Jörg Rothermel zur Debatte um Netzentgelte

Energieintensive Unternehmen taugen nicht als Sündenbock

Im Moment wird die Entlastung energieintensiver Unternehmen von den Netzentgelten diskutiert. Die Rede ist von einem „Milliardenrabatt“ und einer „umstrittenen Umlage“, durch die Unternehmen seit 2011 entlastet worden sind. Hier müssen einige Dinge gerade gerückt werden.

Jörg Rothermel, Energie-Experte im VCI: „Die Netzkosten steigen durch die Energiewende: Weil der Netzausbau nicht mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien abgestimmt wurde, wird es immer teurer, das Netz zu stabilisieren. Diese Kosten muss der Stromverbraucher tragen." - Foto: © VCI
Jörg Rothermel, Energie-Experte im VCI: „Die Netzkosten steigen durch die Energiewende: Weil der Netzausbau nicht mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien abgestimmt wurde, wird es immer teurer, das Netz zu stabilisieren. Diese Kosten muss der Stromverbraucher tragen." - Foto: © VCI

Das Problem der steigenden Netzkosten liegt nicht an der Entlastung für stromintensive Unternehmen. Diese taugen nicht als Sündenbock. Denn deren Entlastung macht nur ein Zwanzigstel der Netzkosten aus. Die Netzkosten steigen im Gegenteil durch die Energiewende: Weil der Netzausbau nicht mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien abgestimmt wurde, wird es immer teurer, das Netz zu stabilisieren. Diese Kosten muss der Stromverbraucher tragen.

Wenn man den energieintensiven Unternehmen ihre Entlastungen entziehen würde, könnte man dadurch einmalig die Netzentgelte um einen vergleichsweise geringen Betrag senken. Dadurch würden die Energiekosten der betroffenen Firmen stark steigen, was ein hohes Risiko für Investitionen und Arbeitsplätze bedeutet. Zudem würde man den Anstieg der Netzentgelte dadurch nicht nachhaltig aufhalten: Diese werden mit dem nötigen Netzausbau weiter massiv steigen.

Was in der Berichterstattung vergessen wird: Die Notwendigkeit, energieintensive Unternehmen von den Netzentgelten zu entlasten, stammt nicht aus dem Jahr 2011, sondern wurde schon früher von der Politik erkannt. Die Entlastung wurde in unterschiedlichen Regierungskonstellationen und durch mehrere Legislaturperioden von der jeweiligen Bundesregierung vertreten – und das aus gutem Grund: weil die gleichmäßige Netznutzung der Unternehmen dazu beiträgt, das Netz zu stabilisieren. Und weil die Belastung mit den vollen Netzentgelten eine schwere Bürde für die Wettbewerbsfähigkeit dieser Firmen wäre.

Für die Hintergründe muss man etwas ausholen: Bis 2009 zahlten Unternehmen, die über 7.500 „Benutzungsstunden“ beim Strombezug vorweisen konnten, ein Netzentgelt, das mindestens 50 Prozent des regulären Netzentgeltes betragen musste. Dieses besonders geregelte Netzentgelt wurde auf mindestens 20 Prozent gesenkt. 2011 und 2013 gab es erneut Änderungen. Seit 2013 entrichten Unternehmen individuelle Netzentgelte, zum Beispiel bei einem Strombezug von 7.000 bis 7.500 Benutzungsstunden mindestens 20 Prozent oder mehr.

Wichtig ist dabei: Auch vor 2011 musste die Entlastung von Netznutzern von anderen, unter anderem von den Privatverbrauchern, bezahlt werden. Nur wurden diese umgelegten Kosten damals nicht in einer konkreten „Umlage“ ausgewiesen, sondern versteckten sich in den allgemeinen Netzentgelten. Seit 2011 werden die Entlastungen zusammengezählt und als konkrete Umlage auf die Stromrechnungen aller sonstigen Stromverbraucher aufgeschlagen und auch auf der Rechnung ausgewiesen. Entlastet wurde also vorher auch – seit 2011 kann aber konkret ermittelt werden, wie hoch diese Entlastung ist. 2016 betrug sie 0,378 Cent pro Kilowattstunde Strom, bei Netzentgelten für Privathaushalte von derzeit durchschnittlich 6,5 Cent pro kWh.

Die Entlastung energieintensiver Unternehmen von der Netzumlage ergibt Sinn, wenn man sich deren Rolle in der Netznutzung vor Augen führt: Sie sind dem Netz dienlich, weil Großabnehmer sehr gleichmäßig über das ganze Jahr Strom beziehen und das Netz damit gleichmäßig belasten. Sie tragen darüber erheblich zur Netzstabilität bei und haben so sogar eine kostendämpfende Wirkung auf die Netznutzung, von der alle Stromnutzer profitieren. Würden die großen Stromabnehmer die Netze so unregelmäßig nutzen wie Privathaushalte (also starke Nutzung tagsüber, wenig in der Nacht), wäre der Bedarf an Regelenergie (zum Beispiel durch zusätzliche Kraftwerke) zur gleichmäßigen Auslastung der Netze deutlich höher. Dementsprechend lägen auch die Netzkosten für alle deutlich höher.

Der Anstieg der Umlage 2017 hat also kaum etwas mit der seit Jahren und auch schon vor 2011 bestehenden Entlastung für energieintensive Unternehmen zu tun. Außerdem fällt der Anstieg relativ moderat aus: Die Netzentgelte steigen 2017 von 0,378 auf 0,388 Cent pro Kilowattstunde. Für den Durchschnitts-4-Personen-Haushalt mit einem Verbrauch von 3.500 Kilowattstunden pro Jahr bedeutet das Mehrkosten von 35 Cent im ganzen Jahr.

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