Interview mit Dr. Willem Huisman, Präsident Dow Deutschland

„Deutschland gerät wegen zu hoher Energiepreise bei Investitionsentscheidungen ins Hintertreffen."

Was denken eigentlich Chemieunternehmer über die deutsche Energiewende? Der VCI hat namhafte Branchenvertreter dazu befragt. In Teil 2 unserer Serie stellt sich Dr. Willem Huisman unseren Fragen. Huisman, Präsident von Dow Deutschland und Präsidiumsmitglied des VCI, sieht Deutschland wegen der hierzulande hohen Energiepreise bei Investitionsentscheidungen im Hintertreffen.

Willem Huisman wünscht sich, dass der Umbau der deutschen Energieversorgung so effizient und kostengünstig wie möglich läuft. Deutschland könne sich keine Energiewende um jeden Preis erlauben, sagt der Chef von Dow in Deutschland. - Foto: © Dow Deutschland
Willem Huisman wünscht sich, dass der Umbau der deutschen Energieversorgung so effizient und kostengünstig wie möglich läuft. Deutschland könne sich keine Energiewende um jeden Preis erlauben, sagt der Chef von Dow in Deutschland. - Foto: © Dow Deutschland

VCI: Deutschland hat mit der Energiewende international einen neuen Weg beschritten. Die USA haben eine ganz andere Strategie. Dow hat ein amerikanisches Mutterhaus. Wie sehen Sie als internationales Unternehmen amerikanischer Prägung die deutsche Energiewende? Was hören Sie darüber aus den USA?

Für Dow ist Europa und gerade Deutschland bereits seit Jahrzehnten ein wichtiger Produktionsstandort. Wir sind als Unternehmen dem Standort und unseren Kunden schon lange verbunden. Gleichzeitig kann man die internationale Perspektive nicht ignorieren. Natürlich fragen wir uns bei neuen Investitionen, welcher Standort am besten geeignet ist. Hierbei spielen neben der Marktsituation auch die Energiekosten eine ganz wichtige Rolle, bei bestimmten Investitionen sogar die Hauptrolle. Daher betrachten wir sehr genau die Diskussion in der Energiepolitik und die konkrete Situation bei den Energiepreisen. Ganz wichtig ist die Frage, ob wir langfristig Planungssicherheit für Investitionen haben. Wir schauen also nicht nur auf heute, sondern auch auf morgen.

Deutschland hat sich mit der Energiewende ein langfristiges Ziel gesetzt, das ist gut. Auf dem Weg dahin sollte es aber keinen Zickzackkurs geben, bei dem sich die Lage gerade für energieintensive Unternehmen ständig wandelt. Wir brauchen also neben Bezahlbarkeit vor allen Dingen Voraussehbarkeit. Deshalb sind die Entlastungen für energieintensive Betriebe als Nachteilsausgleich im internationalen Wettbewerb so wichtig. Dass diese Entlastungen immer wieder in Frage gestellt werden, ist Gift für Investitionen und letzten Endes auch für Arbeitsplätze.

Beeinflusst die Energiewende Investitionsentscheidungen hierzulande? Gilt Deutschland noch als wettbewerbsfähig für energieintensive Produktion?

In Deutschland sehen wir die Lage momentan zwiespältig. Auf der einen Seite sind die Börsenpreise gesunken und die Entlastungsregeln beibehalten worden. Im internationalen Vergleich liegen die Industriestrompreise hierzulande aber immer noch etwa doppelt so hoch wie in den USA. Auf der anderen Seite sehen wir schon jetzt höhere Belastungen auf uns zukommen, weil die Kosten der Energiewende immer weiter wachsen werden.

Ich sage deutlich: Viele Investitionsentscheidungen fallen im Moment nicht zugunsten von Europa oder Deutschland aus. Dieser bereits in Gang gesetzte, schleichende Prozess könnte Deutschland allein wegen der Energiepolitik als Standort für Investitionen in die unterste Liga verbannen. Und wenn einmal woanders investiert wurde, fließen dort auch Folgeinvestitionen hin. Auf die Weise gefährdet die Energiepolitik die vielfältigen Wertschöpfungsketten, die wir hier in Deutschland mit sehr leistungsfähigen Herstellern und innovativen Produkten haben. Industriezweige, die einmal weg sind, lassen sich nicht einfach wieder neu schaffen. An Großbritannien kann man sehen, welcher riesige Aufwand notwendig ist, um ein Land wieder zu reindustrialisieren.

Welche aktuellen Entwicklungen bei der Energiewende finden Sie gut, welche machen Ihnen Sorgen? Welche Maßnahmen sind wichtig, um die Wettbewerbsfähigkeit von Chemie-Unternehmen langfristig zu sichern?

Deutschland ist energiepolitisch keine Insel – und wird es auch nie sein. Wir haben gewisse Bauchschmerzen, weil die Strom- und Gaspreise im Vergleich mit den USA und dem Nahen Osten zu hoch sind.

Deutschland kann sich keine Energiewende um jeden Preis erlauben, sondern muss den Umbau der Energieversorgung so effizient und kostengünstig wie möglich schaffen. Dafür wird noch nicht genug getan. Ich würde mir wünschen, dass sich hier ein stärkeres Bewusstsein dafür entwickelt, dass wir uns nicht auf vergangenen Erfolgen ausruhen dürfen, sondern mit der Zeit gehen müssen. Die internationale Konkurrenz schläft nicht, wie man am Beispiel Chinas sehen kann. Ich halte es daher etwa für falsch, auf die Förderung der heimischen Schiefergasreserven zu verzichten. Hoffentlich führen die von der Politik im Fracking-Gesetz beschlossenen Probebohrungen zu guten Resultaten, damit Deutschland die Chance auf mehr Versorgungssicherheit und niedrigere Preise nicht verspielt. Wir haben hier die strengsten Regeln weltweit, und Fracking ist keine Risikotechnologie.

Wie sehen Sie die Situation speziell beim EEG? Reichen die derzeitigen Reformschritte aus, oder braucht es eine größere politische Weichenstellung?

Die EEG-Umlage steigt 2017 wieder um 8 Prozent. Und niemand weiß, was in der nächsten Legislaturperiode kommt, und ob wir dann noch mit den Kostenfaktoren von heute kalkulieren können. Viele Kostenblöcke wie die Offshore-Windparks oder der Netzausbau kommen ja erst noch auf uns zu. Zugleich genießen die Erneuerbaren immer noch Einspeisevorrang – egal ob der Markt den Strom gerade braucht oder nicht. Es wird produziert wie gerade der Wind weht. Das hat mit Marktwirtschaft nicht viel zu tun und muss sich ändern.

Außerdem leben wir heute noch teilweise in der „alten“ Energiewelt. Was wird aus der für die Industrie so wichtigen Grundlasterzeugung, wenn 2023 die letzten Kernkraftwerke abgeschaltet sind und weitere Kohlekraftwerke vom Netz gehen? Die Integration von immer mehr erneuerbaren Energien wird jedenfalls noch gewaltige Probleme und hohe Kosten verursachen. Die daraus entstehende Planungsunsicherheit macht der Industrie heute schon zu schaffen. Mir scheint es ratsam, sich vor allen Dingen um die Speicherung von Strom zu kümmern, damit die volatilen erneuerbaren Energiequellen grundlastfähig und damit auch für Großverbraucher konstant abrufbar werden.

Und last but not least: Richtig wäre, das Problem EEG nicht nur vorsichtig anzutasten, sondern nachhaltig zu lösen. Der VCI hat vorgeschlagen, den Ausbau der erneuerbaren Energien in Zukunft nicht mehr über die EEG-Umlage, sondern aus dem Bundeshaushalt zu finanzieren. Ich finde das richtig.