Eindrücke von Tag 5 des Weltklimagipfels

Lösungen ausgeschlossen?

VCI-Pressereferent Sebastian Kreth erzählt vom aufkeimendem Gefühl des „Kochens im eigenen Saft" auf der COP23. Und schildert weitere Eindrücke vom fünften Konferenztag in Bonn. Wichtiger Bestandteil darin: die „Tour de Chemie", mit der Unternehmen der deutschen chemischen Industrie im Chemiepark Leverkusen aufgezeigt haben, welche Technologien die Branche zu bieten hat, um den Klimaschutz weltweit voranzubringen.

Wie ermöglicht und befördert die chemische Industrie mit ihren Technologien den Klimaschutz weltweit? Eine Besuchsfahrt für Delegierte und Journalisten machte das anschaulich. - Foto: © Michael Rennertz
Wie ermöglicht und befördert die chemische Industrie mit ihren Technologien den Klimaschutz weltweit? Eine Besuchsfahrt für Delegierte und Journalisten machte das anschaulich. - Foto: © Michael Rennertz

Wie finden auf der COP eigentlich Menschen zueinander, die einmal miteinander reden sollten? Nur schwer. Die Stakeholder sind in Gruppen organisiert, die sich Bingo (Business), Youngo (Frauen, Gender und jüngere Menschen) oder Tungo (Gewerkschaften) nennen, in denen man unter sich bleiben kann. Als Teil der Bingo-Community habe ich mich eine Woche lang fast nur mit Themen beschäftigt, die mir schon bekannt waren. Eigentlich ein Armutszeugnis. Ich vermute aber, dass meine Neigung zur Tribalisierung auch bei Engos (Umwelt-NGOs) und Ringos (Forscher) ebenso verbreitet ist. Vielleicht ist das die zwangsläufige Komplexitätsreduktion, die auf solchen Megagipfeln nötig ist.

Wenn man es wohlwollend betrachtet, ist vor diesem Hintergrund vielleicht auch die Idee entstanden, zukünftig Gruppen von den Verhandlungen auszuschließen, die einen „Interessenkonflikt“ aufweisen. Gemeint sind damit jene, deren Geschäft Kohlenstoff ist und die somit CO2 verursachen, also wohl die Mineralölindustrie, aber auch die Chemie. Die Industrie wäre damit „Persona non grata“.

Eine Nichtregierungsorganisation fordert in Bonn, die „schmutzige Industrie“ auszuschließen - Foto:
Eine Nichtregierungsorganisation fordert in Bonn, die „schmutzige Industrie“ auszuschließen - Foto: © VCI/Kreth

Manche wollen die Kommunikation insbesondere mit dem Teil der Wirtschaft einfach beenden, der sich mit dem „Teufelszeug“ fossile Rohstoffe angeblich die Hände schmutzig macht. Unter dem Motto „People before profits“ wird dies sogar in der EU diskutiert. Ob es einer nötigen Gesamtbetrachtung dient, wenn die politische Diskussion noch schneller dekarbonisiert wird als die Wirtschaft? Und wer liefert Lösungen, wenn die Lösungslieferanten ausgeladen werden?

Denn bezahlbare Ideen für den Klimaschutz sind weltweit bitter nötig. Nur hat nicht jedes Land den gleichen Bedarf. So möchte ein afrikanisches Land vielleicht günstige Solartechnik, im Nahen Osten steht das Thema Trinkwasser ganz oben auf der Liste. Technologien, die die deutsche Chemie abdeckt, wie die Firmen Covestro, Wacker und Lanxess auf der „Tour de Chemie“ in Leverkusen vor einem internationalen Publikum vorstellten. VCI und NDE Germany (die „National Designated Entity of Germany") hatten gemeinsam dazu eingeladen.

Covestro gehörte zu den Gastgebern im Chemiepark Leverkusen, die exemplarisch aufzeigten, welche Technologien zur Minderung von Treibhausgasen und zur Anpassung an den Klimawandel die deutsche Chemie bereits entwickelt hat. - Foto:
Covestro gehörte zu den Gastgebern im Chemiepark Leverkusen, die exemplarisch aufzeigten, welche Technologien zur Minderung von Treibhausgasen und zur Anpassung an den Klimawandel die deutsche Chemie bereits entwickelt hat. - Foto: © Michael Rennertz

Matthias Bremer von Wacker zu den Potenzialen der Photovoltaik - Foto:
Matthias Bremer von Wacker zu den Potenzialen der Photovoltaik - Foto: © VCI/Kreth
So will Wacker vor allem mit seiner Photovoltaik-Kompetenz (genauer gesagt mit der Aufbereitung hochreinen Polysiliziums) zu den weltweiten Nachhaltigkeitszielen bezahlbare Energieversorgung und Klimaschutz beitragen.

Photovoltaik sei Dank gesunkener Preise weltweit weiter auf dem Vormarsch und daher entscheidend für die CO2-Reduktion gerade auch in Schwellenländern, sagte Unternehmensvertreter Matthias Bremer.






Lanxess beschäftigt sich dagegen intensiv mit dem Thema Wasseraufbereitung. Sauberes Wasser gehöre zu den wichtigsten Nachhaltigkeitsszielen, erklärte Jean-Marc Vesselle, da Wasserknappheit in Zukunft ein immer größeres Problem werde.

Jean-Marc Vesselle von Lanxess erläuterte die Bedeutung von Technologien zur Wasseraufbereitung. - Foto:
Jean-Marc Vesselle von Lanxess erläuterte die Bedeutung von Technologien zur Wasseraufbereitung. - Foto: © VCI/Kreth

Das liege auch an der zunehmenden Urbanisierung. Lanxess biete durch seine „Ionenaustauscherharze“ eine Technologie zur Trinkwasseraufbereitung, die sowohl in kleinem Maßstab für Privathaushalte als auch für ganze Metropolen zur Verfügung stehe. Solche Harze seien sogar eine Möglichkeit, CO2 aus der Luft wiederzugewinnen. Von allen Orten in der Welt wird das schon in der internationalen Raumstation eingesetzt.

Einen anderen Umgang mit dem Treibhausgas wählt Covestro: In dem Unterfangen, technologische „Grenzen zu überschreiten“ (Covestro-Forscher Gernot Jäger), ist es dem Unternehmen geglückt, CO2 in der Produktion von Polyurethanen über die Zwischenstufe der Polyole als Rohstoff zu nutzen. Die Matratze ist nur eine der bekannteren Anwendungsmöglichkeiten.

Kohlendioxid für die Produktion von Polycarbonaten nutzen - einer der Technologiepfade, den die Delegierten und Journalisten aus aller Welt live bestaunen konnten. - Foto:
Kohlendioxid für die Produktion von Polycarbonaten nutzen - einer der Technologiepfade, den die Delegierten und Journalisten aus aller Welt live bestaunen konnten. - Foto: © Michael Rennertz

Wie der Materialfluss in der Covestro-Anlage zeigt, wird das Produkt schon in industriellem Maßstab produziert und ist auch im Markt, was für Innovationen gar nicht selbstverständlich ist: Denn häufig sind es die Produzenten, die ihre Kunden erst überzeugen müssen, dass ein nachhaltigeres Material auch die gleichen Eigenschaften und Qualität aufweisen. Bei den Polyurethanen von Covestro wäre zum Beispiel durchaus ein noch größerer CO2-Gehalt denkbar, dann sei das Material aber zu zähflüssig. Wichtige Details, die man nicht erfährt, wenn man die Industrie von vorneherein aus der Debatte ausschließt.

Es wird daher mehr und mehr um Vernetzung gehen, damit Produkte und Technologien dort ankommen, wo sie gebraucht werden. Dabei hilft auch die NDE, die „Nationale Kontaktstelle“ Deutschlands. Sie ist beim Bundeswirtschaftsministerium eingerichtet und versucht, Kunden, Unternehmen und Forschungseinrichtungen aus ihren Echokammern herauszuholen und zusammen zu bringen. Ein Werkzeug der NDE, das auch für deutsche Unternehmen spannend sein dürfte, ist eine aktuelle Liste darüber, welches Land momentan welche Technologie braucht. (Infos dazu unter: https://www.nde-germany.de )

Merke: Miteinander reden - und die jeweiligen Kompetenzen in diesem Dialog zuzulassen - hilft.

Hinweis:
Alle Blog-Beiträge des VCI zur COP23 finden Sie auf: www.vci.de/cop23 .

Für Fragen und Anregungen nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf.

Ansprechpartner

Sebastian Kreth

E-Mail: kreth@vci.de