Interview mit Hans-Jürgen Mittelstaedt, Geschäftsführer VCI-Landesverband NRW

Besonderheiten und Hürden mittelständischer Unternehmen in Forschung und Entwicklung

Wer an die chemische Industrie in Deutschland denkt, hat oft nur die großen Konzerne im Kopf. Dabei sind die rund 2.000 Betriebe der Branche vor allem mittelständisch geprägt. Viele von ihnen sind „hidden champions“. Der Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit des Mittelstandes ist jedoch kein Selbstläufer. Hans-Jürgen Mittelstaedt, Geschäftsführer des VCI-Landesverbandes Nordrhein-Westfalen, berichtet über Besonderheiten und Hürden mittelständischer Unternehmen in der Forschung, die es zu berücksichtigen und zu überwinden gilt.

Hans-Jürgen Mittelstaedt meint: Damit Innovationen im Mittelstand keinen „K(r)ampf zwischen Tagesgeschäft und Zukunftsausrichtung" bedeuten, muss die staatliche Projektförderung unbürokratischer werden und den Begriff des Mittelstandes breiter fassen. Notwendig wäre auch die Einführung einer steuerlichen Forschungsförderung. - Foto: © VCI NRW / Frank Wiedemeier
Hans-Jürgen Mittelstaedt meint: Damit Innovationen im Mittelstand keinen „K(r)ampf zwischen Tagesgeschäft und Zukunftsausrichtung" bedeuten, muss die staatliche Projektförderung unbürokratischer werden und den Begriff des Mittelstandes breiter fassen. Notwendig wäre auch die Einführung einer steuerlichen Forschungsförderung. - Foto: © VCI NRW / Frank Wiedemeier

VCI: Warum ist der Mittelstand in der Chemie so wichtig?

Mittelständische Unternehmen sind das Rückgrat der deutschen Chemie. Unsere Branche besteht traditionell aus einem Mix aus internationalen Globalunternehmen und einem breiten Mittelstand. 91 Prozent der Chemieunternehmen in Nordrhein-Westfalen haben weniger als 500, 81 Prozent sogar weniger als 250 Beschäftigte. Diese mittelständischen Unternehmen besetzen häufig Nischenmärkte und kleinere Marktsegmente, die für Großunternehmen zu klein sind, die aber im Rahmen der jeweiligen Wertschöpfungsketten eine hohe Bedeutung haben. Zudem sind sie oftmals wichtige Akteure im Umfeld ihrer Standorte. Sie engagieren sich in den jeweiligen Kommunen und haben eine hohe Bedeutung für Ausbildung und Beschäftigung.

Kleine und mittlere Chemieunternehmen zählen nicht selten zu den globalen Marktführern auf ihrem Arbeitsgebiet. Das haben sie auch dem Forschungsdrang ihrer Denker und Tüftler zu verdanken. Ist die Forschungsförderung für den Mittelstand in Deutschland gut aufgestellt?

Die derzeitige Forschungsförderung hält für den Mittelstand viele Herausforderungen bereit. Förderprogramme des Bundes sind für Mittelständler oftmals schwierig, da sie hauptsächlich auf Grundlagenforschung und radikale Innovationen abzielen, während der Mittelstand ganz überwiegend inkrementelle Produkt- und Prozessverbesserungen sucht.

Aber auch bei der speziell auf mittelständische Unternehmen ausgerichteten Projektförderung gibt es durch die enge Definition von Mittelstand ein grundlegendes Problem. Sie beschränkt die Förderung auf Unternehmen mit weniger als 250 Beschäftigten und höchstens 50 Millionen Euro Jahresumsatz; beim ZIM-Programm der Bundesregierung ist eine Förderung für Unternehmen bis 500 Mitarbeiter möglich Damit werden viele Chemieunternehmen ausgeschlossen, die wir in Deutschland als mittelständisch charakterisieren.

Welches sind aus Ihrer Sicht die größten Hürden des Mittelstandes bei der Nutzung staatlicher Forschungsförderung?

Eine Spitzenposition nimmt dabei sicherlich der bürokratische Aufwand ein, der mit Projektförderungen verbunden ist. Er ist für mittelständische Unternehmen oftmals nicht zu tragen. Anders als bei großen Unternehmen haben sie keine eigenen Förderspezialisten, sodass der bürokratische Aufwand häufig den Nutzen der damit verbundenen Förderung überwiegt. Eine Vereinfachung der Projektabwicklung wäre im Sinne des Mittelstandes wünschenswert, ebenso auch wie einheitliche Prozesse für die verschiedenen Förderprogramme.

Ein weiteres Kernproblem sind daneben die knappen personellen und finanziellen Ressourcen mittelständischer Unternehmen. Das zeigt sich sowohl bei der Nutzung der staatlichen Projektförderung, als auch bei der Entwicklung einer Forschungs- und Entwicklungsstrategie für das eigene Unternehmen. In einem Innovationszirkel unseres Landesverbandes hat ein Betroffener einmal die Innovationssituation in KMU als „K(r)ampf zwischen Tagesgeschäft und Zukunftsausrichtung“ bezeichnet. Das ist zwar zugespitzt formuliert, trifft aber meiner Ansicht nach durchaus den Kern. Da Innovationen der Schlüssel für die Zukunftssicherung des Mittelstandes sind, müssen wir in Deutschland Wege finden, wie wir den Unternehmen dabei helfen können, diesen Spagat zu bewältigen.

Gibt es daneben noch weitere Besonderheiten des Mittelstandes, die zu berücksichtigen sind?

Eine wesentliche Stärke mittelständischer Unternehmen liegt in ihren schnellen Entscheidungswegen. Bei der Nutzung staatlicher Projektförderung wirkt sich dieser Vorteil aber oft als Nachteil aus. Denn auch bei einer möglichen Förderung will ein Mittelständler seine einmal getroffene Entscheidung für ein Forschungsprojekt schnell umsetzen. Die passende Ausschreibung ist jedoch in den seltensten Fällen zeitnah gegeben. Auch der Antrags- und Begutachtungsprozess passt häufig nicht zur Entscheidungsdynamik der KMU. Ein grundsätzlicher Schritt in die richtige Richtung wäre hier, neben einer Anhebung der Schwellenwerte für den Mittelstand, die Einführung einer steuerlichen Forschungsförderung. Diese gibt es in fast allen anderen OECD-Staaten bereits seit langem, da hierüber schnell und flexibel gehandelt werden kann.

Viele Unternehmen der Branche haben sich zu industriellen Innovations-Clustern zusammengeschlossen. Was zeichnet diese Chemie-Cluster aus?

In Nordrhein-Westfalen haben sich in den letzten Jahren einige erfolgreiche Cluster gebildet. Beispiele sind das Cluster Industrielle Biotechnologie 2021 (CLIB2021), Kunststoffland NRW, das Netzwerk Oberfläche und jüngst das Kompetenzzentrum Oberfläche an der Hochschule Niederrhein. Für mittelständische Unternehmen bieten diese Netzwerke einige wichtige Vorteile: Sie schaffen Zugang zu Hochschulen und vermitteln Kontakte, die zu bilateralen Kooperationen führen können. Netzwerke können zudem bessere Einblicke in Entwicklungen ermöglichen, sodass Technologiesprünge und auch disruptive Innovationen – also Innovationen, welche etablierte Märkte grundlegend verändern – frühzeitig erkannt werden. Auch könnten sie Mittelständler dabei helfen, den Spagat zwischen Tagesgeschäft und Zukunftsausrichtung besser in den Griff zu bekommen.

Was macht ein Cluster aus Ihrer Sicht erfolgreich?

Erfolgreiche Cluster zeichnen sich durch ein gemeinsames Interesse und einen regionalen Nukleus – einer Ballung von Expertisen aus unterschiedlichsten Kompetenzen in einem regionalen Raum –aus. Als zweiten Erfolgsfaktor bedarf es einer professionellen Organisation, die es schafft, die richtigen Themen zu identifizieren und innerhalb dieser Themen die richtigen Partner zusammenzubringen. Als Beispiel möchte ich das Cluster CLIB2021 herausgreifen, welches weltweit Mitglieder hat, dessen regionaler Kern jedoch in Nordrhein-Westfalen liegt. Durch eine professionelle Organisation hat es das Cluster in den letzten zehn Jahren geschafft, ein international anerkanntes Kompetenzzentrum im Bereich der industriellen Biotechnologie, einem für die chemische Industrie sehr bedeutenden Bereich, zu werden.

Welche Rolle spielt Forschungsförderung in industriellen Innovations-Clustern, zum Beispiel bei CLIB2021?

Das Cluster CLIB2021 haben wir als VCI-Landesverband vor vielen Jahren als Verein mit Mitgliedsbeiträgen konzipiert und auch mit gegründet. Wir wollten einen stetig wachsenden Teil des erforderlichen Budgets im Cluster aus Eigenmitteln generieren, was wir auch geschafft haben. Ziel war es, langfristig eine Struktur zu erhalten, die sich selbst trägt. Die rasante Entwicklung des Clusters, seiner Themen und Projekte sind jedoch nur durch die ebenso dynamische Akquise staatlicher Projektmittel möglich gewesen. Allerdings zeigt sich auch an der sehr erfolgreichen Entwicklung von CLIB2021, dass sich Cluster, wenn überhaupt, nur über eine sehr lange Sicht vollständig selbst tragen können, bis dahin aber auf staatliche Unterstützung angewiesen sind. Wegen ihrer Bedeutung für den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit unserer industriellen Basis wäre dies jedoch eine für unsere Gesellschaft lohnende Investition.

Passt die aktuelle Förderpolitik mit Blick auf die Entwicklung von Innovations-Clustern?

Grundsätzlich schon. Öffentliche Förderung bezieht sich aber häufig auf aktuelle Trend- und Zukunftsthemen, wobei nach wenigen Jahren der Themen- und Förderfokus verändert wird. Man möchte auf Seiten der Fördermittelgeber immer neue Themen aufgreifen. Aus dem Blickwinkel nachhaltiger Unterstützung wäre es jedoch wünschenswert, wenn Fördermittel für Zukunftsthemen künftig mindestens solange fließen, bis sie zu Gegenwartsthemen geworden sind.

Was sind die aktuellen Herausforderungen, vor denen Cluster aus Ihrer Sicht heute stehen?

Vieles was Cluster heute ausmacht, basiert auf Wissen, Wissenstransfer, Kommunikation und am Ende auf Vertrauen. Wir befinden uns aktuell in einer Zeit, die sich immer mehr von persönlicher Kommunikation auf andere Formen hin verändert. Gerade im aktuellen Trendthema Digitalisierung stecken viele Entwicklungen, die auch die Ausgestaltung und Entwicklung von Clustern maßgeblich beeinflussen werden. Hier werden Cluster, die in Zukunft erfolgreich sein wollen, auch neue Wege gehen müssen, die über die reine Vernetzung von thematischen Netzwerken mit einem belastbaren regionalen Clusterkern deutlich hinausgehen. Erfolgreich wird am Ende derjenige sein, der einen guten Mix aus persönlichen und digitalen Formaten findet. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor für ein Cluster wird auch in Zukunft sein, in wieweit sich die Akteure gegenseitig vertrauen und sich in einzelnen Themen und Projekten offen untereinander austauschen.


Die Chemie- und Pharma-Branche ist überzeugt: Gute und nachhaltige Industriepolitik ist nicht nur für die betroffenen Unternehmen relevant – sondern für die Gesellschaft als Ganzes. Deshalb regen wir einen Diskurs über die industriepolitischen Aspekte der Bundestagswahl am 24. September 2017 an: Mehr auf unserer Seite www.vci.de/btw17