Standpunkt

Nach Elmau ist vor Paris

Der Schlüssel für eine Weltwirtschaft, die künftig nicht mehr von fossilen Energieträgern abhängt, heißt technologischer Fortschritt. So kommentiert VCI-Präsident Marijn Dekkers die Vision des G7-Gipfels von Elmau. Um die CO2-Emissionen weltweit zu mindern, brauche es aber einen globalen Emissionshandel mit gleichen Regeln: Würde dieses System von der EU über die G7 auf die G20-Staaten ausgedehnt, wären 80 Prozent der weltweiten Emissionen abgedeckt. In Paris ist nun die Staatengemeinschaft der G20 gefragt, sich für ein neues Abkommen mit diesem Ziel einzusetzen.

VCI-Präsident Dr. Marijn E. Dekkers - Foto: © Bayer AG
VCI-Präsident Dr. Marijn E. Dekkers - Foto: © Bayer AG

Die Staats- und Regierungschefs der G7 haben bei ihrem jüngsten Gipfeltreffen auf Schloss Elmau die Welt verblüfft. Unter der Führung von Bundeskanzlerin Merkel einigten sie sich auf ein epochales Ziel: Bis zum Ende dieses Jahrhunderts sollen die fossilen Energieträger Kohle, Öl und Erdgas nicht mehr für die Energiegewinnung genutzt werden. Wie ihre Vision von einer „dekarbonisierten Weltwirtschaft“ aber Realität werden soll, haben sie weitgehend offen gelassen. Klar ist nur: Der Schlüssel für den Umbau unserer heutigen Wirtschaft, die von fossilen Rohstoffen abhängt, zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft heißt technologischer Fortschritt. Die Entwicklung und der Einsatz innovativer Technologien sind in allen Ländern und allen Branchen nötig, um dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen.

Den Beschlüssen in Elmau fehlen aber ebenso ambitionierte und verbindliche Zusagen der einzelnen G7-Länder zur Minderung ihrer CO2-Emissionen, wie sie bislang nur die Staatengemeinschaft der EU vorgelegt hat. Unsere Hoffnung, dass von Elmau ein starkes Signal für einen globalen Emissionshandel mit gleichen Regeln und damit für ein neues Abkommen Ende des Jahres in Paris ausgehen könnte, hat sich nicht erfüllt. Ohne anspruchsvolle Minderungszusagen bleibt offen, wie die Pariser COP21-Konferenz zu einem Erfolg mit verbindlichen Maßnahmen und fairem Lastenausgleich geführt werden kann.

Stattdessen kämpft Europa – angeführt von Deutschland – nahezu im Alleingang gegen den global steigenden CO2-Ausstoß. Das Ziel von minus 40 Prozent bis 2030 hat die EU schon im Herbst 2014 festgelegt. Dabei wissen Politiker in Brüssel und Berlin: Der Beitrag der EU wirkt kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Die 28 Mitgliedstaaten verursachen nur elf Prozent der globalen Emissionen.

Eine Wende kann daher nur gelingen, wenn die aufstrebenden Schwellenländer mit vergleichbaren Zielvorgaben mitziehen. Denn was bislang an Zusagen für Paris auf dem Tisch liegt, reicht bei weitem nicht aus, um den weltweiten Ausstoß von Treibhausgasen in den Griff zu bekommen. Einer Senkung von jährlich vier Milliarden Tonnen CO2 bis 2030 steht bislang ein Anstieg von 15 Milliarden Tonnen gegenüber. Insbesondere China, das bei den G7-Treffen nicht mit am Tisch sitzt, hat seine Emissionen massiv erhöht.

Dabei ist ein Instrument zur Lösung des Problems bereits erprobt: Würde der Emissionshandel von der EU über die G7 auf die G20-Staaten ausgedehnt, wären 80 Prozent der weltweiten Emissionen abgedeckt. Es wäre ein Meisterstück der Politik, würde die Staatengemeinschaft der G20 in Paris mit einem solchen Systemwechsel die Welt erneut verblüffen.

Dr. Marijn E. Dekkers,
Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI)

Ansprechpartner
dialog@vci.de

Zum chemie report 06/2015 mit Leitartikel zum G7-Gipfel