Emissionshandel

VCI-Bewertung der Studie von „Carbon Market Watch“ zum Emissionshandel in Europa

Eine neue Studie von „Carbon Market Watch“ behauptet, dass die europäische energieintensive Industrie in den Jahren 2008 bis 2015 erhebliche „Gewinne“ aus dem EU-Emissionshandel bezogen habe. Die in der Studie genannten Zahlen sind aus VCI-Sicht nicht nachvollziehbar. „Carbon Market Watch" macht in ihrem Papier nicht transparent, wie sie zu diesen Zahlen kommt. Zusätzlich ist die Studie aber auch von der Methodik her fragwürdig, so VCI-Hauptgeschäftsführer Utz Tillmann. Hier die VCI-Bewertung zur Studie.

VCI-Hauptgeschäftsführer Utz Tillmann ordnet die Ergebnisse der Studie von „Carbon Market Watch" zum Emissionshandel ein. - Foto: © VCI / René Spalek
VCI-Hauptgeschäftsführer Utz Tillmann ordnet die Ergebnisse der Studie von „Carbon Market Watch" zum Emissionshandel ein. - Foto: © VCI / René Spalek

Hintergrund

In der für „Carbon Market Watch” erstellten Studie mit dem Titel: „Industry windfall profits from Europe’s carbon market 2008-2015” wurden drei Arten von „zusätzlichen Gewinnen“ auf Sektor- und Unternehmensebene berechnet:

  • Gewinne aus Über-Allokation von kostenlosen Zertifikaten: Hier wurden Zuteilungen und verifizierte Emissionen gegengerechnet und der „Überschuss“ mit dem (Durchschnitts)Zertifikatspreis multipliziert.
  • Gewinne aus Nutzung von CERs, also von den Gutschriften aus internationalen Maßnahmen: Hier wurden die (niedrigeren) Preise für die CERs und die (höheren) Zertifikatspreise gegengerechnet.
  • Gewinne aus „Windfallprofits“: Hier wurde unterstellt, dass die fiktiven Kosten der kostenlos zugeteilten Zertifikate (gemessen am Zertifikatspreis) auf die Produktpreise überwälzt wurden.

Insgesamt ergeben sich in der Studie Zusatzgewinne aus dem Emissionshandel für die 20 Länder von fast 25 Mrd. Euro. Der mit Abstand größte Anteil entfällt dabei auf die Gewinne aus der Kostenüberwälzung (16,7 Mrd. Euro). Ein deutlich geringerer Anteil entsteht durch die Über-Alokation (7,5 Mrd. Euro) und der mit Abstand kleinste Anteil entfällt auf die CERs mit 781 Mio. Euro.

Bewertung

Die vermeintlichen Zusatzgewinne für die Industrie aus dem Emissionshandel müssen für die drei Kategorien unterschiedlich bewertet werden.

1. Über-Allokation

In der Tat ergibt sich systembedingt aus der Bilanz von kostenlos zugeteilten Zertifikaten und tatsächlich ausgestoßenen Emissionen für den Zeitraum 2008 bis 2015 ein Überschuss an Zertifikaten. Dieser Überschuss ist systembedingt und resultiert im Wesentlichen aus der im Jahr 2009 dramatisch eingebrochenen Wirtschaft und industriellen Produktion, die in einigen Mitgliedstaaten bis heute nicht ihr Vorkrisenniveau erreicht hat. In einem „ex ante“ arbeitenden System wie dem EU-Emissionshandel sind solche Auswirkungen nicht zu vermeiden. Verstärkt wird der Effekt noch dadurch, dass als Ausgangspunkt für die Berechnung eine feste historische Produktionsperiode dient, die für die gesamte Handelsperiode gilt. Bei längeren Krisen pflanzt sich damit der „Überhang“ an Zertifikaten fort. Die Industrie hatte sich in diesem Zusammenhang schon immer für eine ständige Aktualisierung der Produktionsperiode eingesetzt. Da also bereits im Vorfeld festgelegt wird, wieviel kostenlose Zuteilung die Unternehmen erhalten und die Zuteilung auf einer festen historischen Produktionsperiode beruht, sind „Über-Allokationen“ im Falle von nicht vorhersehbaren Produktionseinbrüchen unvermeidbar. Tatsache ist jedoch auch, dass solchen Über-Allokationen und den damit gegebenenfalls verbundenen Einnahmen aus dem Verkauf von Überschuss-Zertifikaten wertmäßig sehr viel höhere Verluste durch Nichtproduktion gegenüberstehen. Insgesamt bleibt die Bilanz für die Unternehmen deutlich negativ.

Hinzu kommt, dass bei vielen Unternehmen diese „Gewinne aus Über-Allokation“ gar nicht realisiert werden, sondern die über-allokierte Menge eher für die Abdeckung der Emissionen in Zeiten der Unterdeckung (Mehrproduktion bzw. 3. Handelsperiode ab 2013, in der bereits durch das System eine deutliche Unterdeckung vorgesehen ist) gehalten wird. Insofern relativiert sich der Wert dieser Zertifikate ohnehin.

2. CERs

Mit der Linking Directive und in der EU-Emissionshandels-Richtlinie ausdrücklich festgelegten Nutzung von Gutschriften aus den flexiblen Kyoto-Mechanismen wurde ganz bewusst eine Öffnung des EU-Emissionshandelssystems nach außen vorgenommen. Diese Regelung ist die einzige Verknüpfungsmöglichkeit der ansonsten völlig isolierten europäischen Klimapolitik mit dem Rest der Welt und sollte, solange es keinen nach gleichen Regeln funktionierenden internationalen Emissionshandel gibt, auch nicht aufgegeben werden. Die Nutzung von CERs stellt für die Unternehmen das einzige kostengünstigere Ventil dar, die in Zukunft weiter anwachsende Unterdeckung mit kostenlosen Zertifikaten teilweise auszugleichen.

3. Kostenüberwälzung

Die am wenigsten plausiblen, rein auf nicht belegbaren Annahmen beruhenden Zusatzgewinne sind diejenigen, die sich aus der angenommenen Überwälzung fiktiver Kosten der kostenlos zugeteilten Zertifikate ergeben. Im Gegensatz zur Stromerzeugung, bei der praktisch keinerlei internationaler Wettbewerb mit Regionen außerhalb Europas besteht, ist die Industrie in der Regel einem intensiven internationalen Wettbewerb ausgesetzt. Dieser Wettbewerb bietet kaum Spielraum, selbst tatsächliche Kosten aus dem EU-Emissionshandel zu überwälzen oder sogar Windfallprofits zu generieren, in dem die fiktiven Werte der kostenlos zugeteilten Zertifikate überwälzt werden. Die in der Studie diesbezüglich gemachten Kalkulationen zu den Windfallprofits beruhen weitgehend auf nicht belegbaren Annahmen. Aber selbst wenn die Marktlage es zuließe, entsprechende Kosten zu überwälzen, hätte der Wettbewerber im außereuropäischen Ausland immer noch einen Standortvorteil, da ihm entsprechende Kosten nicht entstehen und sich durch die damit verbundene höhere Marge ein Wettbewerbsvorteil ergibt.

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Ansprechpartner

Sebastian Kreth

E-Mail: kreth@vci.de