Standpunkt

Der wichtigste Hebel für Ressourceneffizienz

Die chemische Industrie in Deutschland kann viel Erfahrung einbringen, wenn es um den sparsamen Umgang mit Rohstoffen geht. Die Branchenformel dafür lautet: Forschung, optimale Nutzung, Recycling, Materialeffizienz und Erneuerbarkeit.

VCI-Präsident Dr. Klaus Engel © Christian Schlüter
VCI-Präsident Dr. Klaus Engel © Christian Schlüter

Alle Länder dieser Welt stehen heute vor der großen Herausforderung, aus den vorhandenen Ressourcen mehr zu machen. Angesichts der steigenden Weltbevölkerung und einer rasant wachsenden Mittelschicht nimmt Ressourceneffizienz im globalen wirtschaftlichen Leben eine immer wichtigere Rolle ein. Deutschland ist hier dank seines starken Industrienetzwerkes mit der Chemie im Zentrum ausgesprochen gut aufgestellt. Gerade unsere Branche hat große Erfahrung darin, konkrete Lösungen für einen sparsamen Umgang mit Rohstoffen zu erarbeiten.

Die Chemie hat kein Patentrezept für Ressourceneffizienz. Aber sie hat über Jahrzehnte eine Strategie aus mehreren Faktoren herausgebildet. Ihre Formel lautet: Forschung, optimale Nutzung, Recycling, Materialeffizienz und Erneuerbarkeit. Mit diesem Koordinatensystem und dem Prinzip der Verbundproduktion holt die Branche das Maximale aus den Rohstoffen heraus. Was schon die wirtschaftliche Vernunft gebietet, nützt aber auch der Umwelt: Zwar ist völlig abfallfreie Produktion bis heute nicht möglich. Aber die Chemie hat dieses Problem in den vergangenen 20 Jahren minimiert und die Menge der Abfälle von 1990 bis 2009 um 80 Prozent gesenkt. Eine Leistung, auf die wir stolz sein können.

Große Fortschritte haben wir auch bei der Optimierung unserer Verfahren gemacht, wie ein Beispiel zeigt: 1964 brauchte man für die Herstellung von einer Tonne Polypropylen noch 1.185 Kilogramm an Rohstoffen. Bis 1988 konnten wir diesen Wert auf 1.023 Kilogramm drücken und haben heute mit 1.005 Kilogramm die physikalisch-chemische Effizienzgrenze fast vollständig erreicht, was einem Effizienzgewinn von 92 Prozent entspricht. An diesem Punkt würden politische Vorgaben für eine absolute Verringerung des Rohstoffverbrauches nur mit einer Drosselung der Produktion einzulösen sein.

In der Geschichte der Branche finden sich viele Meilensteine, die zu Fortschritten in der Nutzung von Ressourcen führten. So konnten zum Beispiel durch die Erforschung und den Einsatz von Düngemitteln Anfang des 19. Jahrhunderts die Ernten erheblich gesteigert werden. Die gleiche Ressource Boden liefert heute ein Vielfaches an Ertrag. Auch die Umstellung der Rohstoffbasis von Kohle auf Erdöl im 20. Jahrhundert bedeutete eine Revolution in Bezug auf die Ressourceneffizienz: Denn die Kohlenstoffverbindungen, aus denen viele Tausend Produkte der Chemie für die moderne Gesellschaft bestehen, waren – und sind es in vielen Fällen noch – am produktivsten aus Erdöl zu gewinnen. Die Branche in Deutschland nutzt dafür ein Sechstel des importierten Erdöls stofflich in Form von Naphtha. Der Rest – über 75 Millionen Tonnen – wird verbrannt oder verheizt.

Öl und Co. haben eine begrenzte Reichweite. Wir haben als Branche ein großes Knowhow, wenn es darum geht, das schwarze Gold zu ersetzen. Immerhin beträgt der Anteil an nachwachsenden Rohstoffen an unserer Rohstoffbasis schon 13 Prozent. Dieser Wert wird sich nicht durch staatlich vorgegebene Quoten, sondern nur durch intensive Forschung steigern lassen. Diese müssen wir deshalb forcieren, in Unternehmen, an Hochschulen und wissenschaftlichen Instituten. Der Staat kann und sollte sich hier stärker bei der Forschungsförderung engagieren. Denn der wesentliche Hebel für Veränderungen der Rohstoffbasis und der Ressourceneffizienz in der chemischen Industrie sind und bleiben Innovationen.

Dr. Klaus Engel
Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI)

Zum chemie report spezial 07/2012: "Die Formel Ressourceneffizienz"

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