Interview mit Professor Manuel Frondel, RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

„Der Handlungsbedarf für Reformen ist hoch“

Professor Manuel Frondel vom RWI in Essen hat sich verschiedene Modelle einer alternativen EEG-Finanzierung angeschaut. Dem chemie report hat er seine Ergebnisse erläutert:

„Ich bin skeptisch, ob jene Vorschläge umsetzbar sind, die auf eine umgehende Senkung des Strompreises abzielen, etwa durch eine weitgehende Abschaffung der Stromsteuer.“ - Foto: © RWI
„Ich bin skeptisch, ob jene Vorschläge umsetzbar sind, die auf eine umgehende Senkung des Strompreises abzielen, etwa durch eine weitgehende Abschaffung der Stromsteuer.“ - Foto: © RWI

chemie report:
Herr Professor Frondel, wie beurteilen Sie selbst die deutsche Energiewende?

Manuel Frondel:
Die Antwort hat mehrere Dimensionen. Volkwirtschaftlich gesehen lässt sich Deutschland die Förderung alternativer Technologien zur Stromerzeugung sehr viel kosten. Alleine die EEG-Umlage macht rund 25 Milliarden Euro pro Jahr aus. Als Folge davon zeigt sich bei genauem Hinsehen, dass deutsche Haushalte mit die höchsten Strompreise in der EU haben. Zudem gibt es eine Gerechtigkeitslücke: Die Belastung durch die EEG-Förderung trifft einkommensschwache Haushalte im Verhältnis zu ihrem Einkommen ungleich höher als einkommensstarke. Auch deutsche Industrieunternehmen sind stark belastet: Solange sie nicht in den Genuss von Ausnahmeregelungen bei der Stromsteuer und der EEG-Umlage kommen, zahlen sie im Durchschnitt deutlich mehr für Strom als der EU-Durchschnitt.

Waren die hohen Investitionen aber nicht nötig, um den Anteil der erneuerbaren Energien auf das heutige Niveau zu erhöhen?

Sicherlich wären die Kapazitäten ohne eine solche großzügige Förderung nicht in dem Maße gestiegen. Verglichen damit ist der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromversorgung jedoch eher gering: Deutschland hat seit Einführung des EEG im Jahr 2000 die Erneuerbaren-Kapazitäten auf 104 Gigawatt verneunfacht. Der Anteil des damit erzeugten Stroms an der Bruttostromproduktion hat sich aber nur etwa vervierfacht und beträgt etwa 30 Prozent. Das liegt daran, dass konventionelle, steuerbare Kraftwerke im Prinzip das ganze Jahr rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Erneuerbare Anlagen können aber nur Strom produzieren, wenn etwa der Wind weht oder die Sonne scheint.

Sie haben die verschiedenen Vorschläge zur Verteilung der Lasten der Förderung der erneuerbaren Energien geprüft. Mit welchem Ergebnis?

Es liegen dazu zahlreiche Vorschläge auf dem Tisch. Diese habe ich nach verschiedenen Kriterien analysiert. Insgesamt ergibt sich ein differenziertes Bild: Mehrere Ansätze zielen auf eine sofortige Senkung des Strompreises ab, etwa durch die weitgehende Abschaffung der Stromsteuer oder durch eine Haushaltsfinanzierung der Besonderen Ausgleichsregelung. Allerdings würde das zu einer sofortigen, hohen Belastung für den Bundeshaushalt führen. Auch eine Fondslösung, die die Kosten in die Zukunft verschiebt, ist nicht optimal, da dies zukünftige Generationen belastet und die volkswirtschaftlichen Kosten aufgrund von Kreditzinsen erhöht. Insgesamt weisen einige Vorschläge durchaus interessante Aspekte auf, aber eben auch gravierende Mängel, sei es bezogen auf die volkswirtschaftlichen Folgen oder die politische Umsetzbarkeit.

Wie kommt der Ansatz des VCI einer Haushaltsfinanzierung für neu gebaute Erneuerbare-Anlagen bei Ihnen weg?

Interessant ist am VCI-Vorschlag, dass die Haushaltsfinanzierung sich nur auf neu installierte Erneuerbaren-Anlagen beschränkt. Weil nicht sofort eine hohe Belastung des Haushalts anfällt, sondern diese sich erst langsam aufbaut, scheint mir dieser Vorschlag politisch am ehesten umsetzbar zu sein. Zudem würde der weitere Ausbau der Erneuerbaren der staatlichen Haushaltsdisziplin unterliegen und somit unter einem stärkeren Kostendruck stehen, was einen effizienteren Ausbau verspricht.

Welchen Handlungsbedarf sehen Sie in der Politik?

Der Handlungsbedarf ist auf jeden Fall hoch, wie sich an der großen Zahl der aktuell in der Diskussion befindlichen Reformvorschläge ablesen lässt. Um den weiteren Anstieg der Strompreise zu dämpfen, muss die Kosteneffizienz des weiteren Ausbaus der erneuerbaren Energien erhöht werden. Besonders skeptisch bin ich, ob jene Vorschläge umsetzbar sind, die auf eine umgehende Senkung des Strompreises abzielen, etwa durch eine weitgehende Abschaffung der Stromsteuer. Dafür wäre die unmittelbare Belastung des öffentlichen Haushalts wohl zu hoch. Der Ansatz des VCI hat den Vorteil, dass die Belastung des Staatshaushalts anfangs gering ist und der künftige Erneuerbaren-Ausbau von den Haushältern gesteuert und kontrolliert werden könnte.


Die Fragen stellte Sebastian Kreth.
Dieses Interview ist im chemie report 10/2017 erschienen.

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Ansprechpartner

Sebastian Kreth

E-Mail: kreth@vci.de