Neue BDI-Studie analysiert Herausforderungen und Chancen der deutschen Klimaziele bis 2050

„Eine echte Herkulesaufgabe“

Mitte Januar hat der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) seine mit Spannung erwartete Studie „Klimapfade für Deutschland“ vorgestellt. Die von Boston Consulting Group und Prognos erstellte Analyse untersucht in mehreren Szenarien, welche technischen und wirtschaftlichen Herausforderungen mit den deutschen Klimazielen für 2050 verbunden sind. Die Studie, an der 68 Verbände und Unternehmen (darunter der VCI) beteiligt waren, war Gegenstand kontroverser Debatten bei einem Kongress in Berlin.

„Mind the gap“: Sowohl Chancen als auch Risiken erkannten die Vizepräsidenten des BDI angesichts der langfristigen deutschen Klimaziele (links im Bild: VCI-Präsident Kurt Bock) - Foto: © BDI-Christian-Kruppa
„Mind the gap“: Sowohl Chancen als auch Risiken erkannten die Vizepräsidenten des BDI angesichts der langfristigen deutschen Klimaziele (links im Bild: VCI-Präsident Kurt Bock) - Foto: © BDI-Christian-Kruppa

VCI-Präsident Kurt Bock wies auf den erheblichen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbauprozess hin, der zur Erreichung des deutschen Klimaziels notwendig wäre: „Die BDI-Studie zeigt, dass das deutsche Klimaschutzziel von 80 Prozent bis 2050 technologisch möglich ist, aber eine echte Herkulesaufgabe wird. Der Investitionsbedarf ist mit 1,5 Billionen Euro für die deutsche Volkswirtschaft eine riesige Herausforderung.“ Viele der nötigen Maßnahmen seien nach heutigem Stand nicht wirtschaftlich, sagte Kurt Bock: „Ohne massive politische Fördermaßnahmen sind die nötigen Investitionen betriebswirtschaftlich nicht abbildbar.“ Zudem sieht er Akzeptanzprobleme in der Gesellschaft, gerade in Hinblick auf das noch ambitioniertere 95-Prozent-Ziel. Dieses sei unrealistisch.

Machbarkeit versus Bezahlbarkeit

Die vielen Facetten der Studie beleuchtete ein gut besuchter Kongress in Berlin. Unter dem Motto „mind the gap“ wies er auf die Lücke zwischen den mit heutigen Maßnahmen erreichbaren 60 Prozent Minderung und dem deutschen 80- beziehungsweise 95-Prozent-Klimaziel hin. BDI-Präsident Dieter Kempf sagte zur Einführung, Klimaschutz sei „weder total einfach noch unmöglich“, das komplexe Problem eigne sich schlicht nicht für eine ideologische Sichtweise. Die BDI-Studie solle im politischen Raum Orientierung schaffen, um die Risiken auf dem Weg zu mehr Klimaschutz minimieren und die Chancen maximieren zu können.

Zwischen den Polen Chance und Risiko spielte sich auch die Hauptdiskussion zwischen mehreren Unternehmensvertretern (gleichzeitig BDI-Vizepräsidenten) ab, darunter ebenfalls Kurt Bock. Er stellte klar, dass ein ambitionierter Klimaschutz für die Chemie auch eine wirtschaftliche Chance sei. Die Industrie müsse bei dem Thema „nicht zur Jagd getrieben werden“, da sie von sich aus sehr innovativ sei. Aus unternehmerischer Sicht sei aber noch unklar, wie mit den nötigen neuen Technologien auch Geld verdient werden könne. Er forderte von der Politik, realistische Ziele zu setzen, es aber dem Markt zu überlassen, die besten Lösungen zu finden. Zudem empfahl er etwas Demut: „Auch die 80 Prozent schaffen wir zu den in der Studie genannten Kosten nur, wenn von nun an alles richtig läuft.“

Der Präsident des ZVEI, Michael Ziesemer, nannte drei Herausforderungen, die Deutschland angesichts der Klimaschutzziele meistern müsse: „Es geht darum, Wertschöpfung am Standort Deutschland zu erhalten, Carbon Leakage zu vermeiden und gleichzeitig den Umbau der Energieversorgung inklusive Sektorenkopplung voranzutreiben.“ Das Verdienst der Studie sei, gezeigt zu haben, dass sich diese Ziele nicht ausschlössen. Eine „balancierte Politik“ könne dabei helfen, die aufgezeigten Risiken zu managen.

BDI-Vizepräsident Ulrich Grillo warnte davor, die Studie nur selektiv zu lesen. So sage die Studie zwar, das 80-Prozent-Ziel volkswirtschaftlich mit einer „Schwarzen Null“ zu erreichen. Hinter den Szenarien stünden aber detaillierte Annahmen, die man vollständig berücksichtigen müsse. Grillo forderte ein „Pflichtenheft“ auf Basis der Studie, das die nötigen Maßnahmen festschreibe. Er forderte passende Rahmenbedingungen von der Politik, damit die nötigen Investitionen in der Wirtschaft stattfinden könnten: „Alleine wird es der Markt nicht richten.“

Matthias Wissmann vom Verband der Automobilhersteller (VDA) schließlich ging auf den globalen Hintergrund ein, vor dem die Anstrengungen in Deutschland zu sehen seien. Er sagte: „Ich bin skeptisch, ob es bald international gleiche Bedingungen im Klimaschutz geben wird. Wir sind aber darauf angewiesen, dass der Regulierungsrahmen weltweit in einer Balance ist.“ Wissmann mahnte auch dazu, Klimaschutz nicht nur als „Verbotsstrategie“ zu sehen, Maßnahmen müssten vielmehr technologieoffen ausfallen: „Wenn Politik anfängt, über Technologien entscheiden zu wollen, geraten wir ins Elend.“

Reaktion der Politik

In einer weiteren Runde nahmen auch Vertreter der Politik Stellung. BMUB-Staatssekretär Jochen Flasbarth sprach der deutschen Industrie ein „Chapeau“ für die Studie aus. Dies dürfe aber nicht der Schlusspunkt sein. In seinen Augen muss der Weg Richtung 95-Prozent-Minderung gehen: „Wir müssen uns fragen, wie wir dort landen können und die Dinge gemeinsam entwickeln zwischen staatlichen Vorgaben und kreativem Unternehmertum.“ Laut Joachim Pfeiffer (CDU) führen nationale Klimaschutzziele gerade in den Bereichen „in die Irre“, die schon vom EU-Emissionshandel erfasst sind. Deutschlands wichtigsten Beitrag sieht er in der Entwicklung von Technologien, damit Klimaschutz „günstiger und vielleicht auch schneller geht“. Bernd Westphal (SPD) warb dafür, neben dem Klimaschutz auch auf Wachstum und damit Beschäftigung zu achten: „Wir müssen die Industriesubstanz erhalten, weil wir auch das Innovationspotenzial der Industrie nutzen wollen.“

Kurzvideo zur BDI-Studie

Video zur BDI-Studie „Klimpfade für Deutschland" © BDI

Was steht in der Studie des BDI „Klimapfade für Deutschland“?

Ziel der Studie ist es, volkswirtschaftlich kosteneffiziente Wege zur Erreichung der deutschen Emissionsminderungsziele von Treibhausgasen (THG), also die Absenkung von 80 bis 95 Prozent bis zum Jahr 2050 gegenüber 1990, aufzuzeigen. Betrachtet werden die 5 Sektoren Industrie, Verkehr, Haushalte und Gewerbe/Handel/Dienstleistung, Energie und Umwandlung sowie Land- und Abfallwirtschaft.

In 5 Szenarien werden möglichst kosteneffiziente Pfade modelliert und die Minderungsmaßnahmen nach volkswirtschaftlichen Vermeidungskosten analysiert. Der „Referenzpfad“ bewertet bestehende Anstrengungen, um die Lücke zwischen einer unter derzeitigen Rahmenbedingungen absehbaren Entwicklung und den Emissionsreduktionszielen von 80 oder 95 Prozent zu beziffern. Die Zielszenarien „Nationale Alleingänge“ und „Globaler Klimaschutz“ beschreiben technische Maßnahmen, jeweils differenziert nach „80-Prozent-Klimapfad“ und „95-Prozent-Klimapfad“. Die wesentlichen Erkenntnisse der Studie sind:

  • Im Referenzpfad werden rund 61 Prozent THG-Reduktion zwischen 1990 und 2050 erreicht.
  • 80 Prozent Minderung sind technisch möglich und in den betrachteten Szenarien volkswirtschaftlich verkraftbar.
  • 95 Prozent Minderung wären an der Grenze technischer Machbarkeit und gesellschaftlicher Akzeptanz (etwa weitestgehender Verzicht auf fossile Brennstoffe, Import erneuerbarer Kraftstoffe, Einsatz von CCS).
  • „Game Changer“ (wie Technologien für Wasserstoffwirtschaft und CCU) können die jeweils nötige THG-Minderung erleichtern.
  • Die kosteneffiziente Erreichung der Klimapfade würde Mehrinvestitionen von 1,5 bis 2,3 Billionen Euro bis 2050 gegenüber einem Szenario ohne verstärkten Klimaschutz erfordern.
  • Bei optimaler politischer Umsetzung wären die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen der betrachteten Klimapfade neutral – im 80-Prozent-Klimapfad sogar ohne globalen Konsens.
  • Der anstehende Transformationsprozess birgt hohe Herausforderungen. Die betrachteten Klimapfade unterstellen eine ideale Umsetzung unter anderem im Sinne sektorübergreifender Optimierung und „richtiger Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt“.
  • Voraussetzung zur Erreichung der deutschen Klimaziele ist eine weitsichtige Klima-, Industrie- und Gesellschaftspolitik.

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Dieser Artikel ist im chemie report 01+02/2018 erschienen.

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