Einstufung und Kennzeichnung

VCI-Stellungnahme zum Vorschlag einer harmonisierten Einstufung von Titandioxid

Die französische Behörde ANSES hat Titandioxid für die harmonisierte Einstufung gemäß CLP-Verordnung vorgeschlagen, und zwar als Stoff, der „wahrscheinlich krebserzeugend beim Menschen" ist bzw. der „beim Einatmen Krebs erzeugen kann". Der Vorschlag befindet sich nun auf europäischer Ebene im Diskussions- und Entscheidungsverfahren. Aus Sicht der chemischen Industrie ist eine solche Einstufung weder begründet noch sachgerecht und hätte gravierende und unverhältnismäßig negative Auswirkungen.

Hintergrund

Von der französischen Behörde „Agence nationale de sécurité sanitaire de l’alimentation, de l’environnement et du travail“ (ANSES) wurde ein sogenannter CLH-Report mit einem Vorschlag für die harmonisierte Einstufung und Kennzeichnung von Titandioxid als „wahrscheinlich krebserzeugend beim Menschen“ (Kategorie 1B) / „kann beim Einatmen Krebs erzeugen“ (H350i) erarbeitet.

Der Vorschlag befindet sich nun auf europäischer Ebene im Diskussions- und Entscheidungsverfahren, dessen Ablauf durch die CLP-Verordnung vorgegeben ist. Die öffentliche Konsultation durch die ECHA läuft noch bis zum 15. Juli 2016.

Die Sicht der chemischen Industrie in der Zusammenfassung

Die vorgeschlagene Einstufung und Kennzeichnung ist aus folgenden Gründen nicht begründet und nicht sachgerecht und hätte gravierende und unverhältnismäßig negative Auswirkungen:

1. Keine Hinweise auf Probleme aus epidemiologischen Studien und der Anwendungspraxis

Titandioxid wird seit Jahrzehnten sicher verwendet. Ein gehäuftes Auftreten von Lungenkrebs wurde nicht beobachtet. Epidemiologische Studien konnten keinen Zusam-menhang zwischen der Exposition am Arbeitsplatz und einem Risiko für Krebs feststellen. Dies wird auch im CLH-Report festgestellt:

“Human data do not suggest an association between occupational exposure to TiO2 and risk for cancer. […]” [CLH-Report Seite 8].

2. Tierstudien sind nicht auf den Menschen übertragbar

Der Vorschlag zur Einstufung im CLH-Report basiert im Wesentlichen auf Studien an Ratten, welche extrem hohen Konzentrationen an Titandioxid-Stäuben exponiert waren, die zu sogenannten „lung overload“-Effekten führten.

Alle relevanten Leitlinien von ECHA, OECD und ECETOC stellen aber übereinstimmend fest, dass Ergebnisse aus „lung overload“-Studien an Ratten aus mehreren Gründen nicht auf den Menschen übertragen werden sollten. Aus toxikologischer Sicht ist eine Einstufung deshalb weder begründet noch sachgerecht.

3. Die bestehende Gesetzgebung bietet ausreichend Sicherheit

Die ausschließlich im Tierversuch festgestellte krebserzeugende Wirkung beruht auf partikelbedingten Entzündungsprozessen in der Lunge durch die inhalative Staubex-position. Diese ist jedoch nicht stoffspezifisch für Titandioxid, sondern charakteristisch für eine Vielzahl von Stäuben unabhängig vom zugrundeliegenden Stoff.

Eine inhalative Exposition gegenüber Titandioxid-Stäuben ist in erster Linie an Arbeitsplätzen zu erwarten. In mehreren Mitgliedsstaaten gibt es deshalb entsprechende Staubgrenzwerte. In Deutschland gibt es darüber hinaus zusätzlich noch eine Reihe von Vorschriften für weitergehende Schutzmaßnahmen zur Minimierung einer Staubexposition. Auf europäischer Ebene könnte die Staubexposition über die Richtlinien zum Arbeitsschutz verbindlich und einheitlich geregelt werden. Eine Einstufung von Titandioxid ist hierfür nicht erforderlich.

4. Gravierende und unverhältnismäßig negative Auswirkungen durch das bezugnehmende Regelwerk

In vielen gesetzlichen Regelungen wie z. B zur Anlagensicherheit, zum Umwelt- und Verbraucherschutz oder in Spezialgesetzgebungen zu Biozidprodukten oder kosmetischen Mitteln entstehen durch eine Einstufung und Kennzeichnung automatisch und ohne weitere Überprüfung, ob von der Verwendung des Stoffes tatsächlich Risiken ausgehen, umfangreiche Pflichten sowie weitreichende Verbote und Beschränkungen. So dürften Gemische wie z. B. titandioxidhaltige weiße Wandfarbe nicht mehr für den privaten Endverbraucher in Verkehr gebracht werden.

5. Keine geeigneten Alternativen vorhanden

Aufgrund der überragenden Gesundheits-, Sicherheits-, Umwelt-, und Performanceeigenschaften von Titandioxid gibt es keine geeigneten Alternativen. Da die krebserzeugende Wirkung im Tierversuch nicht stoffspezifisch, sondern charakteristisch für Stäube ist, ist zu erwarten, dass dies für alle möglichen Alternativstoffe ebenfalls gelten wird.

6. Erhebliche negative Auswirkungen in allen Industriebereichen

Titandioxid ist wegen der hervorragenden Eigenschaften ein Allround-Rohstoff in fast allen Industriebereichen. Der Stoff findet überwiegend als weißes Pigment breite Verwendung, insbesondere in Farben und Lacken sowie in Kunststoffen, Textilien, Lebens- und Futtermitteln, bei der Papierherstellung sowie in Arzneimitteln und kosmetischen Produkten. Eine Einstufung als „wahrscheinlich krebserzeugend“ hätte deshalb gravierende negative Auswirkungen auf nahezu alle Wertschöpfungsketten.

Fazit

Der vorgelegte Vorschlag zur Einstufung und Kennzeichnung von Titandioxid ist aus toxikologischer Sicht nicht sachgerecht. Von einer Einstufung ist deshalb abzusehen. Eine Einstufung würde nicht zu einer Verbesserung im Gesundheits- und Umweltschutz beitragen, sondern gravierende und unverhältnismäßig problematische Auswirkungen in fast allen Rechtsbereichen haben.

Für alle Stoffe sollten in Zukunft zusätzlich Risikobetrachtungen durchgeführt werden, sobald eine harmonisierte Einstufung eines Stoffes erfolgen soll. Ist bereits ein ausreichendes Risikomanagement bei Verwendungen für Verbraucher, Arbeitnehmer und Umwelt etabliert, müssen im Rahmen der Verhältnismäßigkeit Ausnahmen geschaffen werden. Dadurch wäre gewährleistet, dass durch das bezugnehmende Regelwerk keine automatischen und unverhältnismäßigen Beschränkungen bzw. Verbote resultieren.


Das vollständige Positionspapier mit einem Umfang von 23 Seiten finden Sie im Download-Bereich im Kopf dieser Seite (sog. "Langfassung"). Zur englischsprachigen Version .

Die detaillierte Stellungnahme enthält folgende Informationen:

  • Hintergrund
  • Toxikologie
  • Exposition gegenüber Titandioxid-Stäuben am Arbeitsplatz
  • Automatische Rechtsfolgen der Einstufung am Beispiel von Titandioxid
  • Anwendungsgebiete von Titandioxid – Einsatz als „Allround"-Rohstoff
  • Fazit/Forderungen
  • Anhang I: Anwendungen von Titandioxid

Für Fragen und Anregungen nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf.

Ansprechpartner

Dipl.-Ing. Bernd Berressem

E-Mail: berressem@vci.de

Dr. Michael Lulei

E-Mail: lulei@vci.de

Dr. Friederike Paven

E-Mail: paven@vci.de