Eindrücke von Tag 2 des Weltklimagipfels

Mehr Klarheit, bitte!

VCI-Pressereferent Sebastian Kreth schildert seine Eindrücke vom zweiten Konferenztag in Bonn. Unter anderem berichtet er von der ersten Veranstaltung mit Chemie-Bezug unter dem Titel „Future-oriented Chemistry - How we can deliver on the Paris Agreement".

Diskutierten über die Chemie von morgen: Von links: Alexis Bazzanella, ISC3; Peter Botschek, ICCA/Cefic; Ulrich Schubert, EuCheMS - Foto: © VCI/Nitz
Diskutierten über die Chemie von morgen: Von links: Alexis Bazzanella, ISC3; Peter Botschek, ICCA/Cefic; Ulrich Schubert, EuCheMS - Foto: © VCI/Nitz

Es heißt, dass man etwa drei Jahre braucht, um sich in dem komplizierten Prozess der Klimaverhandlungen zurechtzufinden. Ohne die Abkürzungen zu kennen, weiß man in Bonn weder, worüber gesprochen wird noch wer darüber spricht.

Viele Abkürzungen prägen den Ternminkalender rund um den Weltklimagipfel - Foto:
Viele Abkürzungen prägen den Ternminkalender rund um den Weltklimagipfel - Foto: © VCI/Kreth

Auf dem Feld der Akronyme wurde eine neue Innovation vorgeschlagen: ICTU. Das steht für „improved clarity and transparency understanding“. Dahinter verbirgt sich die wichtige Forderung, dass alle Staaten ihre Treibhausgasemissionen nach gleichen Regeln und Prinzipien messen und bilanzieren sollen. Hier gibt es mehrere Haltungen: Kanada verficht die Position der Industrieländer, die wollen, dass Klarheit und Transparenz des CO2-Ausstoßes weltweit gelten sollen. Denn erst wenn die Zahlen global vergleichbar sind, kann man auch die individuellen Minderungsquoten, sprich die Klimaziele der Länder, vergleichen. Daher ist auch die deutsche Chemie für solche Regeln. Indien allerdings ist strikt dagegen, mutmaßlich um damit die Forderung nach absoluten Zielen für die eigene CO2-Minderung abzuwehren. Denn Indien hat im Gegensatz zu westlichen Industrieländern nur Ziele, die relativ zum Wirtschaftswachstum stehen. Der fast schon futuristische indische Pavillon auf der COP23 kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Indien wie viele Schwellenländer beansprucht, sich im Wirtschaftswachstum auch durch höhere Emissionen nicht bremsen zu lassen.

Foto: © VCI/Kreth

Mehr Klarheit soll es kommendes Jahr auch für das 1,5 Grad-Ziel geben. Denn zum Klimagipfel in Warschau 2018 soll ein Bericht erscheinen, in dem dieses ambitionierte Ziel erstmals komplett durchgerechnet wird und seine Voraussetzungen als auch Folgen transparent gemacht werden. Übrigens ist das 1,5-Grad theoretisch auch ambitionierter als die derzeitigen Klimaziele von Deutschland oder der EU.

Dass auf die Industrie einiges zukommt, betonte heute auch ein Mitglied des Weltklimarats gegenüber Wirtschaftsvertretern: „Die Branchen Chemie, Zement und Stahl gehören zu denen, die angesichts der 2050-Ziele vor großen Herausforderungen stehen.“

Wie man diesen begegnen kann, war auch Thema der ersten Veranstaltung mit Chemie-Bezug auf dem EU-Pavillon unter dem Titel „Future-Oriented Chemistry - How We Can Deliver the Paris Agreement" (siehe Foto ganz oben). Professor Ulrich Schubert von EuCheMS stellte hier die Möglichkeiten einer „künstlichen Photosynthese“ vor, die irgendwann einmal als Ersatz für Erdöl, heute wichtigste Rohstoffquelle für die Chemie, denkbar wäre. Laut Professor Schubert könnte eine solche Solarchemie über mehrere Zwischenschritte ab Mitte des Jahrhunderts verfügbar sein. Am Ende würde ein System zur Bereitstellung von Kohlenstoffquellen für die Chemie entstehen, das direkt auf Sonnenergie basiert. Die Hürden für die Forschung bis dahin seien allerdings aus heutiger Sicht noch hoch. Außerdem müsse das System in industriellem Maßstab, also auch außerhalb des Labors, funktionieren.

Nachhaltige Chemie: Alexis Bazzanella vom International Sustainable Chemistry Colloboration Center (ISC3) brachte die wichtigsten Merkmale auf den Punkt. - Foto:
Nachhaltige Chemie: Alexis Bazzanella vom International Sustainable Chemistry Colloboration Center (ISC3) brachte die wichtigsten Merkmale auf den Punkt. - Foto: © VCI/Nitz

Peter Botschek, Energieexperte des europäischen Chemieverbands Cefic, stellte zwei Studien vor, die das Potenzial der Chemie für den Klimaschutz verdeutlichen: So zeigt eine Analyse von Ecofys, dass Chemieprodukte viel zur Senkung von Emissionen beitragen können, unter anderem in den Bereichen Gebäude, Transport und erneuerbare Energien.

Eine weitere Studie von Accenture weist auf das hohe Potenzial einer zirkulären Wirtschaft hin: Bei geeigneten Rahmenbedigungen ließe sich dadurch in der Chemieprodukion viel Energie einsparen. Botschek machte aber auch klar: „Als energieintensive Industrie können wir unseren CO2-Ausstoß analog zu den Roadmaps bis 2050 nur reduzieren, wenn es eine verlässliche CO2-freie Stromerzeugung gibt, die auch bezahlbar ist. Davon sind wir heute noch weit entfernt.“

Klar drückte sich auch der CEO von der „Global Reporting Initiative" zur Nachhaltigkeitsberichtserstattung, Tim Mohin, aus - unser Zitat des Tages: „To everyone who asks why the US is pulling out of Paris, let me tell you: I’ve seen this movie before.“

Hinweis:
Alle Blog-Beiträge des VCI zur COP23 finden Sie auf: www.vci.de/cop23 .

Für Fragen und Anregungen nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf.

Ansprechpartner

Sebastian Kreth

E-Mail: kreth@vci.de