Gastbeitrag von VCI-Präsident Marijn Dekkers im Handelsblatt

Mehr Markt statt mehr Kosten

VCI-Präsident Marijn Dekkers hat sich in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt in die Debatte zur Zukunft des deutschen Strommarkts und zu den Stromkosten in Deutschland eingebracht. In dem Beitrag zeigt er anhand einer aktuellen Umfrage unter VCI-Mitgliedsunternehmen, dass die deutsche energieintensive Industrie im internationalen Wettbewerb gravierende Nachteile durch die hierzulande hohen Stromkosten hat. Er plädiert außerdem für ein europäisches Energiekonzept, um langfristig eine sichere Versorgung zu adäquaten Preisen zu gewährleisten..

VCI-Präsident Marijn Dekkers stellt klar: Die deutsche energieintensive Industrie hat im internationalen Wettbewerb gravierende Nachteile durch die hierzulande hohen Stromkosten - Foto: © Bayer AG
VCI-Präsident Marijn Dekkers stellt klar: Die deutsche energieintensive Industrie hat im internationalen Wettbewerb gravierende Nachteile durch die hierzulande hohen Stromkosten - Foto: © Bayer AG

Es ist an der Zeit, mit einigen Mythen der Energiewende aufzuräumen. Ein Mythos, der sich besonders hartnäckig hält: Energieintensive Industrien wie die Chemie seien die finanziellen Gewinner der Energiewende, weil sie von Entlastungsregeln und gesunkenen Börsenpreisen profitierten.

Eine aktuelle Umfrage des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) unter Mitgliedsfirmen belegt aber, dass davon keine Rede sein kann. Im Gegenteil: Energieintensive Standorte sind hierzulande einem immer härteren Wettbewerbsdruck durch die hohen Stromkosten ausgesetzt. An der Umfrage haben sich sowohl Großunternehmen als auch mittelständische Betriebe beteiligt.

Aus den Rückmeldungen geht hervor: Die Firmen zahlen Preise, die sehr viel höher sind als die Notierung an der Strombörse. Denn um ihre Preise planen zu können, binden sie sich meist an länger laufende Terminkontrakte. Produktionsanlagen laufen schließlich rund um die Uhr. Das Mehr an Planungssicherheit gibt es also nicht umsonst. Insgesamt zahlen die Standorte im Mittel das Zweieinhalb- bis Dreifache des reinen Strompreises am Spotmarkt. Gleichzeitig zeigt der für die Wettbewerbsfähigkeit wichtigere Vergleich mit dem Ausland, dass Unternehmen dort deutlich geringere Strompreise zahlen. Je nach Standort sind es im Ausland nur ein bis zwei Drittel der deutschen Preise. Nur wenige Standorte wie Singapur oder Italien erreichen das deutsche Preisniveau und lediglich Spanien liegt leicht darüber. Entlastungen wie die EEG-Härtefallregelung sind da schon eingerechnet.

Dass deutsche Chemie-Standorte im internationalen Wettbewerb mit hohen Energiekosten zu kämpfen haben, hat kürzlich auch eine Analyse des Forschungsinstituts Oxford Economics belegt – ebenso wie eine aktuelle Erhebung unter 150 mittelständischen Unternehmen der Branche . Die deutsche Chemie mit ihren über 444.000 Mitarbeitern hat keinen Spielraum mehr, um weitere Nachteile im weltweiten Vergleich kompensieren zu können.

Bei der aktuellen Diskussion über ein neues Strommarktdesign steht aber genau dies im Raum. Die Stromversorger fordern schon jetzt einen sogenannten Kapazitätsmarkt, der dafür sorgen soll, dass sie für die bereitgestellte Erzeugungskapazität – auch ungenutzte – vergütet werden, weil sie die Versorgungssicherheit erhöhen. Dadurch soll die Wirtschaftlichkeit bestehender und neuer Kraftwerke, soweit sie für die Sicherung der Versorgung nötig sind, gewährleistet werden.

Wird ein solcher Kapazitätsmarkt voreilig und falsch ausgestaltet eingeführt, drohen Mehrkosten. Er ist aber – zumindest derzeit – gar nicht notwendig. Denn bei konventionellen Kraftwerken gibt es aktuell noch Überkapazitäten. Wir brauchen daher vor allem mehr Markt, verbunden mit der Integration der Energiewende in ein europäisches Energiekonzept, um langfristig eine sichere Versorgung zu adäquaten Preisen zu gewährleisten. Auf beides ist die chemische Industrie in besonderem Maße angewiesen.

Die Bundesregierung hat in der Frage Augenmaß bewiesen. Sie hat einer sofortigen Einführung eines Kapazitätsmarktes eine Absage erteilt. Dieser Kurs ist richtig. Käme es bei einer reinen Marktlösung wider Erwarten zu Engpässen, wäre es zunächst Aufgabe der Bundesnetzagentur, für weitere Kraftwerksreserven zu sorgen. Wenn sich diese Optionen als unzureichend erweisen, sollte ein marktbasierter dezentraler Kapazitätsmechanismus geprüft werden. Richtig ist aber auch, die Entwicklung aufmerksam zu verfolgen und vorbereitet zu sein, um schnell handeln zu können, wenn es nötig wird.

Die Bundesregierung sollte bei dieser Linie bleiben. Sie hat im Grünbuch gute Vorschläge gemacht, um den Strommarkt zu ertüchtigen. Ziel muss sein, den Wettbewerb zu beleben und den Strommarkt im Rahmen einer europäischen Gesamtlösung variabler zu gestalten. Dazu können energieintensive Unternehmen in Grenzen beitragen, indem sie ihre Anlagen flexibel „fahren“. Im Gegenzug müssen sie sich auf die Einsicht der Politik verlassen können: Es ist industrie- und klimapolitisch nicht sinnvoll, die effiziente Eigenstromerzeugung über Kraft-Wärme-Kopplung nach 2016 mit der EEG-Umlage zu belasten.

Mittlerweile halten sich auf Grund der Entwicklung bei den Energiepreisen viele energieintensive Unternehmen in Deutschland mit Investitionen zurück. Es wäre daher der falsche Weg, Versorgungssicherheit zu hohen Mehrkosten erreichen zu wollen. Stattdessen sollten alle Akteure gemeinsam nach Ideen suchen, die Energiewende bezahlbarer und den Industriestandort Deutschland wettbewerbsfähiger zu machen.

Dr. Marijn E. Dekkers,
Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie eV (VCI)

Dieser Gastkommentar erschien im Handelsblatt vom 3. März 2015 auf Seite 48.

Ansprechpartner:
dialog@vci.de