VCI-Hauptgeschäftsführer Dr. Utz Tillmann im Interview zum Brexit-Referendum

„Ein trauriger Tag für die europäische Idee"

VCI-Hauptgeschäftsführer Utz Tillmann zu den Folgen des Austritts Großbritanniens für die chemisch-pharmazeutische Industrie: „Wir erwarten eine Abschwächung der Exporte nach Großbritannien und einen Rückgang der Direktinvestitionen beiderseits des Ärmelkanals. Großbritannien ist ein wichtiger Handelspartner und einer der größten Märkte in der EU für unsere Unternehmen. Aber auch als Produktions- und Vertriebsstandort spielt die Insel für die Branche eine wichtige Rolle."

VCI-Hauptgeschäftsführer Utz Tillmann zum Austritt Großbritanniens aus der Europäische Union: "Ein trauriger Tag für die europäische Idee" - Foto: © VCI/Mendel
VCI-Hauptgeschäftsführer Utz Tillmann zum Austritt Großbritanniens aus der Europäische Union: "Ein trauriger Tag für die europäische Idee" - Foto: © VCI/Mendel

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie von dem Ausgang des Brexit-Referendums gehört haben? Wie schockiert sind Sie?

Tillmann: Ein trauriger Tag für die europäische Idee. Wer mit dem Feuer spielt, darf sich aber nicht wundern, wenn das Haus Feuer fängt. Die Briten wenden sich endgültig von der EU ab. Das ist ein äußerst bedauerlicher Schritt. Ich kann die Logik der Brexit-Befürworter nicht nachvollziehen. Trotzdem gilt es, diese Entscheidung der Mehrheit zu respektieren. Die Institutionen der EU sind nun gefordert, mit einer emotionalen Entscheidung rational umzugehen. Besonnenheit ist das Gebot der Stunde.

Welche Auswirkungen der Entscheidung erwarten Sie für Großbritannien: Erstens in politischer und zweitens in wirtschaftlicher Hinsicht?

Tillmann: Großbritannien trennt künftig mehr als nur der Ärmelkanal von der EU. Es verliert seinen Einfluss auf die Gestaltung der Zukunft Europas und notwendige Reformen in der EU. Eine stark national fokussierte Wirtschafts- und Sozialpolitik wird die Probleme der Briten aber nicht lösen. Im Gegenteil: Der Insel droht eine Rezession, langfristig schwächeres Wirtschaftswachstum und der Verlust von Arbeitsplätzen.

Welche Auswirkungen der Entscheidung erwarten Sie für die EU: Erstens in politischer und zweitens in wirtschaftlicher Hinsicht?

Tillmann: Eine Phase latenter Unsicherheit bricht an. Die mehrjährigen Verhandlungen über den Austritt werden die Institutionen der EU so stark in Atem halten wie die Suche nach Lösungen in der Flüchtlingspolitik oder für die Schuldenkrise. Eine Rezession in Großbritannien könnte auf die EU ausstrahlen. Deshalb muss Brüssel den wirtschaftlichen Austausch der Briten mit dem EU-Binnenmarkt umfassend in den Verträgen regeln.

Was bedeutet die Entscheidung konkret für Ihr Geschäft (Auswirkungen)?

Tillmann: Nichts Gutes. Wir erwarten eine Abschwächung der Exporte der chemisch-pharmazeutischen Industrie nach Großbritannien und einen Rückgang der Direktinvestitionen beiderseits des Ärmelkanals. Großbritannien ist ein wichtiger Handelspartner und einer der größten Märkte in der EU für unsere Unternehmen. Aber auch als Produktions- und Vertriebsstandort spielt die Insel für die Branche eine gewichtige Rolle.

Erwarten Sie, dass es auch in anderen Ländern nach dem Beispiel Großbritanniens Referenden über einen EU-Austritt bzw. vielleicht sogar Austritte geben könnte?

Tillmann: Derzeit sehe ich keine ernsthaften Überlegungen in anderen Mitgliedstaaten, der EU ebenfalls den Rücken zukehren zu wollen. Darüber hinaus hoffe ich aber, dass die wirtschaftlichen Konsequenzen, die die britische Volkswirtschaft nun wohl zu spüren bekommt, andere davon abhalten werden, in eine solche Richtung zu denken.

Die Fragen stellte das „Handelsblatt".

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