Interview mit Klaus Engel, Vorstandsvorsitzender Evonik, zur Energiewende

„Politik und Wirtschaft sind beide in der Pflicht, dass die Energiewende nicht in die falsche Richtung läuft"

Für Klaus Engel sind fundamentale Fragen zur Umsetzung und Finanzierung der Energiewende offen. Im internationalen Standortvergleich sind die Energiekosten Deutschlands höher als der anderen Länder. Um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie zu sichern plädiert Klaus Engel dafür, dass energiepolitische Entscheidungen länger als zwei Jahre Bestand haben.

Klaus Engel behält sich als Freund der Energiewende vor, gewisse Aspekte auch zu kritisieren. Neben der Wettbewerbsfähigkeit der Industrie sind für ihn auch soziale Aspekte wichtig. Bildquelle: Evonik Industries © andreas pohlmann
Klaus Engel behält sich als Freund der Energiewende vor, gewisse Aspekte auch zu kritisieren. Neben der Wettbewerbsfähigkeit der Industrie sind für ihn auch soziale Aspekte wichtig. Bildquelle: Evonik Industries © andreas pohlmann

VCI: Herr Engel, Deutschland hat mit der Energiewende und dem Fokus auf erneuerbare Energien international einen neuen Weg beschritten. Andere Industrieländer haben ihre Energiepolitik nicht nach dem deutschen Vorbild ausgerichtet. Wie sehen Sie als international aufgestelltes Unternehmen die Energiewende?

Die deutsche Energiewende ist ein gesamtgesellschaftliches Projekt, das Wirtschaft und Bürger gleichermaßen betrifft.Wir sollten dies als Jahrhundertprojekt sehen, das noch viele Anstrengungen und viele Investitionen erfordert. Dabei ist es wichtig, dass diese Wende noch lange nicht vollzogen ist – wir fangen doch gerade erst an!

Auch wenn der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung inzwischen auf rund 30 Prozent gestiegen ist, stehen wir noch vor zahlreichen Herausforderungen: Fundamentale Fragen zur Umsetzung und zur Finanzierung dieser ehrgeizigen Ziele bei gleichzeitigem Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit der Industrie sind noch offen. Im Heizungsbereich müssen erneuerbare Energien stärker genutzt werden, bei der Mobilität ebenso. Um die Energiewende zum ökologischen und ökonomischen Erfolgsmodell zu machen, müssten jetzt die losen Fäden miteinander verknüpft werden.

Inwieweit beeinflusst die Energiepolitik in Deutschland Ihre Investitionsentscheidungen? Wie wichtig sind dabei Energiepreise?

Bei neuen Investitionen schauen wir uns die unterschiedlichen Standortbedingungen weltweit genau an. Energiepreise sind natürlich ein wichtiger von vielen Standortfaktoren, besonders in energieintensiven Branchen wie der Chemie. Da müssen wir schon zur Kenntnis nehmen, dass im internationalen Standortvergleich die Energiekosten in Deutschland im Durchschnitt höher sind als in anderen Ländern. Entlang der Wertschöpfungskette wird die industrielle Produktion dadurch hierzulande teurer.

Die Exporterfolge der deutschen Chemieunternehmen zeigen aber, dass die deutsche Industrie durchaus noch wettbewerbsfähig ist. Dabei hilft es, dass die größten Härten durch sinnvolle Entlastungsregeln abgemildert werden. Die ungewisse Zukunft dieser Regeln bringt allerdings Unsicherheit für die Industrie. Zusätzliche Kosten und Risiken bei der Versorgungssicherheit entstehen derzeit auch dadurch, dass es nicht ausreichend gelingt, dass der Netzausbau mit dem Ausbau der Erneuerbaren Energien Schritt hält. Hier muss die Energiewende effizienter werden.

Für den Industriestandort Deutschland ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Rahmenbedingungen insgesamt attraktiv bleiben. Energiekosten sind dabei ein wichtiger Faktor.

Evonik erzeugt viel Strom über eigene KWK-Kraftwerke. Hier haben sich die Bundesregierung und die EU darauf geeinigt, dass bestehende Kraftwerke in Zukunft nicht stärker mit der EEG-Umlage belastet werden. Wie bewerten Sie diesen Kompromiss?

Ich bin zufrieden mit der Lösung, die die Bundesregierung mit der EU zum Eigenstrom gefunden hat, vor allem danke ich aber Bundeswirtschaftsminister Gabriel für seinen Einsatz für den Vertrauensschutz. Unsere bestehenden Anlagen werden für eine Übergangszeit keine neuen Belastungen erfahren, das ist industriepolitisch, aber auch im Rahmen der Energiewende richtig: An unserem großen Standort in Marl erzeugen wir mit unserem Kraftwerk in erster Linie Dampf, also Wärme. Gleichzeitig erzeugen wir damit aber auch Strom. Mit dieser sogenannten Kraft-Wärme-Kopplung können wir den Effizienzgrad besonders hoch halten. Mehr Ressourcenschonung geht nicht.

Die Einigung mit Brüssel sorgt nun erst einmal dafür, dass die energiepolitische Situation für Eigenstrom stabil bleibt. Allerdings hat der Kompromiss auch einen Haken, über den ich nicht glücklich bin, gerade auch aus Sicht der Energiewende: Denn die Regelung sieht vor, dass Anlagen für Eigenstrom doch Umlage zahlen sollen, nämlich wenn sie modernisiert werden. Ich glaube, in Brüssel hat man übersehen, dass man dadurch Modernisierungen geradezu bestraft. Betreiber von Eigenstromkraftwerken werden sich in Zukunft sehr genau überlegen, ob sie viel Geld in die Hand nehmen, um ihre Anlage effizienter und umweltfreundlicher zu machen, wenn sie danach stärker belastet werden. Hier ist die Regelung nicht zu Ende gedacht. Ich vermute und hoffe, dass die Politik das noch einmal angehen wird, wenn gewünschte und notwendige Modernisierungen zunehmend ausbleiben.

Welche aktuellen Entwicklungen bei der Energiewende finden Sie gut, welche machen Ihnen Sorgen?

Ich bin ein Freund der Energiewende. Dadurch behalte ich mir vor, auch gewisse Aspekte kritisieren zu dürfen. Schaue ich auf die Belange der Industrie, müssen wir am Standort Deutschland weiter wettbewerbsfähig produzieren können. Dies gilt für große Unternehmen wie Evonik ebenso wie für Mittelständler, die oft die volle EEG-Umlage zahlen müssen.

Grundsätzlich würde ich mir wünschen, dass energiepolitische Entscheidungen länger als zwei Jahre Bestand haben, denn Unternehmen brauchen Planungssicherheit. Dazu genügt es nicht, in einer kleinen Reform die Symptome zu beheben, die Politik muss die Ursachen erkennen und ändern. Fieber senkt man schließlich auch nicht, indem man das Thermometer kühlt!

Die Energiewende ist aber keine Frage eines „Schwarzen Peters“. Politik und Wirtschaft sind beide in der Pflicht, dass die Energiewende nicht in die falsche Richtung läuft. Die Kluft zwischen den Profiteuren und denen, die für die anderen die Rechnung zahlen, geht quer durch unser Land, quer durch die Bevölkerung und quer durch die Industrie. Es gibt wohlhabende Privatleute, die eine Garantierendite bekommen, und es gibt einkommensschwächere Familien, die bereits heute Schwierigkeiten haben, ihre ständig steigende Stromrechnung zu bezahlen. Diese Unausgewogenheit ist gesellschaftlich bedenklich. Dass sich an diesem Kernproblem etwas ändert, ist längst überfällig.

Welche Lösungen sehen Sie für das Kernproblem? Brauchen wir weitere Reformen beim EEG?

Das EEG ist eine große Umverteilungsmaschine. Politik und Wirtschaft müssen gemeinsam daran arbeiten, diese Maschine neu zu justieren. Nur dann werden im internationalen Standortwettbewerb unser Land und seine Menschen eines Tages als Gewinner der Energiewende hervor gehen.

Eine echte Reform des Systems sollte daher darauf abzielen, dem Wettbewerb zu vertrauen und die aufgelaufene finanzielle Last der Förderung über den Bundeshaushalt steuerzufinanzieren.