Interview mit Jörg Rothermel, Abteilungsleiter Energie, Klimaschutz und Rohstoffe im VCI

„Der Ausbau der Erneuerbaren braucht eine neue Finanzierungsgrundlage“

Mit der aktuellen EEG-Novelle 2016 soll versucht werden, den bislang mehr oder weniger unkontrollierten Ausbau der erneuerbaren Energien in ein geordnetes Wachstum zu überführen. Der VCI begrüßt diesen Ansatz – fordert aber gleichzeitig eine grundlegende Reform des EEG.

VCI-Experte Dr. Jörg Rothermel: „Wir wollen darüber reden, ob das System der EEG-Umlage in seiner heutigen Form noch der richtige Weg ist. Denn es belastet die Stromverbraucher." - Foto: © VCI
VCI-Experte Dr. Jörg Rothermel: „Wir wollen darüber reden, ob das System der EEG-Umlage in seiner heutigen Form noch der richtige Weg ist. Denn es belastet die Stromverbraucher." - Foto: © VCI

Herr Rothermel, die Politik will den Kostenanstieg für den Ausbau der Erneuerbaren durch Ausschreibungen in den Griff bekommen. Ist das sinnvoll?

Jörg Rothermel: Leider ist durch das System der Ausschreibungen nicht garantiert, dass der Ausbau günstiger wird. Ziel ist zwar, durch Wettbewerb in den Ausschreibungen die günstigsten Angebote zu nutzen. Ob wirklich Wettbewerb stattfinden wird, kann derzeit aber niemand voraussagen. Es kann sein, dass sich weniger bewerben als ausgeschrieben wurde. Wenn also statt einer ausgeschriebenen Kapazität von 500 Megawatt nur 300 Megawatt angeboten werden und die Anbieter das wissen, dann können sie natürlich auch höhere Vergütungen verlangen. Dann kann sogar das ganze System teurer werden.

Kann eine zuverlässige Stromversorgung mit erneuerbaren Energien gewährleistet werden?

Die Versorgungssicherheit, auch für unsere Branche, wird heute durch eine ausreichende Zahl von sicher verfügbaren konventionellen Kraftwerken gewährleistet. Sie liefern Strom, wenn kein Wind weht und keine Sonne scheint. Ob dies auch in Zukunft der Fall ist, hängt vom Stromversorgungssystem ab. Hier gibt es vier wichtige Komponenten: Erstens: Der zukünftig massive Netzausbau wäre nicht nötig, wenn es beim herkömmlichen Versorgungssystem geblieben wäre. Das Netz war optimal auf die Kraftwerke ausgelegt. Nun müssen die Netze so weit ertüchtigt werden, dass Strom aus erneuerbaren Energien den Verbraucher sicher und immer erreicht. Das wird sehr teuer: Aktuell sehen die zuständigen Betreiber Ausbaukosten im Bereich von 40 Milliarden Euro vor. Zweitens: Unsere Industrie kann mittelfristig nicht ohne Sicherungskapazitäten konventioneller Art auskommen.

Widerspricht aber die Beibehaltung fossiler Kapazitäten nicht den Grundprinzipien der Energiewende?

Dass es ohne konventionelle Energieträger noch nicht geht, können wir bedauern, es ist aber ein Fakt. Dies ist schlicht dem Umstand geschuldet, dass in wind- und sonnenarmen Zeiten entsprechende Alternativen benötigt werden. Nach dem heutigen Stand kann dies nur durch fossile Kraftwerke gewährleistet werden. Kernkraftwerke laufen gesetzlich festgelegt aus – eine Regelung, die die chemische Industrie mitträgt und unterstützt. Bei Kohle- und Gaskraftwerken hingegen existiert keine gesetzliche Auslauffrist. Mangels entsprechender Vorgaben stellt sich die Bestandsfrage dieser fossilen Energien allein nach Kriterien der Wirtschaftlichkeit. Auch hier werden hohe zusätzliche Kosten entstehen.

Einen Vorgeschmack darauf hat wohl die gerade festgelegte Kapazitätsreserve für Braunkohle gegeben?

So ist es: Bestimmte Braunkohleblöcke bleiben in Reserve und sichern die Stromversorgung für Industrieanlagen und private Verbraucher, wenn es an regenerativ erzeugtem Strom mangelt. Die Kosten zur Erhaltung dieser Kraftwerke werden steigen, weil der Grundbedarf in Deutschland – im Winter maximal 80 Gigawatt, im Sommer 40 bis 60 Gigawatt – konventionell vorgehalten werden muss. Bei der Vorhaltung kommt nun die dritte der vier Komponenten zum Tragen: die Speicher für den produzierten Strom aus regenerativen Quellen. Speichertechnologien sind zwar in der Entwicklung, sie werden aber, um sich wirtschaftlich in das System eingliedern zu können, noch für geraume Zeit nicht ausreichend zur Verfügung stehen.

Wie stark spielt die hohe Fluktuation erneuerbarer Energien hinein? Und wie wirkt sich diese auf die Kosten aus?

Die vierte und damit letzte Komponente ist die Netzregelung in Deutschland. Wegen des Wetters ist nur bedingt längerfristig vorhersagbar, wann, wie und wo Strom aus erneuerbaren Quellen – immerhin mittlerweile 30 Prozent unseres Stroms – produziert wird. Dadurch muss immer stärker regelnd eingegriffen und permanent die Verfügbarkeit von konventionellen Kraftwerken geplant werden. Während dafür früher praktisch keine Kosten entstanden sind, kostete dies 2015 erstmals rund 1 Milliarde Euro, die zusätzlich zur EEG-Umlage noch auf die Netzentgelte gepackt werden. Mit sicher weiter steigender Tendenz.

Die Chemie wirbt für eine Reform des EEG, obwohl es gerade erneut novelliert wird. Wo drückt der Schuh?

Wir unterstützen die Energiewende, aber wir fordern auch seit Langem: Die Erneuerbaren müssen sich dem Markt stellen. Dies wurde bisher noch nicht erreicht. Ausschreibungen sind ebenso wie Direktvermarktung Marktelemente. Dies ist positiv zu sehen. Allerdings wird der Marktmechanismus durch eine gleitende Prämie insofern wieder ausgehebelt, als sie unabhängig davon gezahlt wird, wie viel tatsächlich am Strommarkt erlösbar wäre. Damit ist die Einspeisevergütung als feste Vergütung garantiert. Zudem stellt sich die Frage eines neuen Finanzierungssystems. Der Kostenaufwand, der über den eigentlichen Strommarktpreis hinausgeht, wird auf die Stromverbraucher umgelegt. Man muss sich klar darüber sein, dass Stromverbraucher mehr als das Doppelte des normalen Marktpreises bezahlen. Dies ist auf Dauer nicht vermittelbar.

Was bedeutet das für die Chemie?

Das gegenwärtige System führt im internationalen Wettbewerb zu gravierenden Nachteilen. Gleichzeitig stehen die Entlastungen für die energieintensiven Unternehmen unserer Branche unter permanentem Beschuss. Das führt zu Unsicherheit bei den bislang noch entlasteten Unternehmen: Sie wissen nicht, ob sie absehbar von der EEG-Umlage befreit bleiben. Dies bedroht die Planungssicherheit, die die Unternehmen für Investitionen benötigen. Sicher: Die energieintensiven, ebenso wie die bestehenden eigenstromerzeugenden Unternehmen sind gesetzlich von der EEG-Umlage ausgenommen. Die Förderung beziehungsweise der Ausbau der erneuerbaren Energien muss aber trotzdem bezahlt werden. Diejenigen, die nicht ausgenommen sind, müssen für die entlasteten Unternehmen mitzahlen. Das führt zu einer Diskussion, ob das EEG gerecht ist.

Sie stehen eindeutig zur Energiewende, aber sagen auch ganz klar: so nicht! Wie stellen Sie sich das Projekt Energiewende vor?

Wir sehen in der Energiewende eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe – und nicht nur eine der Stromverbraucher. Der Ausbau der Erneuerbaren sollte auf eine andere Finanzierungsgrundlage gestellt werden. Die dazu notwendige Reform muss alternative Finanzierungslösungen bieten und die Wettbewerbsverzerrungen auflösen.

Aus Ihrer Sicht ist also dringender Handlungsbedarf geboten?

Ganz klar: ja. Vor allem weil das Ganze äußerst langwierig ist.

Betreiber von Erneuerbare-Energien-Anlagen erhalten die festgelegte Vergütung schließlich über Jahre hinweg – Veränderungen entfalten ihre Wirkung also erst mit erheblicher Verzögerung. Da bis zur Bundestagswahl nicht mehr mit einer wirklichen Reform zu rechnen ist, sollte diese für die kommende Legislaturperiode vorbereitet werden und dann für die nächste Bundesregierung ganz oben auf der Prioritätenliste stehen.

Die Fragen stellte Sebastian Fischer-Jung.

EEG: Debatte in den sozialen Netzwerken

Die deutsche Chemie plädiert für eine grundlegende Reform des EEG, damit der Ausbau der erneuerbaren Energien für Bürger und Unternehmen bezahlbar bleibt.

Da bis zur Bundestagswahl (voraussichtlich Herbst 2017) nicht mehr mit einem solchen Schritt zu rechnen ist, sollte die Reform nun vorbereitet werden und auf der Prioritätenliste der nächsten Regierung ganz oben stehen.

Um sich mit möglichst vielen Interessierten darüber auszutauschen, moderiert der VCI eine Debatte in den sozialen Netzwerken Twitter, Facebook, Xing, Linkedin und Google+.

Zur Debatte geht es hier!

Sie haben Ideen, wie wir die Reform weiter in die Breite tragen können?
Ihre Ansprechpartnerin: Jenni Glaser, Tel. 069 2556-1377, glaser@vci.de.

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Das Interview mit Dr. Jörg Rothermel ist im chemie report 04/2016 erschienen. Den Beitrag im Original-Layout lesen Sie hier mit Klick auf's PDF-Symbol; zusätzlich finden Sie ihn im Download-Bereich im Kopf dieser Seite. PDF 233 Kb