Interview mit Siegfried Throm vom Verband der forschenden Pharma-Unternehmen

Den Pharmastandort Deutschland stärken

Die Pharmaindustrie investiert viel Geld in Deutschland: für die Erforschung neuer Wirkstoffe, die Weiterentwicklung bewährter Medikamente und für die Produktion. Das hat einen guten Grund: Denn hier gibt es exzellent ausgebildete Mitarbeiter und eine hervorragende wissenschaftliche Infrastruktur. Diese Stärken müssen weiter ausgebaut werden, sagt Dr Siegfried Throm, Geschäftsführer Forschung/Entwicklung/Innovation im Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa). Er sieht aber auch markante Schwächen, die den medizinischen Fortschritt hierzulande auszubremsen drohen.

Dr. Siegfried Throm vom vfa sagt:: Pharma-Innovationen haben es am Standort Deutschland vergleichsweise schwer: Es fehlt eine steuerliche Forschungsförderung, und im deutschen Gesundheitswesen werden die Kosten von Neuprodukten weithin stärker beachtet als ihr medizinischer Wert. - Foto: © Dirk Laessig
Dr. Siegfried Throm vom vfa sagt:: Pharma-Innovationen haben es am Standort Deutschland vergleichsweise schwer: Es fehlt eine steuerliche Forschungsförderung, und im deutschen Gesundheitswesen werden die Kosten von Neuprodukten weithin stärker beachtet als ihr medizinischer Wert. - Foto: © Dirk Laessig

VCI: Deutschland zählt zu den führenden Pharma-Standorten weltweit. Bei der Zahl klinischer Studien forschender Arzneimittelhersteller ist das Land beispielsweise die Nummer 2. Alles gut?

Klinische Studien zur Erprobung von Medikamenten sind in der Tat eine große Stärke des Standorts. Weltweite Nummer 2 nach den USA ist Deutschland auch bei gentechnischen Medikamenten, die im Land produziert werden – beispielsweise von Antikörper-Medikamenten gegen Krebs- oder Entzündungskrankheiten. Bald werden noch gentechnische Impfstoffe gegen Ebola, Dengue-Fieber und Hirnhautentzündung dazukommen.

Auch die industrielle Laborforschung hat wesentlich zum medizinischen Fortschritt weltweit beigetragen. Sie hat neue Mittel zur Vorbeugung von Schlaganfällen ebenso hervorgebracht wie Krebs-, Diabetes- und Schmerzmittel.

Zu all diesen Leistungen haben übrigens deutsche Standorte von Unternehmen mit deutschem wie auch mit ausländischem Hauptsitz beigetragen. Diese mussten sich allerdings gegen einigen Gegenwind behaupten; denn an einigen Stellen hat der hiesige Standort auch wesentliche Handicaps.

Mit welchen Defiziten hat die Branche denn in Deutschland zu kämpfen?

Das sind einige. So kennt Deutschland, anders als fast alle anderen Industrieländer, keine steuerliche Forschungsförderung. Unternehmen können Forschungsaktivitäten also nicht über den normalen Abzug als Betriebskosten hinaus steuermindernd geltend machen. Nachbarländer wie Österreich, die dieses Förderinstrument einsetzen, konnten deshalb viele Investitionen auf sich ziehen und ihre Forschungsquote am Bruttoinlandsprodukt deutlich steigern.

Start-Up-Unternehmen haben große Schwierigkeiten, Finanzmittel für die lange Zeit von der Idee bis zum ersten vermarktbaren Produkt zu akquirieren. Die Ursachen dafür liegen in der Steuergesetzgebung für Verlustvorträge wie auch in den Rahmenbedingungen für Venture Capital. In beiden Punkten hat der Gesetzgeber 2016 Änderungen vorgenommen, so dass wir mittelfristig mit Verbesserungen rechnen.

Das vielleicht größte Handicap ist aber, dass der Spitzenverband der Krankenkassen das Verfahren der Preisbildung bei neu eingeführten Medikamenten dominiert: Er wirkt maßgeblich an der Bewertung der neuen Arzneimittel mit und verhandelt anschließend auf dieser Grundlage mit den Firmen die Arzneimittelpreise. Das führt nicht immer zu fairen und innovationsfreundlichen Bewertungen. Vielfach sehen die Unternehmen ihr Produkt gewissermaßen unter Wert beurteilt. Unterm Strich hat dies dazu geführt, dass jedes fünfte der neuen Arzneimittel in Deutschland nicht mehr verfügbar ist. Darunter befinden sich auch solche, die nachweislich die Lebenszeit verlängern.

Ist das deutsche Gesundheitssystem also wenig innovationsfreundlich?

Bei einer ganzen Reihe chronischer Krankheiten – etwa Diabetes, Epilepsie und Multiple Sklerose – hat sich unser Gesundheitssystem wenig innovationsfreundlich gezeigt. Das Urteil „Zusatznutzen nicht nachgewiesen“ für die Mehrzahl der betroffenen Medikamente erfolgte aus rein formalen Gründen und nicht, weil sich diese Medikamente tatsächlich als nicht-überlegen erwiesen hätten.

Da das Nicht-Anerkennen eines Zusatznutzens den Preis des Medikaments quasi automatisch auf den des billigsten älteren Vergleichspräparats senkt, ist es für Unternehmen bitter, wenn der Zusatznutzen ihres Präparats nicht wahrgenommen wird.

Obendrein inzentivieren Krankenkassen mitunter Ärzte dafür, dass sie bestimmte neue Medikamente nur wenigen Patienten verschreiben. Auch das ist nicht innovationsfreundlich und widerspricht dem Grundgedanken, dass Ärzte das jeweils bestgeeignete Medikament für ihren Patienten identifizieren und dann auch einsetzen können.

Was immer wieder falsch verstanden wird: Arzneimittel mit nicht nachgewiesenem Zusatznutzen sind zumindest als gleich gut wie die bisherige Standardtherapie eingestuft. Sie sind für viele Patienten sogar die bessere Alternative, zum Beispiel wenn sie die bisher verfügbaren Medikamente nicht vertragen oder wegen anderer Erkrankungen nicht einnehmen dürfen.

Die Pharmabranche hat in Deutschland keinen leichten Stand. Es scheint, die Kosten ihrer Neuprodukte werden weithin stärker beachtet als ihr medizinischer Wert. Wie lässt sich das ändern?

Wir drängen insbesondere darauf, Arzneimittelkosten nicht isoliert zu sehen. Ausgaben für ein Medikament können an anderer Stelle Kosten einsparen helfen – wenn etwa die Behandlung ambulant statt stationär möglich ist, wenn weniger Pflege nötig ist oder wenn teure Spätkomplikationen oder vorzeitiger Renteneintritt vermieden werden. Zum individuellen Nutzen eines Medikaments für Patienten kommt oft noch ein gesellschaftlicher Nutzen – etwa wenn sich durch die Anwendung der Arbeitsausfall verringert oder sich – weil ein Teil der Bevölkerung geimpft ist – eine Infektionskrankheit gar nicht erst zur Epidemie entwickeln kann.

Wenn die sektorale und kurzfristige Betrachtungsweise für Arzneimittelkosten endlich überwunden würde, könnten die verschiedenen Akteure des Gesundheitswesens wesentlich konstruktiver darüber reden, was für eine bessere Patientenversorgung in Deutschland erreicht werden kann.

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