumischen habe. Zwar gebe es auch andere Faktoren, die zum Leistungsbilanzüberschuss beitragen, wie der demografische Wandel oder der unterbewertete Euro. Den Vorwurf der „Manipulation“ durch die deutsche Politik weist Berlin aber entschieden zurück. „Der Leistungsbilanzüberschuss ist keine wirtschaftspolitische Zielgröße der Bundesregierung“, heißt es im nationalen Reformprogramm 2018.

Der Verweis auf die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft ist riskant. Er gießt Öl ins Feuer und führt schnell zum Vorwurf, Deutschland habe sich einen unfairen Vorteil verschafft. Das provoziert Protektionismus. Überhaupt macht sich die Bundesregierung die Sache sehr einfach. Leistungsbilanzungleichgewichte sind nämlich eines der komplexesten Probleme – sowohl für Ökonomen als auch für Politiker. Viele Faktoren müssen zusammenkommen, damit ein hoher Außenhandelsüberschuss über Jahre fortbesteht. Für jede Ursache findet man namhafte Ökonomen, die darin eine Hauptursache sehen. Somit lässt sich Korrekturbedarf nach individuellem Gusto begründen – oft nicht sachgerecht.

Deutschland könnte aber einen Schuss mehr Selbstkritik vertragen und sollte seine Position überdenken. Denn viele Vorwürfe haben einen wahren Kern, und der Leistungsbilanzüberschuss hat durchaus auch seine Schattenseiten.

Überschuss hat viele Ursachen

Ungleichgewichte sind das Symptom von tieferliegenden Ursachen. Hinter einigen verstecken sich Probleme, die von der Bundesregierung durchaus beherzter angegangen werden sollten. In erster Linie ist hier die deutsche Investitionsschwäche zu nennen. Die gesamtwirtschaftliche Ersparnis fließt nicht in ausreichendem Maße in die Modernisierung des maroden Verkehrssystems oder den Ausbau der digitalen Infrastruktur, in den Umbau der Industrie oder in Innovationen, Forschung und Bildung. Stattdessen fließt Kapital ins Ausland, wo es zum Teil in Vermögenspreisblasen versickert oder Haushaltsdefizite finanziert. Das Ausland finanziert seinen Importüberschuss „auf Pump“. Jedes Jahr steigt daher das Auslandsvermögen Deutschlands in Höhe des Leistungsbilanzüberschusses. Im Ausland hingegen steigen die Schulden. Wenn Zins und Tilgung nicht mehr bedient werden können, wird das für Deutschland irgendwann zum Problem.

Eine weitere Ursache liegt in dem für Deutschland unterbewerteten Euro. Die schwache Währung verbessert zwar die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Exporteure, lockt aber ebenfalls Kapital ins Ausland.

Die Konsumschwäche ist ebenfalls ein Problem. Zwar profitieren die Beschäftigten der Exportwirtschaft in Form von hohen Löhnen vom globalen Erfolg. Das betrifft aber nur knapp 25 Prozent der Arbeitnehmer. In anderen Wirtschaftszweigen, wie der Agrarwirtschaft, dem Gastgewerbe oder dem Handel, haben sich die Exporterfolge kaum in Lohnsteigerungen niedergeschlagen. Die Steuer- und Abgabenlast ist hoch, sodass für die Arbeitnehmer dort kaum Raum für mehr Konsum bleibt.

INFOGRAFIK: Deutschland und USA im Langzeitvergleich

Saldo der Leistungsbilanz in Prozent des Bruttoinlandsprodukts

Unterschiedliche Entwicklung: Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss steigt seit über 15 haren, während die USA traditionell ein Defizit ausweisen. Quelle: IWF
Unterschiedliche Entwicklung: Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss steigt seit über 15 haren, während die USA traditionell ein Defizit ausweisen. Quelle: IWF

Starke Industrie, schwache Importe

Zweifelsfrei verfügt Deutschland über starke Industriebranchen. Nur in wenigen Ländern hat die Industrie eine ähnlich hohe Bedeutung. Deutsche Maschinen, Autos und Chemikalien oder Pharmazeutika sind weltweit gefragt. Das erklärt die hohen und steigenden Exporte Deutschlands. Es geht aber nicht darum, dass unser Export „zu stark“ ist. Es geht vielmehr darum, dass der Import „zu schwach“ ist. Exporte sind kein Selbstzweck, sie dienen letztlich dazu, heute oder morgen Importe zu realisieren. Für den schwachen Import lassen sich vielfältige Gründe anführen: hohe Sparneigung der Bürger wegen der Alterung der Gesellschaft, hohe Zölle, regulatorische Hürden aber natürlich auch die Investitionsschwäche oder die Konsumzurückhaltung.

Der Leistungsbilanzüberschuss spiegelt zudem nicht die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts wider. Im Gegenteil: Deutschland liegt im IMD-Wettbewerbsfähigkeitsranking auf Platz 15, während die USA, das Land mit dem größten Defizit, Platz 1 belegen. Die gesunkene Wettbewerbsfähigkeit hat sogar zur Ausweitung des Außenhandelsüberschusses und zur Investitionsschwäche beigetragen. Die geringe Standortattraktivität zieht deutsches Kapital ins Ausland, weil dort auch wegen der stärkeren Währung höhere Renditen erzielt werden können.

Die Bundesregierung sollte die Überschüsse nicht als Erfolg feiern, sondern mehr für die Attraktivität des Standorts tun. Der IWF empfiehlt eine „wachstumsfördernde Fiskalpolitik“ durch mehr Investitionen in Forschung, Bildung und Infrastruktur. Reformen zur Stärkung des Unternehmertums, etwa durch „Bürokratieabbau und bessere Rechtsetzung“, und eine Rentenreform gehören aus Sicht der IWF ebenfalls dazu. Diese Vorschläge sollten aufgegriffen werden. Sie werden den Überschuss nicht auf null reduzieren, aber sie wären ein wichtiges Signal nach außen und eine Investition in die Zukunft.


Dieser Artikel ist im chemie report 10/2018 erschienen.

Für Fragen und Anregungen nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf.

Ansprechpartner

Dr. Henrik Meincke

E-Mail: meincke@vci.de