Symposium der GDCh befasst sich mit Chancen und Risiken der Energiewende

Zum Erfolg verdammt

Der Umstieg von fossilen auf saubere Energiequellen ist vor dem Hintergrund des Klimawandels notwendig. Darauf konnten sich die vier hochkarätigen Redner auf einer Veranstaltung der Gesellschaft Deutscher Chemiker zum Thema Energiewende einigen. Ausrichter waren auch die DECHEMA und der VCI. Bei den Details gingen die Ansichten der Experten aber auseinander – zum Gewinn des Publikums, das sich so ein vielschichtiges Bild der Energiewende machen konnte.

Energiewende aus der Sahara? Bundesforschungsministerin Karliczek brachte kürzlich eine zukünftige Wasserstoffproduktion in Afrika ins Spiel. Auch andere Forscher meinen: Strom aus der Wüste könnte zur Lösung des weltweiten Energiebedarfs beitragen. - Foto: © malp - stock.adobe.com
Energiewende aus der Sahara? Bundesforschungsministerin Karliczek brachte kürzlich eine zukünftige Wasserstoffproduktion in Afrika ins Spiel. Auch andere Forscher meinen: Strom aus der Wüste könnte zur Lösung des weltweiten Energiebedarfs beitragen. - Foto: © malp - stock.adobe.com

Einleitend stellte Professor Manfred Fischedick vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie den Zusammenhang zwischen Energieversorgung und Klimawandel vor. Es sei gesichert, dass die Welttemperatur in den vergangenen 150 Jahren um 1,1 Grad Celsius angestiegen ist, und dass dies wiederum mit der menschlich verursachten höheren CO2-Konzentration in der Atmosphäre zusammenhänge. Das 1,5-Grad-Ziel sei nur durch die Umstellung des Energiesystems auf erneuerbare Energien zu erreichen. Dies sollte möglichst bald passieren, denn, so Fischedick: „Je länger wir mit der Umsetzung des Paris-Abkommens warten, desto schneller muss dann später reduziert werden.“

Für den Klimaexperten ist Deutschland gefordert, seine Emissionen im Rahmen der Energiewende früher als andere Weltregionen zu mindern, da es früher industrialisiert war und dadurch bereits überproportional viel CO2 ausgestoßen habe. Fortschritte hierzulande seien aber auch deshalb nötig, um bei den Technologien nicht von Ländern wie China überholt zu werden. Denn diese können laut Fischedick durch ihre Größe hohe Weltmarktanteile bei Erneuerbaren und Elektroautos erreichen. Die jüngst von der Bundesregierung angestoßenen Maßnahmen im Klimapaket reichen für Fischedick nicht aus. Er sagte: „Wir haben den Zeitraum bis 2030 bislang nicht genutzt, um die Maßnahmen für die Zeit danach vorzubereiten, sei es die Wasserstoffwirtschaft oder die Mobilitätswende. Dieses Verfehlen ist dramatisch, weil wir momentan durch die breite Unterstützung der Gesellschaft eine historische Chance hätten.“

Etwas optimistischer beschrieb im Anschluss Professor Ferdi Schüth vom Max-Planck- Institut für Kohlenforschung die Lage. Ihm zufolge brauche die Energiewende keine neuen Technologien mehr: „Wir müssen nichts ganz neu erfinden.“ Die Herausforderungen lägen vielmehr in der Politik, beim Aufbau der nötigen Infrastruktur und in der gesellschaftlichen Akzeptanz. Der Forscher stellte einen bunten Strauß aus Technologien vor, die Fortschritte bei der Erzeugung und Nutzung erneuerbarer Energien bringen könnten. So werde an Wegen geforscht, Biokraftstoffe zukünftig nicht mehr wie heute aus Feldfrüchten wie Raps, sondern aus Holz (Lignocellulose) zu gewinnen, wodurch Mobilität CO2-neutral werden könnte. Um das Potenzial von Photovoltaik zu illustrieren, rechnete Schüth vor, dass nur ein Teil der sonnenreichen Saharawüste ausreichen würde, um den Energiebedarf aller Menschen auf der Erde zu decken: „Jeder bräuchte nur 100 Quadratmeter Sahara.“

Natürlich sieht auch Schüth das Problem, dass erneuerbare Energien Strom nur sehr unregelmäßig erzeugen. Damit könne man aber umgehen, beispielsweise indem die Stromnetze europaweit ausgebaut und Industrieanlagen flexibel und passend zum Stromangebot gefahren werden. Schließlich könnten auch Energiespeicher zur Überbrückung dienen (Schüths eigener Forschungsschwerpunkt). Hier gelte es, neben der Batterie auch andere Optionen zu prüfen. Spannend seien beispielsweise Superkondensatoren, mit denen Busse immer genug Strom für den Streckenabschnitt bis zur nächsten Haltestelle abzapfen könnten. Im großen Maßstab sieht Schüth die Speicherlösung aber vor allem im Wasserstoff, der mit Erneuerbaren aus Elektrolyseuren hergestellt wird. Dieser lasse sich gut speichern und bei Bedarf auch in andere Formen wie Synthesegas umwandeln.

Einen Strich durch die optimistische Rechnung machte der bekannte Ökonom Hans-Werner Sinn, der in seinem Vortrag die Energiewende vor allem auf ihre ökonomische Machbarkeit hin überprüfte. In seinen Augen ist es eine Illusion, dass Deutschland in naher Zukunft den Doppelausstieg aus Kernkraft und Kohleverstromung vollziehen könne. Alleine für den heutigen Bedarf müsse es drei Mal so viel erneuerbaren Strom wie heute geben, bei einer weitreichenden Elektromobilität sogar sechs Mal so viel. Das alleine mache Strom schon teurer, so Sinn: „Die Sonne schickt keine Rechnung, aber die Betreiber von Anlagen tun es.“ Auch die Versorgung sei mit mehr Erneuerbaren gefährdet, so Sinn. Denn für die hohen Strommengen können bei Weitem nicht genug Stromspeicher gebaut werden, um auch eine längere „Dunkelflaute“ zu überbrücken. Deutschland müsse sich deshalb auch noch konventionelle Kraftwerke leisten.

Sinn bestritt auch die Wirkung der Energiewende für den Klimaschutz. Das liege einerseits daran, dass durch den Emissionshandel CO2, das in Deutschland eingespart wird, in anderen EU-Ländern durch freiwerdende CO2-Zertifikate wieder ausgestoßen werde. Aber auch international führe der einseitige Verzicht auf fossile Ressourcen in Deutschland nicht zum gewünschten Ergebnis. Zur Begründung verwies der Sachbuchautor auf seine These des „grünen Paradoxons“: Wenn eine Weltregion wie die EU den Einsatz fossiler Ressourcen begrenze, sinke zwar die weltweite Nachfrage, gleichzeitig steige aber auch das weltweite Angebot für diese Rohstoffe, die dann zu günstigeren Preisen dankbar von anderen Ländern aufgekauft würden. Europa könne schlicht nicht sicherstellen, dass das Erdöl, das hier weniger verbraucht wird, nicht trotzdem aus dem Boden geholt und verbrannt wird. Sinn: „Wenn Putin und Co. ihre Ressourcen aus dem Boden holen, können wir sie nicht daran hindern.“ Bei aller Kritik an der europäisch-deutschen Klimapolitik wollte Sinn aber auch nicht ganz ohne konstruktive Empfehlungen aus dem Saal gehen. Effektiv sei es, geeignete technische Maßnahmen zu ergreifen, wozu in seinen Augen auch die CO2-freie Atomkraft gehört, der er ein Revival voraussagt: „Die Räder der Industrie lassen sich nicht mit Windkraft drehen“. Ein wichtiges politisches Instrument sei zudem ein weltweiter Emissionshandel, über den die Menge der emittierten Kohlenstoffmengen kontrolliert werden könne. Das sei eine – in der gegenwärtigen Weltlage aber schwierig zu realisierende – Lösung, so Sinn: „Wenn wir es schaffen, das CO2-Reduktionsziel über alle Emittenten möglichst ökonomisch zu verteilen, kann niemand mehr ausbüchsen“. Dies könne im Rahmen eines Klimaclubs organisiert werden, in dem teilnehmende Länder sich gegenseitig Freihandel gewähren, Klimasündern dagegen Zölle auferlegen.

Am Schluss der Veranstaltung kam die chemische Industrie zu Wort, in Person des BASF-Experten für neue Technologien, Jörg Unger. Er attestierte, dass für die BASF „Carbon Management“, also die Minderung von Treibhausgasen, zentral sei. Dies sei aber nicht als populistischer Akt in Reaktion auf die immer stärkere Klimabewegung zu verstehen. Vielmehr wolle man zeigen, dass die chemische Industrie „kein Auslaufmodell, sondern ein Transformationsmotor“ sei. Unger stellte mehrere BASF-Technologien für eine emissionsarme Produktion von Basischemieprodukten vor, die auch in der VCI-Studie zur Treibhausgasneutralität 2050 eine Rolle spielen. Auf dem Weg zur Entwicklung dieser Innnovationen gebe es allerdings ein Dilemma: Denn die nötigen Mittel, um neue Prozesse zu erforschen und neue Anlagen zu errichten, müssen erst einmal erwirtschaftet werden. Unger sagte: „Für die Transformation der Chemie ist ausreichend Wirtschaftskraft nötig. Dazu brauchen wir das heutige Geschäft, sonst gibt es keine Mittel für morgen.“ Der heutige Anlagenpark weise eine gewisse Trägheit auf, das Umsteuern zu weniger Emissionen sei also eher wie das Manövrieren eines großen Tankers.

Unger plädierte für Offenheit, denn heute wisse noch niemand genau, welche Prozesstechnologien sich genau durchsetzen werden. Bei der BASF konzentriere man sich auf die Anlagen mit den höchsten Emissionen. So prüft die BASF, die für ihre Steamcracker nötige Energie nicht mehr thermisch zu erzeugen, sondern elektrisch. Das geht aber nicht ohne Weiteres, der „Gesamtprozess muss ganz anders gedacht werden“. Wie auch der VCI in seiner Klimastudie stellte Unger klar, dass große Mengen grüner Energie der Schlüssel zur Dekarbonisierung der materialintensiven Chemieindustrie sind. Daneben stellen aber auch Rahmenbedingungen ein Problem dar, weil die Investitionen in neue Anlagen lange Vorlaufzeiten haben. Die BASF arbeite sowohl an Methoden, die kurzfristig zum Einsatz kommen können, wie die Minderung von Lachgasemissionen bei der Adipinsäureproduktion. Andere Projekte seien dagegen sehr langfristig aufgestellt und trügen erst in Jahrzehnten Früchte. Am Schluss hielt Unger ein Plädoyer für mehr Zusammenarbeit, sowohl zwischen Unternehmen, als auch zwischen Wirtschaft und Politik: „Technologie alleine wird uns nicht retten, wir brauchen ein Zusammenspiel mit der Gesetzgebung und neue Geschäftsmodelle. Auf dem Weg zur Treibhausgasneutralität sind die Probleme so komplex, dass wir sie nur durch neue Formen der Zusammenarbeit lösen können. Die Chemie ist dabei sicher kein Auslaufmodell.“

Für Fragen und Anregungen nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf.

Ansprechpartner

Sebastian Kreth

E-Mail: kreth@vci.de