Biologisierung von Rohstoffbasis, Verfahren und Produkten

„Es geht nicht um das Gras im Vorgarten"

Unter der Vorgabe „Hat die deutsche Chemie den Trend hin zur Green Economy verschlafen?“ diskutierten Experten auf der Handelsblatt Jahrestagung Chemie 2015 am 22. April, wie weit der Wandel der Rohstoffbasis in der Branche und die „Biologisierung“ von Produkten und Verfahren heute gehen.

Experten aus Verbänden und Unternehmen diskutierten, wo die deutsche Chemie auf dem Weg zur Bioökonomie steht. Die Diskutanten von links: Michael Carus; Jörg Rothermel; Ricardo Gent; Sylvia Wojczewski; Lothar Meier. - Foto: © EUROFORUM DEUTSCHLAND SE / Foto Vogt GmbH
Experten aus Verbänden und Unternehmen diskutierten, wo die deutsche Chemie auf dem Weg zur Bioökonomie steht. Die Diskutanten von links: Michael Carus; Jörg Rothermel; Ricardo Gent; Sylvia Wojczewski; Lothar Meier. - Foto: © EUROFORUM DEUTSCHLAND SE / Foto Vogt GmbH

Die chemische Industrie in Deutschland setzt heute rund 2,7 Millionen Tonnen nachwachsende Rohstoffe jährlich in der Produktion ein. Biomasse macht damit rund 13 Prozent der Rohstoffbasis für die Herstellung kohlenstoffbasierter Produkte aus. Damit gehöre die Branche im weltweiten Vergleich zu den Treibern des Wandels der Rohstoffbasis, stellte Jörg Rothermel, Leiter der Abteilung Energie, Klimaschutz und Rohstoffe im VCI, eingangs fest. „Die Chemie in Deutschland hat diese Entwicklung mit vorangetrieben.“ Rothermel gab aber zu bedenken, dass es bei der Diversifizierung der Rohstoffbasis in anderen Regionen der Welt – etwa in den USA oder China – auch um den Einsatz von Kohle oder Schiefergas als Ersatz für Öl gehe. Rothermel warnte vor einer ideologischen Debatte in beiden Richtungen. Grundsätzlich sei die deutsche Chemie offen für alle Trends, mit denen sie ihre Produkte wirtschaftlicher und umweltschonender herstellen könne.

Konsequenzen für Chemieparks

Eine weitere Verbreitung biotechnischer Verfahren in der Branche werde Anpassungen in der Infrastruktur von Chemieparks nach sich ziehen. Darauf verwies Lothar Meier, Mitglied der Geschäftsführung von Infraserv Höchst. Die jeweiligen Standortanbieter müssten sich auf neue Schwerpunkte ihrer Dienstleistungen einstellen. „Die Verbundstruktur wird sich ändern. Die Chemieparkbetreiber werden ein neues Konzept der Behandlung von Abwässern und Abfällen vorhalten müssen, damit sie wieder als Ausgangsstoffe genutzt werden können.“ Das Erfolgsmodell der Industrieparks biete aber auch heute schon gute Voraussetzungen für kleinere Biotech-Unternehmen, sich mit anderen Firmen zu vernetzen.

Michael Carus, Geschäftsführer des nova-Institutes, das im Chemiepark Knapsack angesiedelt ist, kam zu einer weniger optimistischen Einschätzung. Seiner Meinung nach fehlen für eine strategisch gezielte Ansiedlung von jungen Biotech-Unternehmen in den deutschen Chemieparks die notwendigen „Building-Blocks für neue Strukturen“. Andere Länder in Europa seien in dieser Hinsicht weiter. So gebe es in Italien erste konkrete Ansätze, „sterbende Chemieparks in Biotech-Parks umzurüsten“.

Junge Unternehmen als Treiber der Bioökonomie

Dass gerade die wachsende Szene junger Unternehmen, die in der roten oder weißen Biotechnologie tätig sind, einen eigenen Stellenwert für den Standort hat, betonte Sylvia Wojczewski, CEO von BioSpring in Frankfurt. „Kleine Firmen sind flexibler, schneller und spontaner in der Forschung. Die Zahl solcher Firmen, die mit global aufgestellten Konzernen kooperieren, ist daher wichtig für die Qualität und Wettbewerbsfähigkeit unserer Branche.“ Gleichwohl seien die Rahmenbedingungen für junge Unternehmen vor allem im Bereich Bio-Pharma nach wie vor schwierig. Das betreffe besonders die Beschaffung von Betriebskapital. Die BioSpring-Chefin sprach sich in diesem Zusammenhang für die Einführung einer speziellen Plattform zur Kapitalbeschaffung für junge Hightech-Unternehmen aus.

Welche Fördermöglichkeiten bestehen, damit mehr biobasierte Produkte auf den Markt kommen, diskutierten die Experten engagiert: Nach Ansicht von Carus ist die Verfügbarkeit von Biomasse zumindest kein Hindernis. Optimierung der Anbauflächen und Erntemengen oder der Einsatz von Holzabfällen erweiterten das Potenzial. Ricardo Gent, Geschäftsführer der Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie, verwies darauf, dass es beim Stichwort Biomasse nicht um „das Gras im Vorgarten“ gehen könne. Europa sei Weltmeister in der Getreideproduktion. Dieses Knowhow gelte es stärker zu nutzen. Dem stehe aber, so Gent, die Politik mit dem Prinzip Teller vor Tank entgegen. Außerdem könnte der Markt für biobasierte Produkte durch die öffentliche Beschaffung stimuliert werden. Die Nachfrage nach biobasierten Produkten, davon gab sich VCI-Experte Rothermel überzeugt, müsse sich am Markt entwickeln und dürfe nicht durch Subventionen künstlich erzeugt werden.

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Ansprechpartner

Stud. Ass. Manfred Ritz

E-Mail: ritz@vci.de