Transatlantisches Freihandelsabkommen: Chancen für beide Seiten

Weniger Schranken – mehr Wohlstand

Seit Juli 2013 verhandeln EU und USA über ein umfassendes Freihandelsabkommen. Die deutsche chemische Industrie setzt sich seit langem für ein solches Abkommen ein, da es zum dringend benötigten Wirtschaftswachstum beitragen kann – und zwar beiderseits des Atlantiks. Der Leiter des VCI-Europabüros, Professor Reinhard Quick, über die Chancen und Herausforderungen für die deutsche Wirtschaft.

Professor Reinhard Quick: Der VCI setzt sich für ein umfassendes Freihandelsabkommen der EU mit den USA ein. © VCI
Professor Reinhard Quick: Der VCI setzt sich für ein umfassendes Freihandelsabkommen der EU mit den USA ein. © VCI

Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass sich die transatlantischen Partner am Ende auf ein ambitioniertes Freihandelsabkommen verständigen werden?

Voraussetzung ist der politische Wille, alle Handelshemmnisse abzubauen und gegenseitige Regelwerke einander anzugleichen. Die EU und die USA durchleben gerade wirtschaftlich schwierige Zeiten. Beide benötigen dringend Wachstumsimpulse und neue Arbeitsplätze, um die Krise und ihre Folgen zu meistern. Freihandel ist ein besonders effektiver Weg, um Wachstum zu schaffen. Was liegt da näher, als die wirtschaftliche Integration mit seinem größten Handelspartner zu vertiefen? Dieses Ziel sollten die Verhandlungsdelegationen nicht aus den Augen verlieren. In den öffentlichen Diskussionen über das Vorhaben wird allerdings auch Kritik laut. Der VCI setzt sich intensiv mit den darin vorgetragenen Bedenken auseinander und versucht, durch Aufklärung zum Gelingen von TTIP beizutragen.

Worin genau sehen Sie die Chancen des Freihandelsabkommens?

TTIP wird zu Wohlfahrtsgewinnen sowohl in der EU als auch in den Vereinigten Staaten führen. Die Europäische Kommission hat vorgerechnet, dass in der Haushaltskasse einer vierköpfigen Familie jedes Jahr durchschnittlich 545 Euro mehr landen können, wenn das Freihandelsabkommen tatsächlich mit ehrgeizigen Ergebnissen abgeschlossen wird.

Wodurch entsteht dieser ökonomische Vorteil?

Durch Abschaffung der Handelsbarrieren, zum Beispiel Zölle, und durch eine bessere Arbeitsteilung: Jeder konzentriert sich ganz einfach auf das, was er am besten kann. Dadurch können Größenvorteile genutzt werden, indem auf einer Seite des Atlantiks für beide Märkte produziert wird, während andere Teile auf der anderen Seite hergestellt werden. Letztlich mündet das in weniger Kapazitäten mit höherer Produktivität, sodass Kosten und Preise sinken.

Gibt es weitere Vorteile durch TTIP?

Man kann davon ausgehen, dass durch effizientere Produktionsweisen die Angebotsvielfalt zunehmen und auch die Qualität steigen wird. Davon profitieren sowohl die industriellen Kunden als auch die Endverbraucher. Und ein weiterer entscheidender Vorteil betrifft vor allem forschungsintensive Branchen wie die Chemie: Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung werden wirtschaftlicher, wenn die Innovationen ungehindert in zwei Märkten vermarktet werden können. Durch TTIP wird also auch der technische Fortschritt zusätzlichen Auftrieb erhalten.

Wäre ein multilateraler Freihandel denn nicht besser als eine bilaterale Lösung?

Die Weltwirtschaft wandelt sich rasant, und die Handelsliberalisierung im Rahmen der WTO ist ins Stocken geraten. Da sich die WTO-Mitglieder derzeit nicht zu einer multilateralen Lösung durchringen können, setzen sie auf bilaterale Abkommen. Diese können eine sinnvolle Ergänzung zu den WTO-Verhandlungen sein. Insbesondere eine engere transatlantische Handelspartnerschaft könnte als „Freihandelsabkommen mit Modellcharakter“ dynamische Impulse setzen und zum Beispiel neue Lösungsansätze für die Bekämpfung von Exporthindernissen in anderen Staaten sowie für den verbesser­ten Zugang zu Rohstoffen entwickeln.

Die Erwartungen der Wirtschaft an TTIP sind groß. Was macht das Abkommen so besonders?

Zunächst geht es um Marktzugang. Die Zölle im Warenverkehr werden beseitigt. Hierunter fallen auch der Warenursprung und Handelserleichterungen an der Grenze. Die Industriezölle sind zwar niedrig, aber der Handel ist umso größer. Wir schätzen, dass die US- und EU-Unternehmen jährlich Zölle in Höhe von 1,6 Milliarden Euro an die Haushalte abführen. TTIP wird ferner Vorschriften zu traditionellen und neuen Themen enthalten, wie zum Beispiel für Investitionen, Regierungskäufe, Dienstleistungen, gewerblichen Rechtsschutz, Wettbewerbsrecht, Zugang zu Rohstoffen und strengere Regeln für Exportbeschränkungen. Erstmals aber, und hierin unterscheidet sich TTIP von bisherigen Freihandelsabkommen, wollen sich zwei Partner auch zur regulatorischen Zusammenarbeit bekennen. Dadurch sollen Handelshemmnisse „hinter der Grenze“ abgebaut werden, die zu unnötigen Belastungen führen – dies allerdings bei Aufrechterhaltung hoher Schutzstandards für Umwelt und Verbraucher.

Manche Umwelt- und Verbraucherschützer behaupten allerdings, TTIP berge auch Gefahren für Europa. Was entgegnen Sie diesen Bedenkenträgern?

Dass ihre Bedenken unberechtigt sind, denn jede Seite kann weiterhin ihre eigenen Standards im Umwelt-, Klima- und Verbraucherschutz sowie im Gesundheitssektor erlassen. Beide werden allerdings dazu verpflichtet, den jeweiligen transatlantischen Partner frühzeitig zu konsultieren und ihm die Möglichkeit zur Kommentierung zu geben. Die gesetzgeberische Souveränität der EU bleibt unangetastet.

Warum setzt sich die Chemie so vehement für die regulatorische Kooperation ein?

Der Chemiesektor ist extrem reguliert. Die zahlreichen unterschiedlichen Regelungen auf beiden Seiten des Atlantiks führen nicht nur zu erheblichen Behinderungen im Warenverkehr, sie sind auch recht kostspielig. Denn nicht selten müssen die Unternehmen in zwei Prozeduren weitgehend ähnliche Anforderungen erfüllen. So unterscheiden sich zum Beispiel die Methoden der Stoffbewertung – mit dem Ergebnis, dass die Bewertungen selbst nicht in beiden Regionen verwendet werden können. Dabei gäbe es viele Möglichkeiten, um Doppelarbeit und Zusatzkosten zu vermeiden, ohne die jeweiligen Schutzstandards anzutasten. Darunter fallen zum Beispiel Datengenerierung und -erfassung, Berichtspflichten oder auch Inspektionen durch Behörden.

Ihr Fazit zu TTIP?

TTIP ist im Interesse der deutschen und europäischen Wirtschaft. Europa hat das dadurch generierte Wirtschaftswachstum und die Arbeitsplätze bitter nötig.

Das vollständige Interview aus dem chemie report 09/2013 finden Sie im Downloadbereich im Kopf dieser Seite.

Für Fragen und Anregungen nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf.

Ansprechpartner

Jenni Glaser

E-Mail: glaser@vci.de

Prof. Dr. Reinhard Quick

E-Mail: quick@bruessel.vci.de