Gewässerschutz

VCI-Position zu Spurenstoffen in Gewässern

Das Bundesumweltministerium will Seen, Flüsse und Küstengewässer wirksamer vor Spurenstoffen schützen, die aus Medikamenten, Haushalts- und Industriechemikalien oder Pflanzenschutzmitteln stammen können. Der VCI hat sich in den dazu initiierten Stakeholder-Dialog eingebracht und Position bezogen: Die Branche ist bereit, ihren Teil der gesellschaftlichen Verantwortung zu tragen. Wenn Stoffe zu Problemen für den Menschen oder die aquatische Umwelt führen, muss gehandelt werden – der wissenschaftliche Nachweis einer Gefahr ist die notwendige Grundlage dafür.

Der VCI zur Spurenstoff-Strategie des BMUB: Die Chemiebranche ist bereit, ihren Teil der gesellschaftlichen Verantwortung zu tragen. Aktionen zu Spurenstoffen sollten auf europäischer Ebene gebündetl und durch den Bund koordiniert werden. Dabei muss der bestehende europäische und nationale Rechtsrahmen berücksichtigt werden. - Foto: © yanikap - stock.adobe.com
Der VCI zur Spurenstoff-Strategie des BMUB: Die Chemiebranche ist bereit, ihren Teil der gesellschaftlichen Verantwortung zu tragen. Aktionen zu Spurenstoffen sollten auf europäischer Ebene gebündetl und durch den Bund koordiniert werden. Dabei muss der bestehende europäische und nationale Rechtsrahmen berücksichtigt werden. - Foto: © yanikap - stock.adobe.com

Spurenstoffe – Kleine Konzentrationen aber große Probleme?!

In den vergangenen Jahren ist die Belastung der Gewässer mit Chemikalien durch gemeinsame Anstrengungen von Industrie, Kommunen und Behörden stark reduziert worden. Dieser Erfolg und die Leistungsfähigkeit moderner analytischer Methoden haben dazu geführt, dass der Blick inzwischen auf verbliebene kleinste stoffliche Verunreinigungen in Flüssen und Seen fällt. Die laufende Diskussion und eine wissenschaftliche Bewertung müssen zeigen, ob diese kleinsten Verunreinigungen nur „unerwünscht“ sind oder tatsächlich eine Gefahr für den Menschen (über das Trinkwasser) oder die aquatische Umwelt darstellen.

Die chemisch-pharmazeutische Industrie schafft Produkte, die einen Mehrwert für die Menschen in verschiedenen Gebieten haben, zum Beispiel in den Bereichen:

  • Gesundheit,
  • verbesserte Lebensqualität,
  • Erzeugung hochwertiger, gesunder Lebensmittel,
  • verbesserte Hygiene,
  • Beiträge zur „Energiewende“ und „Elektromobilität“,
  • vorbeugender Brandschutz,
  • neue effiziente Werkstoffe für Produkte des täglichen Lebens.

Bei der Herstellung von Stoffen für diese Anwendungsgebiete steht für die Unternehmen nicht allein der wirtschaftliche Erfolg im Vordergrund. Ebenso wichtig ist das Bekenntnis zur Verantwortung für die hergestellten Produkte über den gesam-ten Lebenszyklus. Dazu hat sich die Branche zum Beispiel in der deutschen Nach-haltigkeitsinitiative „Chemie3“, in der „Responsible Care-Initiative“ oder in internationalen Projekten wie dem „Strategischen Ansatz zum internationalen Chemikalienmanagement (SAICM)“ bekannt.

In Europa schafft die Chemikaliengesetzgebung ein hohes Schutzniveau für Mensch und Umwelt. Diese Regelungen umfassen zum Beispiel das Arzneimittelrecht, die Pflanzenschutzmittelverordnung, die Verordnung über Biozidprodukte, die Bedarfsgegenstände-Verordnung und einige mehr. Inhalt der Gesetzgebung sind behördliche Genehmigungen, die Überwachung der Produktion, die „Registrierung“ von Chemikalien und eine Vielzahl von produkt- und anwendungsspezifischen Zulassungen.

Der Stand der Technik bei der Abwasserreinigung wird durch die „Industrial Emission Directive“ (IED) auf europäischer Ebene festgelegt und über die Abwasserverordnung sowie branchenspezifische Anhänge zur Abwasserverordnung in das deutsche Recht umgesetzt.

Mit einer frühzeitigen Bewertung durch die Unternehmen der chemisch-pharmazeutischen Industrie wird eine sichere Verwendung ihrer Produkte sichergestellt. Zusätzlich führt die hohe Qualität der industriellen Abwasserreinigung in Verbindung mit der Überwachung durch die zuständigen Behörden dazu, dass Stoffeinträge aus der Produktion in die Gewässer zu vernachlässigen sind oder, falls notwendig, in Absprache mit den Behörden weiter reduziert werden.

Herstellung, Anwendung und Entsorgung von Chemieprodukten

Die von der Chemie- und Pharma-Industrie hergestellten Stoffe haben immer definierte Funktionen. So soll etwa ein Flammschutzmittel, das bei der Ausrüstung von Theatern oder öffentlichen Verkehrsmitteln mit Teppichen oder Vorhängen zum Einsatz kommt, Menschen schützen. Durch das Waschen der Textilien können aber Spuren des Mittels in kleinsten Konzentrationen trotz entsprechender Abwasserreinigung durch die Kläranlagen in Gewässer gelangen. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass durch diesen Spurenstoff Probleme für Mensch und Umwelt verursacht werden. Von dieser Problematik sind auch nur wenige Stoffe betroffen. Die meisten Stoffe werden in den Kläranlagen sicher entfernt.

Risikobewertung

Bei der Bewertung der gesellschaftlichen und ökonomischen Vor- und Nachteile eines Stoffes müssen immer die Vor- und Nachteile gegeneinander abgewogen werden. Grundlage jeder wissenschaftlichen oder umweltpolitischen Diskussion rund um Spurenstoffe in Gewässern muss eine wissenschaftliche Bewertung oder Risikoabschätzung sein. Allein der analytische Befund, also der Nachweis eines Stoffes in einem Gewässer, ist keine ausreichende Begründung für Maßnahmen.

Eine vollständige Eliminierung aller Spurenstoffe ist technisch nicht zu erreichen. Es muss daher politisch entschieden werden, welche Stoffbefunde in Gewässern die Gesellschaft im Zusammenhang mit der modernen Lebensweise akzeptieren kann. Wir brauchen ein neues Verständnis zum Umgang mit Spurenstoffen.

Vorbild kann hier die Arbeit der Europäischen Kommission („Working Group Chemicals“) sein, die auf europäischer Ebene Umweltqualitätsnormen für Oberflächengewässer erarbeitet. Solange diese wissenschaftlich abgeleiteten Umweltqualitätsnormen unterschritten sind, befindet sich das Gewässer nach der europäischen Was-serrahmenrichtlinie im „chemisch guten Zustand“.

Wenn die Umweltqualitätsnormen überschritten werden, sind Maßnahmen unter Einbeziehung aller Beteiligten zu ergreifen. In jedem Fall sind dabei die europäischen Vorgaben mit dem deutschen Recht und flussgebietsspezifischen Vorgaben abzugleichen.

Spurenstoffe dürfen nur als „Mikroschadstoff“ bezeichnet werden, wenn von ihnen eine feststellbare Schadwirkung ausgeht. Das ist dann möglich, wenn die Umweltqualitätsnorm dieser Stoffe bekannt ist und der Nachweis einer Überschreitung der angestrebten Grenzkonzentration im Gewässer erbracht wird.

Laufende modellhafte Projekte zur Reduzierung von Spurenstoffen in Gewässern (zum Beispiel an der Schussen, die in den Bodensee mündet) sollten auf tatsächli-che Verbesserungen der Gewässerqualität geprüft werden. Dabei müssen die ge-gebenenfalls erzielten Verbesserungen in einem angemessenen Verhältnis zu den entstehenden Kosten und wirtschaftlichen Folgen stehen. Maßnahmen ohne nachprüfbare Verbesserungen lehnt die chemisch-pharmazeutische Industrie ab.

Fazit:

Alle Aktionen zu Spurenstoffen sollten auf europäischer Ebene gebündelt und durch den Bund koordiniert werden. Alleingänge auf landespolitischer und kommunaler Ebene sollten vermieden werden. Bei nationalen Aktivitäten muss in jedem Fall der bestehende europäische und nationale Rechtsrahmen berücksichtigt werden. Dabei sollte auch auf ordnungsrechtliche „Kohärenz“ geachtet werden. Das „Technical Guidance Dokument*“ der EU zur Ableitung von Umweltqualitätsnormen muss dabei wissenschaftlicher Bewertungsmaßstab sein.

Die chemisch-pharmazeutische Industrie stellt ihre Stoffe und Produkte für die Menschen und die Umwelt her. Die Branche ist bereit, ihren Teil der gesellschaftlichen Verantwortung zu tragen. Wenn Stoffe zu Problemen für den Menschen oder die aquatische Umwelt führen, muss gehandelt werden – der wissenschaftliche Nachweis einer Gefahr ist die notwendige Grundlage dafür.

Hinweis:
Eine druckfreundliche Fassung dieses Positionspapiers finden Sie im Download-Bereich im Kopf dieser Seite (sog. „Langfassung")

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Ansprechpartner

Dr. Thomas Kullick

E-Mail: kullick@vci.de