Gastkommentar des VCI-Präsidenten zum Emissionshandel

Mär vom Marktversagen

Dr. Karl-Ludwig Kley im „Handelsblatt" zu den Plänen, die Preise von Klima-Zertifikaten künstlich zu erhöhen: „Das aktuelle Preisniveau ist der beste Beleg, dass Klimaschutzziele mit den Instrumenten der Marktwirtschaft erreicht werden können, ohne zu Lasten der Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie zu gehen."

VCI-Präsident Dr. Karl-Ludwig Kley zum Emissionshandel in der EU. © © Merck KGaA Darmstadt Deutschland
VCI-Präsident Dr. Karl-Ludwig Kley zum Emissionshandel in der EU. © © Merck KGaA Darmstadt Deutschland

Die Preise für CO2-Zertifikate sind derzeit so niedrig wie nie zuvor. Eine Erklärung ist schnell gefunden: Der Markt habe versagt. Eine bequeme Argumentation, schließlich kann „der Markt“ nicht widersprechen. Und sie ist mit einem Schönheitsfehler ausgestattet: Sie stimmt nicht.

Ein Rückblick. 2005 wurde das europäische Handelssystem für CO2-Zertifikate eingerichtet. Es sollte maßgeblich dazu beitragen, die Kyoto-Ziele zu erreichen und die Treibhausgasemissionen innerhalb der Europäischen Union bis 2020 um ein Fünftel gegenüber 1990 zu senken – und zwar „auf kosteneffiziente und wirtschaftlich effiziente Weise“, wie es in der Richtlinie heißt. Im Klartext: Um ihr ehrgeiziges Klimaziel zu erreichen, setzte die EU gezielt auf Marktmechanismen. Klingt vernünftig.

Die Gesamtmenge der Zertifikate korreliert mit den CO2-Zielen der EU. Es spielt deshalb keine Rolle, wie sich Angebot und Nachfrage und damit der Preis am Markt entwickeln. Die für die CO2-Reduktion festgelegte Obergrenze für Emissionen wird nicht überschritten, das Ziel wird auf jeden Fall erreicht. Und die Unternehmen haben den Anreiz, dort zu investieren, wo sich CO2-Einsparungen am günstigsten erzielen lassen.

Heute, acht Jahre nach Einführung des Handelssystems, sprechen die Ergebnisse eine klare Sprache: Die Senkung der Treibhausgase über die Zertifikatemenge läuft wie geplant. Noch dazu sind die Kosten deutlich geringer als ursprünglich veranschlagt. Also müssten alle glücklich sein.

Kritik hagelt es trotzdem. Offenbar sitzt das Misstrauen gegenüber marktwirtschaftlichen Mechanismen tief. Vielleicht animieren auch die Bankenrettungsbemühungen der vergangenen Jahre zum beherzten Eingriff in andere Wirtschaftsbereiche. Nicht anders jedenfalls erklären sich die jüngsten Bestrebungen, die Zertifikatepreise künstlich zu erhöhen, indem Zertifikate entweder auf Zeit („back-loading") oder permanent („set-aside") aus dem System genommen werden. Ein solches Vorgehen hieße aber, den Zusammenhang zwischen Ursache und Resultat völlig auszublenden und so ein funktionierendes System aus der Balance zu bringen.

Dass der Preis für CO2-Zertifikate derzeit bei vier Euro liegt, hat Gründe, die allesamt nichts mit dem Handelssystem zu tun haben. Erstens durchlitt Europa 2009 eine schwere Wirtschaftskrise mit drastischen Produktionseinbrüchen, deren Auswirkungen bis heute zu spüren sind. Zweitens steigt der Anteil der erneuerbaren Energien massiv, insbesondere in Deutschland. Drittens investiert die Industrie in umwelteffizientere Anlagen und Verfahren; allein die deutsche Chemie 6,4 Milliarden Euro pro Jahr. Und viertens investieren Unternehmen in kostengünstige Emissionsgutschriften gemäß dem Kyoto-Protokoll. Genau das war und ist politisch ausdrücklich gewollt.

Ein politisches Eingreifen ist daher durch nichts gerechtfertigt. Im Gegenteil: Das aktuelle Preisniveau ist der beste Beleg, dass Klimaschutzziele mit den Instrumenten der Marktwirtschaft erreicht werden können, ohne zu Lasten der Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie zu gehen. Und es beweist, dass Umweltschutz nicht immer teuer sein muss, um gut zu funktionieren.

„Set-aside" oder „back-loading" – die Debatte um den europäischen Emissionshandel ist reich an wohlklingenden Anglizismen. In diesem Sinne kann man Brüssel nur empfehlen: Lean back and think again. Der Markt hat manchmal eben doch recht.

Karl-Ludwig Kley ist Vorsitzender der Geschäftsleitung von Merck und Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI).

Veröffentlicht in: „Handelsblatt“ vom 15. Februar 2013, Seite 27, Rubrik „Unternehmen & Finanzen“

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