Interview mit Thomas Wessel, Vorsitzender des Fonds der Chemischen Industrie

Chemisch-pharmazeutische Industrie braucht exzellent ausgebildete Team-Player

Mehr Orientierung für die Generation Orientierungslos: Was müssen Bewerber für einen Job in der chemisch-pharmazeutischen Industrie mitbringen? Was sollte sich im deutschen Bildungssystem ändern, damit junge Menschen bestmöglich ausgebildet werden? Darüber sprachen wir mit Thomas Wessel, Vorsitzender des Fonds der Chemischen Industrie.

Thomas Wessel: „Wer in der Chemieindustrie arbeiten will, braucht neben der Fähigkeit zum Sprint auf der Kurzstrecke auch Ausdauer für längere Distanzen und Teamfähigkeit für einen erfolgreichen Staffellauf." - Foto: © VCI/Fuest
Thomas Wessel: „Wer in der Chemieindustrie arbeiten will, braucht neben der Fähigkeit zum Sprint auf der Kurzstrecke auch Ausdauer für längere Distanzen und Teamfähigkeit für einen erfolgreichen Staffellauf." - Foto: © VCI/Fuest

VCI: Eine Jugendstudie des Sinus-Instituts zeigt: In der „Generation What?“, also der 18- bis 34-jährigen steht nicht die Selbstverwirklichung im Job im Vordergrund, sondern der Verdienst. Welche Auswirkungen hat das auf das Recruiting in der chemischen Industrie?

Unsere Unternehmen zahlen bekanntlich gute Gehälter und gutes Entgelt. Daher können wir uns beim Recruiting auf solche Bewerber konzentrieren, die am Besten zu uns passen. Von Mitarbeitern, die gutes Geld verdienen und anspruchsvolle Jobs mit interessanten Perspektiven in unserer Branche vorfinden, erwarten wir natürlich Einsatz und Leistung. Damit hat die „Generation What“, so wie ich es einschätze, auch kein Problem. Die Erwartungen beider Seiten passen also sehr gut zusammen. Gleichzeitig stellen wir fest, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für diese Bewerber immer wichtiger wird.

Welchen konkreten Rat geben Sie jungen Menschen?

Thomas Wessel - Foto:
Thomas Wessel - Foto: © VCI/Fuest
Wer in der Chemieindustrie arbeiten will, braucht neben der Fähigkeit zum Sprint auf der Kurzstrecke auch Ausdauer für längere Distanzen und Teamfähigkeit für einen erfolgreichen Staffellauf. Sehr gute Fachkenntnisse werden vorausgesetzt. Aber Fachwissen allein reicht nicht aus. Damit die Persönlichkeitsmischung stimmt, brauchen unsere Mitarbeiter auch „Soft Skills“ in der richtigen Dosierung. Von daher mein Rat an junge Menschen: Engagieren Sie sich in einem Verein, übernehmen Sie in Ihrer Freizeit ein Ehrenamt, organisieren Sie in einer Gruppe Gleichgesinnter gemeinschaftliche Aktivitäten oder kümmern Sie sich in der Politik vor Ort um das Gemeinwohl. Junge Menschen werden rasch erleben und erfahren, was sie alles außerhalb der mehr oder weniger konventionellen Studier- und Ausbildungsschienen lernen können und wie nützlich und wertvoll für die Entwicklung ihrer Persönlichkeit diese erweiterten Lernkurven sind.

Die chemische Industrie sieht großen Handlungsbedarf in den MINT-Fächern. Was sollte also Schule machen?

In den MINT-Fächern, also in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, müssen wir an unseren Schulen deutlich mehr Anstrengungen unternehmen, damit unsere Schülerinnen und Schüler hier besser werden. Auf den Punkt gebracht: mehr MINT-Unterricht von der Grundschule bis zum Abitur. Spannender und lebendiger Unterricht in den Fächern Biologie, Chemie und Physik sind ein wichtiger Mosaikstein, um bei Schülern und Schülerinnen Interesse und Spaß für die Naturwissenschaften zu wecken. Wer sich für ein Fach begeistert, der lässt sich auch leichter motivieren, überdurchschnittliche Leistungen zu bringen und bei der Stange zu bleiben.

Sorgen bereitet uns aber nicht nur die MINT-Bildung. Noch immer verlassen viel zu viele Schüler die Schule ohne Abschluss. In Zeiten des demografischen Wandels können wir uns einen solchen Missstand nicht leisten. Die Sicherstellung der Ausbildungs- und Studierfähigkeit ist ein zentraler Auftrag der allgemeinbildenden Schulen. Für sinnvoll halten wir daher bundesweite Qualitätsstandards für alle Schulabschlüsse.

Sind die Schüler mit diesem Wissen dann fit für die Wirtschaft?

Neben Fitness in den MINT-Fächern brauchen die Schüler auch eine gute ökonomische Grundbildung. Wohlstand, Wachstum und Arbeitsplätze fallen nicht vom Himmel. Meinem Verständnis nach gehört zum Bildungsportfolio junger Menschen heute ein Grundverständnis über Funktionsweise und Zusammenhänge der Sozialen Marktwirtschaft. Darum setzen wir uns schon seit vielen Jahren dafür ein, dass es an den Schulen ein Fach „Wirtschaft“ geben sollte.

Politische Forderungen aufzustellen ist das eine, was macht eigentlich die chemische Industrie für eine bessere MINT-Bildung?

Wir sind meines Wissens nach die einzige Branche in Deutschland, die sich seit Jahrzehnten systematisch und mit hohem finanziellem Aufwand für die Stärkung der MINT-Bildung einsetzt. Mit dem Fonds der Chemischen Industrie, dem Förderwerk im VCI, konzentrieren wir uns dabei auf die Schwerpunkte Chemieunterricht an den Schulen und Chemiestudium an den Hochschulen.

Was wollen Sie mit dem Geld an den Schulen verändern?

Mit der „Schulpartnerschaft Chemie“ des Fonds wollen wir erreichen, dass engagierte Chemielehrer ihren Unterricht noch lebendiger, anschaulicher und spannender machen können. Das Experiment ist Dreh- und Angelpunkt für in diesem Sinne gelingenden Chemieunterricht. Mit finanziellen Unterrichtsbeihilfen von im Einzelfall sogar bis zu 5.000 Euro für die Schulen können die Chemielehrer Experimente durch Anschaffung von Chemikalien und kleineren Laborgeräten verbessern. Zudem gibt der Fonds eine ganze Reihe von Unterrichtsmaterialien mit aktuellen Themen heraus, die in den Schulbüchern noch nicht zu finden sind.

Und welche Ziele verfolgen Sie mit den Mitteln des Fonds für Hochschulen und Universitäten?

Thomas Wessel - Foto:
Thomas Wessel - Foto: © VCI/Fuest
Wir wollen, dass die besten Nachwuchswissenschaftler, die eine Karriere in der Industrie oder in der Wissenschaft anstreben, entsprechende finanzielle Rückendeckung haben. Dafür steht das Stipendienprogramm des Fonds. Darauf entfallen über zwei Drittel der insgesamt pro Jahr bereitgestellten Fördergelder. Hier ist leistungsbezogene Spitzenförderung ohne Kompromisse das erklärte Ziel. Die Fonds-Stipendien sollen auch dazu beitragen, dass sich die Talente rasch freischwimmen können, wenn sie eine Hochschullehrerlaufbahn anstreben. Wir sind davon überzeugt, dass hochmotivierte und leistungsbereite Hochschullehrer ihre Begeisterung für die Chemie an die Studierenden weitergeben und dafür sorgen, dass dieses Fach an den Hochschulen volle Strahlkraft entwickelt und die besten Köpfe anzieht.

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