Endokrine Disruptoren

Kontroverse Debatte geht weiter

Seit einiger Zeit erarbeitet die EU-Kommission Kriterien, mit denen festgelegt werden soll, welche Stoffe künftig in Europa als hormonell schädliche Stoffe (sogenannte „endokrine Disruptoren“) zu betrachten sind. Seit Juni liegt der erste Entwurf auf dem Tisch.

Ein hormonell wirksamer Stoff ist zum Beispiel in Kaffee enthalten: Koffein. Ob es eine schädliche Auswirkung für den Menschen hat, hängt von der Dosis ab. - Foto: © fabiomax - Fotolia.com
Ein hormonell wirksamer Stoff ist zum Beispiel in Kaffee enthalten: Koffein. Ob es eine schädliche Auswirkung für den Menschen hat, hängt von der Dosis ab. - Foto: © fabiomax - Fotolia.com

Für Stoffe, die durch die neuen Kriterien künftig als endokrine Disruptoren identifiziert werden, gibt es eine Reihe von Vorschriften in bestehenden gesetzlichen Regelungen. So können hormonell schädliche Stoffe laut REACH-Verordnung in die Kandidatenliste aufgenommen werden. Ihre Verwendung kann außerdem einer Zulassungspflicht unterworfen werden. Die Pflanzenschutzmittelverordnung oder die Biozid-Produkte-Verordnung schreiben sogar ein weitreichendes Verwendungsverbot vor.

Am 15. Juni 2016 hat die Europäische Kommission nun Vorschläge für Kriterien zur Identifizierung von endokrinen Disruptoren im Rahmen der Pflanzenschutzmittel- oder Biozid-Verordnung öffentlich vorgelegt. Im VCI wurden die Vorschläge ausführlich geprüft. Das Ergebnis ist, dass die Kriterien in der vorliegenden Form nicht geeignet sind, um zwischen Stoffen zu unterscheiden, die sicher verwendet werden können, und Stoffen, die reguliert werden müssen.

Umfassende Analyse des VCI

Die vorgeschlagenen EU-Kriterien für endokrine Disruptoren basieren zwar auf der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und sollen die Aussagekraft der wissenschaftlichen Daten („weight of evidence“) berücksichtigen. Außerdem soll im Rahmen der Pflanzenschutzmittel-Verordnung künftig die Genehmigung eines Wirkstoffs vom Nachweis eines vernachlässigbaren Risikos („negligible risk“) abhängig gemacht werden, anstatt wie ursprünglich geplant von vernachlässigbarer Exposition („negligible exposure”). Allerdings ist die für regulative Entscheidungen praktisch unverzichtbare Berücksichtigung der Wirkstärke („potency“) eines Stoffes leider nicht Bestandteil der vorgeschlagenen Kriterien.

Bis zum 28. Juli 2016 fand eine öffentliche Konsultation zum Entwurf der EU-Kommission statt. Neben dem VCI, zahlreichen Industrieverbänden und Unternehmen haben viele Umweltverbände daran teilgenommen. Nach Auffassung der Industrie sollten die zukünftigen Kriterien nur Stoffe erfassen, die bereits in niedrigen Mengen oder Dosierungen eine schädliche Wirkung beim Menschen oder in der Umwelt verursachen und deshalb gesetzlich geregelt werden müssen. Um zu entscheiden, ob ein Stoff hormonschädlich ist, müssen demnach mehrere Faktoren berücksichtigt werden: die Wirkstärke des Stoffes, die Schwere der schädlichen Effekte auf einen intakten Organismus, die Reversibilität eines negativen Effekts sowie die Aussagekraft der wissenschaftlichen Daten. Umweltverbände beklagen hingegen, dass die Kommission nicht plant, zusätzliche Verdachtskategorien (zum Beispiel „suspected endocrine Disruptor“) einzuführen. Auch wird von den Umweltverbänden der Vorschlag, bei Entscheidungen zukünftig ein „vernachlässigbares Risikos“ zu prüfen, kritisch beurteilt.

Die EU-Mitgliedstaaten erörtern derzeit die Vorschläge der Kommission. Die Meinungsbildung wird voraussichtlich bis Ende 2016/Anfang 2017 dauern. Es ist momentan nicht bekannt, welche Schlussfolgerungen die Kommission aus der öffentlichen Konsultation und der laufenden Meinungsbildung zieht. Offen ist auch, ob noch Änderungen an den Vorschlägen erfolgen. Die kontroverse Diskussion geht also weiter.

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Ansprechpartner

Dr. Michael Lulei

E-Mail: lulei@vci.de