Auswirkungen des Krieges auf die Gesamtwirtschaft

Gesamt­wirtschaft­liche Studien im Überblick

28. November 2022 | Bericht

Die negativen Auswirkungen des Krieges in der Ukraine auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung insbesondere in Deutschland und Europa werden immer deutlicher.

Studien untersuchen die Auswirkungen des Ukraine-Krieges auf die Gesamtwirtschaft. © peterschreiber.media/stock.adobe.com
Studien untersuchen die Auswirkungen des Ukraine-Krieges auf die Gesamtwirtschaft. © peterschreiber.media/stock.adobe.com

Die jüngsten Prognosen der Wirtschaftsforschungsinstitute gehen inzwischen für Deutschland und Europa von einer Rezession im Jahr 2023 aus. Das Ausmaß des Rückgangs ist aufgrund der großen Unsicherheiten weiterhin offen. Die große Bandbreite der Prognosen spiegeln diese Unsicherheiten wider. Während der Sachverständigenrat nur von einem Minus von 0,2 Prozent ausgeht, erwartet beispielsweise das Institut der deutschen Wirtschaft einen Rückgang von 1,75 Prozent. Die DIHK kommt nach einer aktuellen Unternehmensbefragung sogar zu einem Minus von 3 Prozent. Risikoszenarien der Institute kommen bei Unterstellung einer tatsächlichen Gasmangellage in den nächsten Wintern auch noch zu deutlich stärkeren Rückgängen.

Die Probleme auf der Angebotsseite und die hinzukommenden Probleme auf der Nachfrageseite belasten die deutsche Wirtschaft immer stärker. Die steigenden Energiepreise behindern nicht nur die Produktion der energieintensiven Industrien. Sie führen über die Produktionsdrosselungen auch zu Knappheiten in den Wertschöpfungsketten. Das Preisniveau insgesamt steigt und befeuert die Inflation, was wiederum den Konsum dämpft. Steigende Zinsen und die großen Unsicherheiten wirken sich zudem dämpfend auf die Investitionen aus. Hinzu kommt eine Abschwächung der Weltwirtschaft mit negativen Auswirkungen auf das Exportgeschäft.

Im Vergleich zum Sachverständigenrat, aber auch im Vergleich zur Bundesregierung bewertet der VCI die Folgen dieser Entwicklungen deutlich pessimistischer und erwartet für das BIP in Deutschland einen Rückgang von über einem Prozent. Zu den aktuellen Einschätzungen des VCI zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und den Kundenindustrien: Quartalsbericht Business Worldwide

Wir geben im Folgenden einen Überblick über jüngste Prognosen der Wirtschaftsforschungsinstitute mit Hinweisen zu den wichtigsten Annahmen.

OECD Wirtschaftsausblick: Confronting the crisis

Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine hat eine Energiekrise von historischem Ausmaß ausgelöst, die die Inflation antreibt, Vertrauen untergräbt, die Kaufkraft der privaten Haushalte schmälert und weltweit die Risiken erhöht. Die globale Wirtschaft wird deutlich schwächer wachsen als vor Beginn des Krieges erwartet. Für dieses Jahr erwartet die OECD in ihrem aktuellen Wirtschaftsausblick bescheidene 3,1 Prozent Wachstum, die sich 2023 auf 2,2 Prozent abschwächen dürften. 2024 wird das Wachstum den Projektionen zufolge auf immer noch magere 2,7 Prozent zulegen.

Der aktuelle Ausblick ist mit erheblichen Unsicherheiten behaftet. Das Wachstum könnte schwächer ausfallen als prognostiziert, wenn die Energiepreise weiter steigen oder wenn die Gas- und Strommärkte in Europa und Asien von Störungen der Energieversorgung betroffen sind. Steigende globale Zinssätze könnten viele Haushalte, Unternehmen und Regierungen unter größeren Druck setzen, da die Schuldendienstlast steigt. Länder mit niedrigem Einkommen werden weiterhin besonders anfällig für hohe Lebensmittel- und Energiepreise sein, während eine Verschärfung der globalen Finanzbedingungen das Risiko einer weiteren Verschuldungsproblematik erhöhen kann.

Vor diesem Hintergrund empfiehlt die OECD eine Reihe politischer Maßnahmen, die die Regierungen ergreifen sollten, um die Krise zu bewältigen. Eine weitere Straffung der Geldpolitik ist in den meisten großen fortgeschrittenen Volkswirtschaften und in vielen Schwellenländern erforderlich, um die Inflationserwartungen fest zu verankern und die Inflation dauerhaft zu senken.

Die fiskalische Unterstützung, die zur Abfederung der Auswirkungen der hohen Energiekosten gewährt wird, sollte zunehmend zeitlich begrenzt sein und Anreize zur Senkung des Energieverbrauchs erhalten. Die Unterstützungsmaßnahmen sollten so konzipiert sein, dass die fiskalischen Kosten so gering wie möglich gehalten werden und sich auf die Unterstützung der schwächsten Haushalte und Unternehmen konzentrieren.

Die Bewältigung der Energiekrise erfordert eine entschlossenere politische Unterstützung, um Investitionen in saubere Technologien anzukurbeln, die Energieeffizienz zu fördern, die Versorgung mit alternativen Energiequellen zu sichern und die Politik neu auf die Ziele des Klimaschutzes auszurichten.

Zum OECD Wirtschaftsausblick vom 22. November 2022

Jahresgutachten des Sachverständigenrats: Die Energiekrise solidarisch überwinden und die neue Realität gestalten

Die wirtschaftliche Entwicklung im ersten Halbjahr 2022 wurde vor allem durch den noch steigenden Dienstleistungskonsum gestützt. Seit Mitte des Jahres führen die massiv angestiegenen Energie- und Lebensmittelpreise aber zu immer stärkeren Kaufkraftverlusten und dämpfen den privaten Konsum. Gleichzeitig belastet die Energiekrise die Produktion, insbesondere in den energieintensiven Industriezweigen. Die globale Abkühlung schwächt die Exportnachfrage. Aufgrund des massiv verschlechterten Ausblicks senkt der Sachverständigenrat die Prognose für das Jahr 2022 und erwartet, dass das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland nur noch um 1,7 Prozent steigt – für das Jahr 2023 erwartet er einen Rückgang des BIP von 0,2 Prozent. Im Jahr 2023 dürften Exporte und Investitionen der Unternehmen aber allmählich wieder zunehmen. Außerdem ist zu erwarten, dass die Lieferengpässe langsam nachlassen und der hohe Auftragsbestand der Industrie abgearbeitet wird.

Die Energiekrise und die hohe Inflation belasten die Haushalte und die Unternehmen in Deutschland massiv. Daher sind Maßnahmen gegen die Energieknappheit und möglichst zielgenaue Entlastungen angezeigt. Die Finanzierung dafür muss sichergestellt werden, ohne die öffentlichen Finanzen übermäßig zu strapazieren. Geopolitische Veränderungen erfordern, dass Deutschland seine Abhängigkeiten in den Lieferketten reduziert. Der strukturelle und der demographische Wandel machen eine zielgerichtete berufliche Weiterbildung sowie eine gesteuerte Erwerbsmigration unverzichtbar.

Zum Jahresgutachten des Sachverständigenrats vom 9. November 2022

Gemeinschaftsdiagnose: Energiekrise: Inflation, Rezession, Wohlstandsverlust

Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute halbieren annähernd ihre im Frühjahr aufgestellte Prognose für den Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts in diesem Jahr auf jetzt 1,4 %. Für das kommende Jahr senken sie ihre Prognose von 3,1 % auf –0,4 %. Die Wirtschaftsleistung im laufenden und kommenden Jahr fällt damit insgesamt um 160 Mrd. Euro niedriger aus als bislang erwartet. Der Grund für die Verschlechterung der konjunkturellen Aussichten sind vor allem die reduzierten Gaslieferungen aus Russland. Mit ihnen ist ein erheblicher Teil des Gasangebots weggefallen und die Gaspreise in den Sommermonaten in die Höhe geschossen. Die Unternehmen haben bereits damit begonnen, ihren Gasverbrauch spürbar einzuschränken. Auch wenn die Institute für den kommenden Winter bei normalen Witterungsbedingungen mit keiner Gasmangellage rechnen, bleibt die Versorgungslage äußerst angespannt. Mittelfristig dürfte sich die Lage zwar etwas entspannen, dennoch dürften die Gaspreise deutlich über Vorkrisenniveau liegen. Dies bedeutet für Deutschland einen permanenten Wohlstandsverlust.

Das Schwerpunktthema der Gemeinschaftsdiagnose behandelt die konjunkturellen Folgen eines Gasmangels in Deutschland. Die Modellsimulationen zur Gasverfügbarkeit zeigen, dass eine Reduktion des Gasverbrauchs um 20 % bei gleichzeitiger Erhöhung der Importe (inklusive der geplanten LNG-Terminals) eine Gasmangellage bei jeder Wetterlage verhindern kann. Sofern solche Einsparungen nicht gelingen, sind gravierende Konsequenzen für die wirtschaftliche Aktivität zu erwarten.

In einem Risikoszenario, welches unter anderem einen sehr kalten Winter sowie geringere Gaseinsparungen unterstellt, dürfte das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt jeweils zu Jahresbeginn 2023 und 2024 massiv einbrechen. Unter der Annahme, dass der dramatische Einbruch nicht mit einer Welle von Geschäftsschließungen einhergeht, dürfte die Gasmangellage in dem unterstellten Szenario zu einem Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Leistung im Jahr 2023 von 7,9 % und im Jahr 2024 von 4,2 % führen.

Zur Gemeinschftsdiagnose vom 29. September 2022

Bundesbank Projektionen: Wirtschaftserholung dürfte sich fortsetzen

Nach den aktuellen Projektionen der Deutschen Bundesbank im Juni 2022 dürfte das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr 1,9 Prozent betragen. Die wirtschaftliche Erholung in Deutschland dürfte sich damit fortsetzen, jedoch deutlich gedämpfter als im vergangenen Dezember vorausgeschätzt. Für die Jahre 2023 und 2024 erwarten die Bundesbank-Fachleute in ihren neuen Projektionen einen Zuwachs des realen Bruttoinlandsprodukts um 2,4 beziehungsweise 1,8 Prozent. Die Unsicherheiten über die künftige Wirtschaftsentwicklung sind allerdings wegen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine außergewöhnlich hoch. Dem Basisszenario liegt die Annahme zugrunde, dass sich der Krieg und seine Folgen nicht weiter verschärfen. Insgesamt befindet sich die deutsche Wirtschaft gegenwärtig in einem Spannungsfeld entgegengesetzt wirkender Kräfte. Ab der zweiten Jahreshälfte 2022 dürften die Auftriebskräfte durch die weitgehend entfallenen Pandemie-Schutzmaßnahmen stärker überwiegen. Auch sei zu erwarten, dass die Preise für Energierohstoffe etwas sinken, die Lieferengpässe graduell nachlassen und die Auslandsnachfrage wieder zulegt. Zugleich dürften die privaten Haushalte zumindest einen Teil der in der Corona-Pandemie aufgelaufenen Ersparnisse für den Konsum ausgeben. Zusätzliche staatliche Verteidigungsausgaben sorgen für weitere Impulse. Jedoch führe die außergewöhnlich hohe Teuerung zur Verunsicherung von Verbraucherinnen und Verbrauchern und schwäche deren Kaufkraft.

Die Bundesbank hat ergänzend ein alternatives Risikoszenario berechnet, das einen Abbruch der Energielieferungen aus Russland enthält. In diesem Fall könnte die wirtschaftliche Aktivität im Jahr 2023 markant zurückgehen. Das BIP würde 2023 um knapp 7 Prozent niedriger ausfallen als im Basisszenario. Das wäre eine schwere Rezession. Damit fällt das Risikoszenario auch noch einmal deutlich schlechter aus als noch im Mai in einer ersten Analyse berechnet.

Zur Bundesbank-Projektion vom 10. Juni 2022

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