VCI-Positionspapier

Chancen und Grenzen des Einsatzes nachwachsender Rohstoffe in der chemischen Industrie

Die chemische Industrie arbeitet aktiv an der Verbreiterung ihrer Rohstoffbasis und setzt dort vermehrt nachwachsende Rohstoffe ein, wo es technisch machbar, wirtschaftlich, ökologisch und unter sozialen Aspekten sinnvoll ist. Zur Erschließung neuer Anwendungsfelder für nachwachsende Rohstoffe sind noch erhebliche Anstrengungen in Forschung und Entwicklung notwendig.

Schon heute setzt die Chemie über 13 Prozent nachwachsende Rohstoffe ein © artaxx - Fotolia.com
Schon heute setzt die Chemie über 13 Prozent nachwachsende Rohstoffe ein © artaxx - Fotolia.com

Die Nutzung nachwachsender Rohstoffe reicht in der chemischen Industrie weit zurück. Auch in Zukunft setzt die Chemie auf sie, um neue Verfahren und Produkte zu entwickeln. Das Grundsatzpapier des VCI gibt einen Überblick zum Thema und beleuchtet Chancen und Herausforderungen gleichermaßen beleuchtet.

Hintergrund

Schon in ihren Anfängen im 19. Jahrhundert setzte die chemischen Industrie nachwachsende Rohstoffe ein: So basierten die ersten Kunststoffe darauf: Galalith etwa, das man zu Knöpfen, Stricknadeln und Schmuck verarbeitete, wurde aus Milch hergestellt. Zelluloid oder Schellack, aus dem die ersten Schallplatten hergestellt wurden, sind andere Beispiele für diese frühe Nutzung pflanzlicher oder tierischer Rohstoffe. Das Produktspektrum und die Anwendungsmöglichkeiten waren damals noch sehr eingeschränkt.

Dies änderte sich radikal mit dem Aufkommen der Petrochemie in den 1960er Jahren: Nicht nur die modernen Kunststoffe, die ganze Vielfalt der chemischen Industrie basiert bis heute zum größten Teil auf Erdöl und Erdgas.

Dennoch konnten sich nachwachsende Rohstoffe behaupten: Überall dort, wo sie technische, wirtschaftliche oder sonstige Vorteile bei Verarbeitung oder Anwendung gegenüber fossilen Rohstoffen bringen. Die Einsatzbereiche sind vielfältig und reichen von Kunststoffen über Fasern, Tenside für Waschmittel, Farben und Lacke, Klebstoffe, Baustoffe und Schmiermittel bis hin zu Arzneimitteln. Immerhin 2,7 Millionen Tonnen an pflanzlichen Ölen, tierischen Fetten, Stärke, Zucker und Zellulose, um nur die wichtigsten Gruppen zu nennen, werden dafür Jahr für Jahr genutzt.

Diese Mengen sind seit vielen Jahren konstant. Starke Zuwächse, wie bei Biokraftstoffen und Bioenergie, hat es in der chemischen Industrie nicht gegeben, da die stoffliche Nutzung nachwachsender Rohstoffe nicht subventioniert wird. Staatliche Eingriffe dieser Art wären auch nicht geeignet, da sich die Märkte stark unterscheiden: Chemie-Unternehmen stehen im weltweiten Wettbewerb und richten Ihr Produktportfolio und die die dafür benötigten Rohstoffe an den Bedürfnissen des Marktes aus. Hier haben fossile Rohstoffe meist die besseren Karten. Hinzu kommt, dass sich eine explizite Nachfrage nach Produkten auf Basis nachwachsender Rohstoffe – und die Bereitschaft, dafür auch einen Aufpreis zu zahlen - bislang in Grenzen hält.

Davon unabhängig ist die Verbreiterung der Rohstoffbasis aber seit langem ein strategisches Ziel der Chemie: Nachwachsende Rohstoffe spielen hier nicht nur als erneuerbare Kohlenstoffquelle eine zentrale Rolle, sie stehen auch für neuartige Verfahren und innovative Produkte. Zu nennen ist hier zuallererst die industrielle Biotechnologie, die als Rohstoffe Zucker und Stärke nutzt.

Auch die Politik setzt sich für eine stärkere Nutzung nachwachsender Rohstoffe in der chemischen Industrie ein, zuletzt in den politischen Strategien für eine Bioökonomie auf europäischer wie nationaler Ebene. Der Schwerpunkt ist aus VCI-Sicht mit der Förderung von Forschung und Entwicklung richtig gesetzt. Das Förderprogramm Nachwachsende Rohstoffe des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) ist hier beispielhaft. Auch das Fraunhofer-Zentrum in Leuna setzt mit seinen Anlagen zur praktischen Erprobung verschiedener Bioraffineriekonzepte Maßstäbe.

Nachwachsende Rohstoffe ressourceneffizient und nachhaltig zu innovativen Produkte zu verarbeiten, die im Markt Erfolg haben – so lässt sich die Zukunftsperspektive der Chemie zusammenfassen. Die intensiven Forschungs- und Entwicklungsarbeiten legen die Grundlage für die Chemie von morgen, aber sie lassen sich nicht von heute auf morgen verwirklichen.

Die Kernaussagen des VCI-Positionspapiers

  • Nachwachsende Rohstoffe sind in der chemischen Industrie seit langem etabliert und werden in Anwendungen eingesetzt, in denen sie technische, ökonomische oder sonstige Vorteile bringen.
  • Ressourceneffizienz und Nachhaltigkeit sind für die chemische Industrie wichtige Leitlinien. Der Einsatz nachwachsender Rohstoffe trägt nur dann zur nachhaltigen Entwicklung bei, wenn er sich über die technische und wirtschaftliche Machbarkeit hinaus auch ökologisch und sozial als vorteilhaft darstellt.
  • Die Diversifizierung der Rohstoffbasis ist ein zentrales Element der Rohstoff-Strategie der chemischen Industrie. Dazu gehört auch der Einsatz nachwachsender Rohstoffe.
  • Die Chemie benötigt nachwachsende Rohstoffe zu wettbewerbsfähigen Weltmarktpreisen; bestehende Handelshemmnisse sollten abgebaut werden.
  • Zur Erschließung neuer Anwendungsfelder für den stofflichen Einsatz nachwachsender Rohstoffe in der chemischen Industrie sind weitere Anstrengungen in Forschung und Entwicklung notwendig. Damit die Forschungs- und Marktpotenziale ausgeschöpft werden können, bedarf es auch eines technologieoffenen, innovationsfreundlichen Umfeldes.
  • Innovationen sind der wesentliche Hebel für einen erweiterten stofflichen Einsatz nachwachsender Rohstoffe. Staatliches Handeln sollte sich daher auf die verstärkte Förderung von Forschung und Entwicklung konzentrieren.
  • Wie stark und wie schnell sich neue Produkte auf Basis nachwachsender Rohstoffe durchsetzen können, hängt von vielen Faktoren ab: Preis, Qualität, Eigenschaften, Kundeninteresse, Verfügbarkeit. Zusätzliche Herausforderungen ergeben sich, wenn der Aufbau neuer Wertschöpfungsketten erforderlich ist.
  • Heute werden bereits neue Anwendungsfelder für den stofflichen Einsatz nachwachsender Rohstoffe in der chemischen Industrie realisiert. Dennoch werden aus heutiger Sicht fossile Rohstoffe auch in Zukunft der wichtigste Bestandteil im Rohstoffmix der chemischen Industrie in Deutschland bleiben.


Das ausführliche, 8-seitige Positionspapier des VCI kann im Download-Bereich im Kopf dieser Seite heruntergladen werden.

Für Fragen und Anregungen nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf.

Ansprechpartner

Dipl.-Kfm. Tilman Benzing

E-Mail: tbenzing@vci.de

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