VCI-Präsident im Interview

„Politik ist etwas, das uns alle betrifft“

Kurt Bock ist Präsident des VCI und vertritt die Chemieindustrie in einer Zeit des Umbruchs: Globalisierung, Digitalisierung und die sich schnell verändernde politische Lage in der Welt beschäftigen auch viele Mitarbeiter in der chemischen Industrie. Unter anderem mit Blick auf die Bundestagswahl im September schildert er seine Sicht in einem Interview.

VCI-Präsident Kurt Bock: „Politische Entscheidungen haben Auswirkungen auf jeden Einzelnen. Das versuchen wir als VCI, den Mitarbeitern der Branche aufzuzeigen.“ - Foto: © BASF-SE / Hans-Juergen Doelger
VCI-Präsident Kurt Bock: „Politische Entscheidungen haben Auswirkungen auf jeden Einzelnen. Das versuchen wir als VCI, den Mitarbeitern der Branche aufzuzeigen.“ - Foto: © BASF-SE / Hans-Juergen Doelger

chemie report: Die politische Lage in Europa und der Welt ändert sich, sie ist unberechenbarer geworden. Bereitet Ihnen das Sorgen?

Kurt Bock: Ich denke, die Rahmenbedingungen für die Chemie in Europa und in Deutschland waren nie wirklich einfach. Wir haben hier die höchsten Umweltstandards in der Welt, wir haben mit die höchsten Energiekosten. Wir haben eine sehr kritische Öffentlichkeit und Politik. Unter diesen wirklich nicht einfachen Bedingungen haben wir uns in den vergangenen Jahren als Industrie ganz wacker geschlagen.

Trotzdem haben wir viele Herausforderungen.

Stimmt. Der Brexit zum Beispiel ist sicherlich ein Riesenthema. Es gibt heute Freihandel zwischen Großbritannien und der Europäischen Union. Je nachdem, welche Regeln nach dem Brexit eingeführt werden, kann das die Lieferkette und den Warenverkehr erheblich beeinflussen. Und wenn es Spitz auf Knopf kommt, wird das Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum haben.

Unsicherheit schaffen auch die Abschottungstendenzen der USA. Das Freihandelsabkommen TTIP ist gescheitert. Was bedeutet das für die Chemieindustrie?

Aktuell haben wir Regelungen, mit denen wir grundsätzlich leben können, aber wir hätten uns eben deutlich bessere vorgestellt. Wir sind als Chemie exportorientiert und sind auf gute Rahmenbedingungen angewiesen. Die gesamte Wirtschaft profitiert vom Freihandel. Das betonen wir auch immer wieder über den Verband und erklären die enorme Bedeutung von Freihandel für Deutschland. Ironischerweise hat erst Donald Trump vielen den Wert von Freihandelsabkommen vor Augen geführt.

Besteht also noch Hoffnung für TTIP?

Wenn die USA sich gesprächsbereit zeigen, wird das sicherlich in Europa aufgegriffen. Derzeit ist das aber nicht absehbar. Stattdessen präsentiert sich neuerdings China als Vertreter des freien Welthandels. Und China will mehr im Ausland investieren. Auch das ist etwas, was uns in der Chemie interessieren muss.

Druck aus China gibt es auch beim Thema Innovation. Schwellenländer wie China investieren immer mehr in Forschung. Wie reagiert die Chemiebranche in Deutschland darauf?

Die chemische Industrie ist schon immer eine innovationsgetriebene Branche gewesen. Innovationen sind die Voraussetzung für unsere Wettbewerbsfähigkeit. Dabei sind wir aber auf vernünftige Rahmenbedingungen angewiesen. Das Interessante ist: Beim Begriff „Innovation“ sind alle prinzipiell erstmal dafür. Schwierig wird es dann, wenn es konkret wird. Bei der Zulassung eines neuen Pflanzenschutzmittels etwa, die uns in Europa verwehrt wird, aber im Rest der Welt nach sehr strenger Prüfung erlaubt wird. Das sind ungleiche Voraussetzungen.

Was fordern Sie denn?

Was wir wirklich brauchen, ist mehr Offenheit gegenüber Reformen. In den vergangenen Jahren wurden Rahmenbedingungen nicht verbessert. Insofern setzen wir uns für ein Innovationsprinzip ein, damit Regeln daraufhin überprüft werden, ob sie Innovation befördern. Und Deutschland muss endlich eine steuerliche Forschungsförderung einführen. Es gibt viele Studien, die nachweisen, dass das keine überflüssige Subvention ist, sondern dazu führt, dass die Unternehmen mehr forschen und dadurch mehr Wachstum und auch mehr Steuereinnahmen generieren.

Daran erkennt man, wie wichtig es ist, der Politik aufzuzeigen, welche Bedeutung die Industrie hat und wie wichtig unsere Arbeitsplätze sind.

Sie sprechen jetzt von Lobbying. Ein Thema, das der Industrie oft zum Vorwurf gemacht wird. Haben die Lobbyisten die Politik im Griff?

Ich kann an Lobbying nichts Ehrenrühriges sehen, ganz im Gegenteil. Uns geht es erst mal darum, Unternehmen zu stärken, nachhaltiges Wachstum zu generieren und damit auch Jobs, Steuern und Infrastruktur zur Verfügung zu stellen. Unsere Aufgabe ist es, aufzuzeigen: Was sind die Optionen, und was sind die Konsequenzen, wenn die Politik bestimmte Entscheidungen trifft. Das tun wir übrigens faktenbasiert und sachlich, was nicht jeder von sich behaupten kann. Die Politik hat dann die Aufgabe, sich ein Urteil zu bilden. Und das tut sie auch. Natürlich bringen wir auch unsere Wünsche vor. Das darf jeder machen. Und das tun übrigens auch NGOs.

Aber denen geht es nicht um wirtschaftliche Interessen.

Ich kann nicht erkennen, dass das Lobbying anderer Gruppen legitimer wäre als das, was wir machen. Die Industrie repräsentiert Millionen Arbeitsplätze in Deutschland. Dass wir unsere Interessen vertreten, finde ich richtig, wenn Sie mal überlegen, wo der Wohlstand letztlich herkommt.

Welche Entwicklungen beschäftigen die Chemieindustrie noch?

Eines der großen Themen ist Nachhaltigkeit. Hier versuchen wir darzulegen, dass die Chemie nachhaltige Lösungen wesentlich mit vorantreibt. Beispielhaft dafür ist die Nachhaltigkeitsinitiative „Chemie3“ von VCI, IG BCE und BAVC. Da arbeiten wir zusammen an der Balance von wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Belangen. Das gibt es in keiner anderen Branche und nirgendwo weltweit, dass sich Industrie, Gewerkschaft und Arbeitgeberverband zusammentun und sagen: Wir setzen uns Ziele für Nachhaltigkeit, entwickeln Indikatoren und helfen auch kleinen und mittleren Unternehmen zu messen, wie gut sie sind und wie sie besser werden können. Ich finde, das ist ein schönes Beispiel, wie Chemie ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht wird und eine Vorreiterrolle einnimmt.

Veränderungen bringt auch die Digitalisierung. Unter den Mitarbeitern löst das Thema aber nicht nur Begeisterung aus. Was bedeutet Digitalisierung für die Arbeitsplätze?

Wir produzieren echte Produkte. Das ist ein Riesenunterschied im Vergleich zu einer Versicherung oder einem Reisebüro. In der Chemie muss am Ende des Tages ein Produkt beim Kunden sein. Das wird sich nicht ändern. Ich kann verstehen, dass die Mitarbeiter sich fragen: Was heißt das für meinen Arbeitsplatz? Die Produktion wird sich sicherlich verändern, Jobprofile werden sich verändern: Es kommt mehr Sensorik in die Anlagen, es kommt mehr Automatisierung. Das ist auch hilfreich und sinnvoll im Sinne von Sicherheit. Aber es werden weiterhin Menschen gebraucht, die mit Erfahrung und Intuition Entscheidungen treffen. Digitalisierung ist definitiv eine Herausforderung, aber sie ist vor allem eine Riesenchance für die Chemie.

Wo genau liegen denn die Chancen?

In der Forschung beispielsweise haben wir völlig neue Analyse-, Modellierungs- und Simulationsmöglichkeiten. Dabei kommen auch neue Produkte und neue Prozesse heraus. Dann gibt es Auswirkungen in der Logistik und in der Lieferkette, in der Zusammenarbeit mit den Kunden, in der Prozesssteuerung. Daten werden zu Rohstoffen, die wir mit unserem Know-how verknüpfen und so neue Lösungen entwickeln. Dazu gehört übrigens auch die Frage, wem die Daten eigentlich gehören – eine Frage, auf die unsere Mitgliedsunternehmen Antworten finden müssen. Das sind alles Dinge, die unmittelbar auf die Wettbewerbsfähigkeit und Kundenzufriedenheit einzahlen.

Und auch beim Thema Ressourcenschonung kann die Digitalisierung helfen.

Wie meinen Sie das?

Die Erde hat nicht unendliche Ressourcen, und wir müssen mit den Rohstoffen, die wir haben, besser umgehen. Da kann die Chemie einen großen Beitrag leisten, auch im Sinne von Nachhaltigkeit. Und die Digitalisierung kann dabei unterstützen. Unter dem Begriff Chemie 4.0 untersucht der VCI gerade die Potenziale für die Branche und wie Digitalisierung uns helfen kann, effizienter im Kreislauf zu wirtschaften.

Am 24. September 2017 wählen wir einen neuen Bundestag. Was wünschen Sie sich als amtierender VCI-Präsident von der Politik?

Wir hoffen sehr, dass nach der Bundestagswahl die Einstellung „die Wirtschaft läuft ja eh“ nicht zu einer gewissen Lethargie und Reformmüdigkeit führt. Denn eigentlich bewegen wir uns auf relativ dünnem Eis: Die Amerikaner dürfen keinen Unsinn beim Freihandel machen, der Brexit darf nicht schiefgehen, die Entwicklung von Zinsen und Euro bleibt spannend und die Chinesen setzen verstärkt auf Technologie. Da gibt es also viele Herausforderungen. Genauso wichtig ist das Thema Bildung. Das ist wirklich entscheidend, um gesellschaftlich voranzukommen, insbesondere wenn es um Themen wie Migration, Digitalisierung oder den demografischen Wandel geht. Außerdem brauchen wir eine wirksame Kostenbremse für die Förderung erneuerbarer Energien. Strom muss bezahlbar bleiben. All das sind Themen, die nach der Bundestagswahl unbedingt angepackt werden müssen.

Und was wünschen Sie sich von den Wählern?

Politik ist etwas, das uns alle betrifft. Politische Entscheidungen haben Auswirkungen auf jeden Einzelnen. Das versuchen wir als VCI den Mitarbeitern mit dem Chemie-Navigator aufzuzeigen. Mithilfe des Navigators können die Mitarbeiter sich über die Positionen der einzelnen Parteien informieren und herausfinden: Will diese Partei eigentlich etwas für mich und meinen Arbeitsplatz, mein Unternehmen und meine Branche tun? Das finde ich eine ganz berechtigte Frage. Wenn man darauf eine Antwort bekommen kann, finde ich das sympathisch.

Das Gespräch führten Katharina Wiest und Johanna Maier.

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Die Chemie- und Pharma-Branche ist überzeugt: Gute und nachhaltige Industriepolitik ist nicht nur für die betroffenen Unternehmen relevant – sondern für die Gesellschaft als Ganzes. Deshalb regen wir einen Diskurs über die industriepolitischen Aspekte der Bundestagswahl am 24. September 2017 an: Mehr auf unserer Seite www.vci.de/btw17