Studie von DECHEMA und FutureCamp für den VCI

Treibhausgasneutralität in der Chemie ist technologisch möglich

Die deutsche chemische Industrie kann ihren Ausstoß von Treibhausgasen mithilfe neuer Produktionstechnologien bis zur Mitte des Jahrhunderts fast vollständig reduzieren. Das ist das Ergebnis einer VCI-Studie, die die Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie und das Beratungsunternehmen FutureCamp erstellt haben. Ende September wurden erste Studienergebnisse auf der VCI-Mitgliederversammlung 2019 diskutiert. Anfang Oktober wurde die Langfassung der Studie auf einer Pressekonferenz in Berlin vorgestellt.

Die deutsche Chemie bekennt sich zur gesellschaftlichen Aufgabe, Treibhausgasneutralität zu erreichen. Die Branche will diesen Weg bis 2050 erfolgreich beschreiten. - Foto: © industrieblick - Fotolia.com
Die deutsche Chemie bekennt sich zur gesellschaftlichen Aufgabe, Treibhausgasneutralität zu erreichen. Die Branche will diesen Weg bis 2050 erfolgreich beschreiten. - Foto: © industrieblick - Fotolia.com

Die Studie zur Treibhausgasneutralität der chemischen Industrie bis 2050 ist als Kurz- und Langfassung verfügbar. Die verschiedenen Versionen und weitere Informationen gibt es auf der VCI-Website zum Download.
Die Studie zur Treibhausgasneutralität der chemischen Industrie bis 2050 ist als Kurz- und Langfassung verfügbar. Die verschiedenen Versionen und weitere Informationen gibt es auf der VCI-Website zum Download. © VCI/FutureCamp/DECHEMA
Die neue Studie untersucht die Voraussetzungen, die nötig sind, damit die chemisch-pharmazeutische Industrie in Deutschland bis 2050 treibhausgasneutral werden kann : Neben der Entwicklung neuer Verfahren, vor allem in der Basischemie, sind dazu ein dauerhaft niedriger Industriestrompreis sowie erhebliche Mengen emissionsfreien Stroms aus erneuerbaren Quellen notwendig. Die Studie ist das Ergebnis einer langen und intensiven Beschäftigung der Branche mit dem Thema Klimaschutz. Schon im vergangenen Jahr hatte der VCI eine Metastudie erstellen lassen, die untersuchte, welche Implikationen sich aus dem deutschen langfristigen Klimaschutzziel bis zum Jahr 2050 für die Branche ergeben.

Der neue VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup sagte bei der Vorstellung der neuen Studie vor Journalisten in Berlin: „Die deutsche Chemie bekennt sich zur gesellschaftlichen Aufgabe Treibhausgasneutralität. Wir wollen diesen Weg bis 2050 erfolgreich beschreiten. Dabei wollen wir als deutsche Branche die Speerspitze der technologischen Transformation der globalen Chemieindustrie bilden.“ Um die Unternehmen bei diesem Prozess zu unterstützen, plant der VCI die Etablierung einer neuen Plattform, die die Expertise aus den unterschiedlichsten Bereichen zusammenführen und die gesamte Wertschöpfungskette vom Produzenten bis hin zum Endkonsumenten sowie Politik und Gesellschaft einbeziehen soll.

Sie stellten Anfang Oktober in Berlin die Roadmap zur Treibhausgasneutralität der Branche vor (v.l.n.r.): Wolfgang Große Entrup (VCI), Klaus Schäfer (Covestro), Prof. Kurt Wagemann (DECHEMA) und Roland Geres (FutureCamp). - Foto:
Sie stellten Anfang Oktober in Berlin die Roadmap zur Treibhausgasneutralität der Branche vor (v.l.n.r.): Wolfgang Große Entrup (VCI), Klaus Schäfer (Covestro), Prof. Kurt Wagemann (DECHEMA) und Roland Geres (FutureCamp). - Foto: © VCI/Neumann

Klaus Schäfer, Vorsitzender des VCI-Ausschusses Energie, Klimaschutz und Rohstoffe, stellte die Inhalte der VCI-Studie vor. Wie der Vorstand von Covestro erläuterte, sind die erforderlichen CO2-freien Verfahren zur Herstellung von Basischemikalien heute prinzipiell bekannt, sie müssten aber für die großtechnische Verwendung noch weiterentwickelt und marktreif gemacht werden. Ihr Einsatz sei ab Mitte der 2030er-Jahre denkbar. Schäfer sagte: „2050 ist eine weitgehend treibhausgasneutrale Chemieproduktion in Deutschland technologisch vorstellbar. Dafür müssen aber alle Voraussetzungen stimmen: Unternehmen können die Transformation hin zu null Emissionen nur vorantreiben, wenn sie in jeder Phase wettbewerbsfähig bleiben und über große Mengen erneuerbaren Stroms zu niedrigen Kosten verfügen können.“

CO2 statt Erdöl nutzen – Blick in eine deutsche Chemieanlage, die Kohlenstoffdioxid als Rohstoff für die Herstellung von Kunststoffen verwendet. - Foto:
CO2 statt Erdöl nutzen – Blick in eine deutsche Chemieanlage, die Kohlenstoffdioxid als Rohstoff für die Herstellung von Kunststoffen verwendet. - Foto: © Covestro

Drei Entwicklungspfade analysiert

Die Studie mit dem Titel „Auf dem Weg zu einer treibhausgasneutralen chemischen Industrie in Deutschland“ beschreibt die Entwicklung der nächsten Jahrzehnte anhand von drei unterschiedlichen Szenarien:

In einem Referenzpfad würde die deutsche Chemie weiterhin mit den heutigen Technologien produzieren, ihre Effizienz aber durch kontinuierliche Investitionen weiter erhöhen. Damit kann sie bis 2050 eine Treibhausgasminderung von 27 Prozent bezogen auf das Niveau von 2020 erreichen.

Im zweiten untersuchten Technologiepfad sind 61 Prozent Minderung möglich, wenn die Unternehmen zusätzlich stark in neue Prozesstechnologien der Basischemie investieren. Allerdings geht mit diesem Ambitionsniveau bereits ein sehr hoher Bedarf an erneuerbarem Strom von 224 Terawattstunden pro Jahr einher, was der Gesamtstrommenge Deutschlands aus erneuerbaren Energien 2018 entspricht. Das zusätzliche Investitionsvolumen in neue Anlagen liegt bei rund 15 Milliarden Euro.

Noch weiter gehende Maßnahmen beschreibt der dritte Pfad „Treibhausgasneutralität“, der die Lücke zur vollständigen CO2-Minderung schließt: Danach würden neue Prozesstechnologien von den Unternehmen schon dann eingeführt, wenn sie eine CO2-Ersparnis erbringen, selbst wenn sie noch nicht wirtschaftlich sind. Alleine für die Herstellung der sechs in der Studie untersuchten Grundchemikalien müssten die Unternehmen von 2020 bis 2050 rund 45 Milliarden Euro zusätzlich investieren. Der Strombedarf würde ab Mitte der 2030er-Jahre zudem noch einmal rasant ansteigen und mit 628 Terawattstunden etwa das Niveau der gesamten heutigen Stromproduktion in Deutschland erreichen.

INFOGRAFIK: Auf dem Weg zu einer treibhausgasneutralen chemischen Industrie in Deutschland

Je nach Ambitionsniveau werden die Treibhausgasemissionen der deutschen Chemieindustrie bis 2050 unterschiedlich stark sinken. - Copyright: VCI

Notwendige Rahmenbedingungen

Für Klaus Schäfer zeigen die Ergebnisse der Studie, dass eine treibhausgasneutrale Chemie ohne günstige Rahmenbedingungen schwierig umzusetzen ist. Er sagte: „Je ambitionierter die deutsche Chemie das Ziel Treibhausgasneutralität verfolgt, umso stärker steigen die damit verbundenen Kosten und der Strombedarf. Die Politik steht vor der Aufgabe, neue Technologien in allen Phasen von der Entwicklung bis zur Markteinführung zu begleiten. Sie muss zudem die chemische Industrie am Standort Deutschland international wettbewerbsfähig erhalten.“ Dies kann laut Schäfer entweder über ein globales Klimaschutzabkommen oder durch staatliche Unterstützung geschehen.

Vor allem niedrige Strompreise seien für die Branche auf dem Weg zur Treibhausgasneutralität unabdingbar, sagte Schäfer: „Die neuen Verfahren sind in Deutschland vor 2050 nur bei Stromkosten von 4 Cent pro Kilowattstunde wirtschaftlich. Davon sind wir heute weit entfernt. Die Politik wird daher über die heutigen Entlastungs- und Carbon-Leakage-Regeln hinaus weitere Maßnahmen treffen müssen, um die Stromkosten für die Industrie zu dämpfen.“ Bereits 50 Prozent höhere Stromkosten – also 6 Cent je Kilowattstunde – würden bei den meisten Verfahren die Wirtschaftlichkeit in einen Zeitraum deutlich nach 2050 verschieben.

Dieser Artikel ist im chemie report 10/2019 erschienen.

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Ansprechpartner

Dipl.-Pol. Oliver Claas

E-Mail: claas@vci.de