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Bedeutung der Binnenschifffahrt für die chemische Industrie

Die chemische Industrie verantwortet mehr als 10 Prozent der gesamten Beförderungsmenge im Binnenschiffsverkehr. Um die Vorteile von Binnenschiffstransporten voll nutzen und das steigende Güterverkehrsaufkommen mit ihrer Hilfe bewältigen zu können, muss die Infrastruktur dafür dauerhaft leistungsfähig und zuverlässig sein. Dies muss für die Zukunft nicht nur sichergestellt, sondern noch erheblich verbessert werden: Die Schiffbarkeit des Rheins muss optimiert, Schleusen und Kanäle müssen dringend saniert werden. Das für die Planung notwendige Personal muss unverzüglich eingestellt werden.

Die chemische Industrie setzt sich für eine Verbesserung der Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit der Binnenwasserwege in Deutschland ein: Die Schiffbarkeit des Rheins muss optimiert, Schleusen und Kanäle müssen dringend saniert werden. - Foto: © Michael Rogner/stock.adobe.com
Die chemische Industrie setzt sich für eine Verbesserung der Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit der Binnenwasserwege in Deutschland ein: Die Schiffbarkeit des Rheins muss optimiert, Schleusen und Kanäle müssen dringend saniert werden. - Foto: © Michael Rogner/stock.adobe.com

Mobilität im Güterverkehr ist eine wesentliche Voraussetzung für eine wettbewerbsfähige Industrie und wirtschaftliches Wachstum. Dazu ist ein starkes logistisches System erforderlich. In diesem spielt die Binnenschifffahrt als umweltfreundliches und sicheres Transportmittel für die chemische Industrie eine wichtige Rolle: Im Jahr 2017 wurden allein in Deutschland 23,5 Millionen Tonnen chemische Erzeugnisse mit dem Binnenschiff transportiert. Damit verantwortet unsere Branche mehr als 10 Prozent der gesamten Beförderungsmenge im Binnenschiffsverkehr (= 222,7 Mio. Tonnen)[1].

Dieser hohe Anteil besteht, weil der Binnenschiffstransport für chemische Erzeugnisse häufig prädestiniert ist: Er ist besonders geeignet für Massengüter, die über längere Distanzen transportiert werden müssen. Daneben hat er, speziell für die sensiblen Produkte der chemischen Industrie, verkehrsträgerspezifische Vorteile.

Die Struktur der Binnenschiffstransporte in der chemischen Industrie ist vorwiegend gekennzeichnet durch:

  • Tank- und Trockengutschifffahrt
    • für die Versorgung der Chemiestandorte mit Rohstoffen sowie
    • die Belieferung von Kunden mit Zwischenprodukten und
  • den Containerversand für den Seehafenzulauf (überwiegend Boxcontainer mit palettierter Ware) sowie
  • den Transport von Leercontainern in das Hinterland.

Damit wir die Vorteile von Binnenschiffstransporten voll nutzen können, müssen sie leistungsfähig und zuverlässig sein. Dass sie gut funktionieren, muss für die Zukunft nicht nur sichergestellt, sondern noch verbessert werden, um

  • der zu erwartenden deutlichen Steigerung des Verkehrsaufkommens in den nächsten Jahren gerecht zu werden[2],
  • die Voraussetzungen für eine politisch gewollte Verlagerung von Transporten von der Straße auf das Binnenschiff[3] zur schaffen,
  • durch die Nutzung des Binnenschiffsverkehrs einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten zu können.

Dazu sollten

  • die Infrastruktur gezielt ertüchtigt,
  • die Planungsverfahren spürbar beschleunigt,
  • die Transportkapazitäten gezielt erhöht,
  • Abstell- und Lagerflächen für Container in den Binnenschiffsterminals geschaffen bzw. erweitert,
  • die Automatisierung und Digitalisierung im Binnenschiffsverkehr noch stärker vorangetrieben werden (einschließlich 5-G-Netz zur Datenübertragung) sowie
  • gezielt Fachkräfte (insbesondere Schiffsführer) gewonnen werden, um der demografischen Entwicklung entgegenzuwirken
Um die Binnenschifffahrt funktionsfähig zu erhalten, ist es notwendig, mehr Verlässlichkeit bei der Infrastruktur zu erreichen:

Eine Verbesserung der Schiffbarkeit der national und international bedeutsamen Wasserstraße Rhein kann durch eine Abladeoptimierung des Nieder- und Mittelrheins erreicht werden. Ein höherer Wasserstand der Fahrrinne an den dortigen Engstellen würde dazu führen, dass diese Binnenwasserstraße bei Niedrig- und Mittelwasser stabiler und sicherer befahren werden kann. Zwar ist diese Maßnahme bereits im vordringlichen Bedarf des Bundesverkehrswegeplans aufgenommen. Es muss jetzt aber alles unternommen werden, um sie auch schnell zu starten und innerhalb weniger Jahre umzusetzen.

Für die chemische Industrie wichtige Kanäle und vor allem Schleusen sind sehr alt und marode, so dass eine Sanierung dringend notwendig ist. Die derzeitigen Staus und Wartezeiten an den Schleusen tragen nicht dazu bei, den Verkehrsträger attraktiv zu machen, sondern sind eher abschreckend. Hier besteht dringender Handlungsbedarf.

Damit die notwendigen Baumaßnahmen zügig realisiert werden können,

  • sind schnellere Verfahren (z.B. durch Zusammenlegung mehrerer Planungsstufen und Maßnahmengesetze für bedeutende Infrastrukturmaßnahmen) und
  • eine leistungsfähige Bundes- und Wasserstraßenverwaltung mit klaren Entscheidungsstrukturen notwendig.
  • Für die Abarbeitung des Sanierungsstaus fehlt das notwendige Planungspersonal, es muss dringend eingestellt werden.

Bereits durch eine verlässlichere Infrastruktur können Mengensteigerungen bei der Binnenschifffahrt erzielt werden. Durch weitere Maßnahmen, wie beispielweise zusätzliche moderne Umschlagpunkte für den Kombinierten Verkehr oder die Erhöhung der Durchfahrtshöhe unter den Brücken in Kanälen (Ermöglichung des doppellagigen Containertransportes), könnten diese weiter erhöht und das Potenzial des Verkehrsträgers besser genutzt werden.

Zusätzliche positive Effekte können durch eine stärkere Automatisierung und Digitalisierung erreicht werden. Der digitale Wandel bietet viele Möglichkeiten – vom papierlosen Transportdokument bis zu der Nutzung digitaler Daten in der gesamten logistischen Transportkette – die es zu nutzen gilt.

Es muss gelingen, den Binnenschiffsverkehr weiter zu modernisieren und dauerhaft leistungsfähig aufzustellen. Nur dann wird es möglich sein, die klima- und verkehrspolitischen Ziele zu erreichen und die Herausforderungen, die der Güterverkehr für die Zukunft bereithält, zu bewältigen.


[1] [Beförderungsleistung chemische Erzeugnisse = 6.665 Millionen Tonnen-Kilometer von 55.518 Millionen Tonnen-Kilometern insgesamt = 12 Prozent im Jahr 2017] Quelle: Statistisches Bundesamt

[2] Vgl. z.B. Progtrans-Studie im Auftrag des BMVBS „Abschätzung der langfristigen Entwicklung des Güterverkehrs in Deutschland bis 2050“ aus dem Jahr 2007 (PDF-Datei; Umfang: 146 Seiten)

[3] Vgl. Weißbuch Verkehr der Europäischen Kommission 2011 (PDF-Datei; Umfang: 32 Seiten)

Hinweis:
Eine druckfreundliche Version dieses Positionspapieres finden Sie im Download-Bereich im Kopf dieser Seite (sogenannte „Langfassung"; PDF-Datei; Umfang. 3 Seiten)

VIDEO: Schleusen-Problematik am Beispiel des Wesel-Datteln-Kanals

Auch und gerade funktionierende Schleusen spielen für die Chemie eine wichtige Rolle. - Ein Beispiel in knapp 5 Minuten.- Copyright: VCI NRW

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