Leitartikel „Nachrichten aus der Chemie“

Nachhaltig aus der Krise kommen

Insgesamt ist die chemisch-pharmazeutische Industrie in Deutschland bislang vergleichsweise gut durch die Krise gekommen. Aber auch unserer Branche steht ein besonders schwieriges Jahr bevor: Die tiefen Einschnitte in die Weltwirtschaft und der Nachfragerückgang aus wichtigen Kundenindustrien werden sehr herausfordernd. Die Erfahrungen aus der Krise sollten uns aber zuversichtlich in die Zukunft blicken lassen.

VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup - Foto: © VCI/Döring
VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup - Foto: © VCI/Döring

Während andere Industriezweige Produktionsstätten schließen mussten, erfüllten wir als systemrelevante Branche weiter unseren gesellschaftlichen Auftrag. Darauf können alle stolz sein, die in und für die Branche tätig sind.
Dieses Momentum wollen wir auch in den Neustart nach der Krise mitnehmen. Die Branche ist mit ihren Chemikern, Ingenieuren und Forschern ein starker Innovationsmotor. Sie erarbeiten Lösungen für die Herausforderungen der Zukunft. In den Gesprächen mit der Politik bemerke ich eine gestiegene Wertschätzung für die Bedeutung unserer Branche. Das ist erfreulich, aber nicht genug. Wir brauchen jetzt keine warmen Worte, sondern gute politische Weichenstellungen.

5 Punkte für den erfolgreichen Neustart

Für die politische Diskussion, wie wieder Wachstumswind unter die Flügel der Wirtschaft kommt, haben wir im VCI einen 5-Punkte-Fahrplan entwickelt. Konkret geht es darum, den Normalbetrieb mit Augenmaß, aber zügig, wiederherzustellen, den freien Warenverkehr zu fördern, Liquidität und Nachfrage zu stärken, Wachstumskräfte zu entfesseln und so intensiv wie möglich die Potenziale der EU zu nutzen. Die EU ist für die deutsche Chemie unverzichtbar. Gerade in diesen Zeiten ist unser „Ja zu Europa“ unverrückbar und klar. Europa ist unsere Zukunft.

In jeder Krise werden die Karten ein Stück weit neu gemischt. Im intensiven internationalen Wettbewerb ist es entscheidend, welches Blatt wir beim Neustart in der Hand halten. Die Politik sollte uns die richtigen Karten geben, damit wir unseren größten Trumpf ausspielen können: unsere Innovationskraft.

Wichtige Zukunftsprojekte wie die Impfstoffentwicklung oder die nachhaltige Transformation der Wirtschaft dürfen nicht erschwert oder gar konterkariert werden. Das Gebot der Stunde muss „Fördern statt nur fordern“ heißen. Besonders Investitionen in Zukunftsfelder wie erneuerbare Energien, Wasserstoff und zirkuläre Wirtschaft müssen technologieoffen angereizt werden.

Klimaschutz gemeinsam angehen

Eines ist dabei wichtig: Wir stehen trotz Corona-Krise zu unserem Wort. Das Ziel der Treibhausgasneutralität bis 2050 wird unsere Branche konsequent weiterverfolgen. Diese Herkulesaufgabe wollen wir etwa mit dem Projekt Chemistry4Climate unterstützen.

Damit Treibhausgasneutralität erreicht werden kann, sind gewaltige Investitionen nötig. Am Klimaschutz ausgerichtete Post-Corona-Konjunktur- und Investitionsprogramme, die längerfristig ausgelegt sind, wären auch für die Transformation unserer Branche hilfreich.

Kurzfristige wirtschaftliche Erholung im Blick behalten

Der zweite Schritt kann aber nicht vor dem ersten gemacht werden: Für den bevorstehenden Marathon zur Treibhausgasneutralität müssen unsere Unternehmen wieder zu Kräften kommen. Aktuell müssen Maßnahmen für eine kurzfristige wirtschaftliche Erholung im Mittelpunkt stehen.

Besonders die Liquidität der Unternehmen, speziell des Mittelstandes, muss weiterhin erhalten bleiben. Außerdem brauchen die Unternehmen endlich steuerliche Entlastungen, um international konkurrenzfähig zu bleiben – etwa bei den Unternehmenssteuern oder dem Solidaritätszuschlag.

Der Staat sollte außerdem intensiv in den Ausbau und die Modernisierung der Infrastruktur investieren. Dazu gehören Gigabitnetze für den digitalen Schub genauso wie die richtige Energieinfrastruktur für die Energiewende.

Wir haben in Deutschland und der EU jetzt die Chance für überfällige Veränderungen und einen Mentalitätswandel. Wir brauchen absolute Vorfahrt für Innovationen und Digitalisierung – etwa durch schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren sowie intelligente und technologieoffene Regulierungen.

Dann bin ich optimistisch, dass wir nicht nur die hohen Ambitionen im Umwelt- und Klimaschutz umsetzen können. Dann haben wir auch die Chance, Innovationen, Investitionen, Wertschöpfung und Arbeitsplätze in der EU auszubauen. Das wäre echte Nachhaltigkeit, von der alle etwas haben.

Leitartikel „Nachrichten aus der Chemie“ (Mitgliedermagazin GDCH), Ausgabe 68

Für Fragen und Anregungen nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf.

Ansprechpartner

Jürgen Udwari

E-Mail: udwari@vci.de