Workshop über endokrine Disruptoren in Berlin

Wie hormonaktive Chemikalien reguliert werden sollten

Das Thema hormonaktive Chemikalien erhält derzeit viel Aufmerksamkeit von Wissenschaft, Behörden und Interessengruppen. Die EU-Kommission arbeitet an Kriterien, die es künftig ermöglichen sollen, Chemikalien als hormonell schädliche Stoffe zu identifizieren. Ein Workshop in Berlin unter Beteiligung des VCI brachte die verschiedenen Ansichten zusammen.

VCI-Geschäftsführer Gerd Romanowski (2.v.l.): Diskussion über endokrine Disruptoren muss sachlich geführt werden. © EurAcitv
VCI-Geschäftsführer Gerd Romanowski (2.v.l.): Diskussion über endokrine Disruptoren muss sachlich geführt werden. © EurAcitv

Eine hormonell wirksame Substanz ist ein chemischer Stoff, der eine Reaktion des Hormonsystems hervorruft. Tritt dabei eine Schädigung ein, ist die Substanz als „endokriner Disruptor“ zu bezeichnen. Dieser Begriff wird schon heute in der REACH-Verordnung und den EU-Regelungen für Pflanzenschutz, Biozide und kosmetische Mittel verwendet. Noch fehlt aber die rechtliche Festlegung, was genau einen hormonell schädlichen Stoff ausmacht und was nicht. Diese Definition wird künftig große Auswirkungen auf die Verwendung vieler Chemikalien haben: Der Einsatz hormonell schädlicher Stoffe könnte in der EU verboten oder beschränkt werden.

Welche Lehren können aus der bisherigen politischen und medialen Diskussion zu diesem Thema gezogen werden? Dieser Frage ging Anfang Juli ein Workshop des EU-Nachrichtenportals EurActiv in Kooperation mit dem VCI in Berlin nach. Rund 40 Teilnehmer aus Politik, Forschung, Chemieindustrie und Medien konnten hier erfahren, wie schwierig es ist, hormonaktive Stoffe zu regulieren, ohne dabei über das Ziel hinauszuschießen.

Schwierige Definitionsfrage

Die Notwendigkeit einer Regulierung stellte keiner der Diskussionsteilnehmer in Frage. Prof. Dr. Bernd Schäfer vom Bundesinstitut für Risikobewertung wies darauf hin, dass sogar Zucker als endokriner Disruptor gesehen werden könnte, da er die Insulinausschüttung der Bauchspeicheldrüse beeinflusse. Er forderte deshalb, dass für die Suche nach endokrinen Disruptoren die Definition der Weltgesundheitsorganisation verwendet werden müsse. Hierbei sei es notwendig, zwischen hormonaktiven und hormonell schädlichen Stoffen zu unterscheiden.

Die CSU-Bundestagsabgeordnete Dr. Anja Weisgerber sagte, dass Stoffe, die nachweislich hormonschädigend sind, nach der Pflanzenschutzmittelrichtlinie nicht mehr zugelassen werden dürften. Insgesamt sollten bei hormonaktiven Stoffen Grenzwerte so festgesetzt werden, dass ein hoher Gesundheitsschutz gewahrt bleibe. Gleichzeitig sei es aber auch im Interesse der Verbraucher, genügend Lebensmittel aus Europa zur Verfügung zu haben. Für deren Anbau müssten Landwirte Pflanzenschutzmittel einsetzen können.

Prof. Dr. med. Karl Ernst von Mühlendahl von der kinderärztlichen Beratungsstelle „Kinderumwelt“ sagte, viele Chemieprodukte seien für das moderne Leben unentbehrlich. Er warnte aber auch, dass nicht gewartet werden dürfe, bis durch Krankheiten und Veränderungen im Genom die Schädlichkeit eines Stoffes eindeutig nachgewiesen ist. Die gelte insbesondere für Stoffe, die Einfluss auf die embryonale Entwicklung haben könnten. Auch sollte die Möglichkeit von Kombinationseffekten verschiedener Stoffe, mit denen der Mensch gleichzeitig in Berührung kommt, verstärkt betrachtet werden.

Dr. Gerd Romanowski, Geschäftsführer für Wissenschaft, Technik und Umwelt im VCI, forderte, dass die Diskussion über endokrine Disruptoren sachlich geführt werden müsse. Es sollten zuerst wissenschaftliche Kriterien und Bewertungsverfahren für diese Stoffe vorliegen, bevor regulative Entscheidungen über einzelne Substanzen getroffen werden. Romanowski sagte, dass für die Stoffe, für die man Schwellenwert definieren kann, eine Verwendung im sicheren Bereich unterhalb der Schwellen- und Grenzwerte gestattet bleiben solle.

Der Soziologe und Risikoforscher Prof. Dr. Ortwin Renn erklärte, dass das Thema hormonaktive Chemikalien für viele Menschen zu komplex sei, um sich eine intuitive Meinung bilden zu können. Bei komplexen Themen werde das tatsächliche Risiko im Vergleich zu Aktivitäten wie Rauchen oder Autofahren häufig überschätzt. Hier müsste deshalb die Politik vorgeben, was als akzeptables Risiko betrachtet werden könnte.

Auf politischer Ebene geht die Diskussion um hormonaktive Chemikalien inzwischen weiter. Mitte Juni hat die EU-Kommission einen Fahrplan veröffentlicht, der bis Herbst 2014 zu Kriterien für die Definition und Einordnung von endokrinen Disruptoren führen soll.

Diskutierten in Berlin über die Regulierung hormonaktiver Chemikalien (v.l.): Moderator Thomas Franke, EurActiv Deutschland; Prof. Dr. med. Karl Ernst von Mühlendahl, Kinderumwelt; Dr. Gerd Romanowski, Verband der Chemischen Industrie; Dr. Anja Weisgerber, Deutscher Bundestag; Prof. Dr. Ortwin Renn, Universität Stuttgart und Prof. Dr. Bernd Schäfer, Bundesinstitut für Risikobewertung. © EurActiv © EurActiv

Für Fragen und Anregungen nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf.

Ansprechpartner

Dipl.-Pol. Oliver Claas

E-Mail: claas@vci.de

Mehr zum Thema