Auswirkungen des Krieges in der Ukraine

Gesamt­wirtschaft­liche Studien im Überblick

17. Juni 2022 | Bericht

Der Krieg in der Ukraine wird erhebliche Auswirkungen auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in Deutschland, Europa und der Welt haben.

Studien untersuchen die Auswirkungen des Ukraine-Krieges auf die Gesamtwirtschaft. © peterschreiber.media/stock.adobe.com
Studien untersuchen die Auswirkungen des Ukraine-Krieges auf die Gesamtwirtschaft. © peterschreiber.media/stock.adobe.com

Die negativen Auswirkungen des Krieges in der Ukraine auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in Deutschland, Europa und der Welt werden immer deutlicher. Die jüngsten Prognosen der Wirtschaftsforschungsinstitute gehen von deutlich niedrigeren Prognosen als noch vor ein paar Wochen aus. Risikoszenarien verdeutlichen die großen Unsicherheiten in den Prognosen.

Der Krieg in der Ukraine führt bei allen Studien zu einer Rücknahme der Prognosen. Insbesondere die negativen Auswirkungen auf der Angebotsseite und die steigenden Preise tragen zur Rücknahme der Prognosen bei. Russland ist ein wichtiger Lieferant von Energie und Rohstoffen. Ein Ausfall von Lieferungen verschlimmert zum einen das bereits immanente Problem der Engpässe in den Lieferketten. Zum anderen steigen die Preise für Energie und Rohstoffe deutlich. Beides behindert die Produktionsmöglichkeiten der Unternehmen. Die steigenden Preise befeuern zudem die Inflation, was wiederum den Konsum dämpft. Die Nachfrage wird darüber hinaus auch aufgrund wegbrechender Geschäfte in den Kriegsregionen abnehmen. Diese Effekte dürften aber aufgrund der begrenzten Größe des Absatzmarktes der Kriegsländer relativ gering ausfallen. Die gestiegenen Unsicherheiten wirken sich zudem dämpfend auf die Investitionen aus.

Einige Makroökonomen versuchen über Modelle die möglichen Folgen eines Gasembargos abzuschätzen. Nachdem erste Studien aufgrund methodischer Mängel nur zu geringfügigen Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft kamen (Bachmann et al. (2022)), hat die Bundesbank zuletzt ein Risikoszenario vorgelegt, dass die Auswirkungen über die Wertschöpfungsketten und die Nachfrage hinweg gut abbildet. Demzufolge würde ein Gasembargo zu einer deutlichen Rezession in Deutschland führen (Bundesbank, Seite 23ff: https://www.bundesbank.de/de/presse/pressenotizen/bundesbank-projektionen-wirtschaftserholung-duerfte-sich-fortsetzen-892554).

Wir geben im Folgenden einen Überblick über jüngste Prognosen der großen Wirtschaftsforschungsinstitute mit Hinweisen zu den wichtigsten Annahmen.

Am 13. April legte die Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose ihre Analyse der Entwicklung der Weltwirtschaft und der deutschen Wirtschaft vor. Die Gemeinschaftsdiagnose wird erarbeitet vom DIW in Berlin, vom ifo Institut in München, vom IfW in Kiel, vom IWH in Halle und vom RWI in Essen. Das Gutachten mit dem Titel „Von der Pandemie zur Energiekrise – Wirtschaft und Politik im Dauerstress“ enthält eine detaillierte Kurzfristprognose bis zum Jahr 2023 sowie eine mittelfristige Projektion der Wirtschaftsentwicklung bis zum Jahr 2026. Das Schwerpunktthema behandelt die Frage, wie sich die Dekarbonisierung auf das Produktionspotenzial auswirkt. Die deutsche Wirtschaft steuert laut den Experten des Gutachtens durch schwieriges Fahrwasser. Die Auftriebskräfte durch den Wegfall der Pandemiebeschränkungen, die Nachwehen der Corona-Krise und die Schockwellen durch den Krieg in der Ukraine sorgen für gegenläufige konjunkturelle Strömungen. Allen Einflüssen gemeinsam sei ihre preistreibende Wirkung. Unter der Voraussetzung, dass das Kriegsgeschehen in der Ukraine mit Blick auf die ökonomische Aktivität nicht weiter eskaliert, werden die konjunkturellen Auftriebskräfte ab dem Frühjahr die Oberhand gewinnen. Alles in allem erwarten die Institute einen Anstieg des Bruttoinlandsproduktes von 2,7% für dieses Jahr und 3,1% für nächstes Jahr. Eine indirekte Anpassung der Prognose nach unten erfolgte am 27. April (siehe nächster Absatz). Dies verdeutlicht einmal mehr die großen Unsicherheiten. Maßgeblich dafür sind der hohe Auftragsüberhang in der Industrie sowie nachholende Konsumaktivität. Im Falle eines sofortigen Embargos für die Öl- und Gaslieferungen aus Russland in die Europäische Union würde hingegen die deutsche Wirtschaft in eine scharfe Rezession geraten. Der kumulierte Verlust an gesamtwirtschaftlicher Produktion dürfte sich in diesem Fall bereits in den beiden Jahren 2022 und 2023 auf rund 220 Mrd. Euro belaufen, was mehr als 6,5% der jährlichen Wirtschaftsleistung entspricht.

Link zur Gemeinschaftsdiagnose

Am 27. April wurde die Frühjahrsprojektion 2022 der Bundesregierung veröffentlicht. Sie geht von einer Zunahme des preisbereinigten Bruttoinlandsprodukts für das laufende Jahr um 2,2% und für das Jahr 2023 um 2,5% aus. Damit revidiert die Bundesregierung gegenüber ihrer im Januar vorgelegten Jahresprojektion die BIP-Zuwachsrate für das laufende Jahr um 1,4 Prozentpunkte merklich nach unten und für das kommende Jahr um 0,2 Prozentpunkte nach oben. Die Projektgruppe Gemeinschaftsprognose prüfte die Frühjahrsprojektion 2022 der Bundesregierung. Sie hält diese vor dem Hintergrund der derzeitigen Informationslage plausibel und befürwortet die Projektion.

Link zur Frühjahrsprojektion 2022 der Bundesregierung

Link zur Stellungnahme Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose zur Frühjahrsprojektion 2022 der Bundesregierung

Nach den aktuellen Projektionen der Deutschen Bundesbank im Juni 2022 dürfte das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr 1,9 Prozent betragen. Die wirtschaftliche Erholung in Deutschland dürfte sich damit fortsetzen, jedoch deutlich gedämpfter als im vergangenen Dezember vorausgeschätzt. Für die Jahre 2023 und 2024 erwarten die Bundesbank-Fachleute in ihren neuen Projektionen einen Zuwachs des realen Bruttoinlandsprodukts um 2,4 beziehungsweise 1,8 Prozent. Die Unsicherheiten über die künftige Wirtschaftsentwicklung sind allerdings wegen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine außergewöhnlich hoch. Dem Basisszenario liegt die Annahme zugrunde, dass sich der Krieg und seine Folgen nicht weiter verschärfen. Insgesamt befindet sich die deutsche Wirtschaft gegenwärtig in einem Spannungsfeld entgegengesetzt wirkender Kräfte. Ab der zweiten Jahreshälfte 2022 dürften die Auftriebskräfte durch die weitgehend entfallenen Pandemie-Schutzmaßnahmen stärker überwiegen. Auch sei zu erwarten, dass die Preise für Energierohstoffe etwas sinken, die Lieferengpässe graduell nachlassen und die Auslandsnachfrage wieder zulegt. Zugleich dürften die privaten Haushalte zumindest einen Teil der in der Corona-Pandemie aufgelaufenen Ersparnisse für den Konsum ausgeben. Zusätzliche staatliche Verteidigungsausgaben sorgen für weitere Impulse. Jedoch führe die außergewöhnlich hohe Teuerung zur Verunsicherung von Verbraucherinnen und Verbrauchern und schwäche deren Kaufkraft.

Die Bundesbank hat ergänzend ein alternatives Risikoszenario berechnet, das einen Abbruch der Energielieferungen aus Russland enthält. In diesem Fall könnte die wirtschaftliche Aktivität im Jahr 2023 markant zurückgehen. Das BIP würde 2023 um knapp 7 Prozent niedriger ausfallen als im Basisszenario. Das wäre eine schwere Rezession. Damit fällt das Risikoszenario auch noch einmal deutlich schlechter aus als noch im Mai in einer ersten Analyse berechnet.

Link zur Bundesbank-Projektionen

Der im Juni erschienene OECD-Wirtschaftsausblick beschäftigt sich mit dem Preis des Krieges für die Weltwirtschaft und einzelner Länder. Neben der humanitären Katastrophe ist auch die wirtschaftliche Erholung bedroht, die nach zwei Jahren der Pandemie im Gange war. Da Russland und die Ukraine große Rohstoffexporteure sind, hat der Krieg die Energie- und Lebensmittelpreise in die Höhe getrieben, was das Leben für viele Menschen auf der ganzen Welt schwieriger macht. Die Weltwirtschaft dürfte sich in der Projektion der OECD damit stark abschwächen. Der Bericht schätzt das weltweite Wachstum im Jahr 2022 auf 3 Prozent – gegenüber den 4,5 Prozent, die noch im vergangenen Dezember prognostiziert wurden. Im Jahr 2023 rechnen die Experten der OECD mit 2,75 Prozent. Die Inflationsprognosen für 2022 liegen in den OECD-Ländern nun bei fast 9 Prozent und damit doppelt so hoch wie zuvor prognostiziert. Die weltweit erhöhte Inflation untergräbt das real verfügbare Einkommen und den Lebensstandard der Haushalte und senkt wiederum den Konsum. Die Unsicherheit schreckt Unternehmensinvestitionen ab und droht, das Angebot für die kommenden Jahre zu drosseln. Gleichzeitig belastet Chinas Null-Covid-Politik weiterhin die globalen Aussichten, senkt das inländische Wachstum und stört die globalen Lieferketten. Die deutsche Wirtschaft wird nach den OECD Prognosen voraussichtlich um 1,9 Prozent im Jahr 2022 und 1,7 Prozent im Jahr 2023 wachsen. Das Vertrauen von Investoren und Verbrauchern ist eingebrochen und die Engpässe in der Lieferkette haben sich verschärft, was die Erholung der Industrieproduktion und der Exporte trotz eines großen Auftragsbestands auf Ende 2022 verschoben hat. Die Erholung könnte durch einen plötzlichen Stopp der Gasimporte aus Russland oder anhaltendere Lockdowns in China weiter entgleisen.

Link zum OECD-Wirtschaftsausblick


Kontakt

Für Fragen und Anregungen nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf.

Dipl.-Volksw. Christiane Kellermann

Kontaktperson

Dipl.-Volksw. Christiane Kellermann

Konjunktur, Investitionen & Innovationen, Energie & Klima

Dr. Henrik Meincke

Kontaktperson

Dr. Henrik Meincke

Bereichsleitung Volkswirtschaft, Wirtschafts- & Industriepolitik, Konjunktur, Transformation