Interview mit Dietrich Pradt vom Industrieverband Agrar

Moderner Pflanzenschutz braucht ein funktionierendes Zulassungsverfahren

Eine moderne, produktive Landwirtschaft kommt nicht ohne Mineraldünger und Pflanzenschutzmittel aus, betont Dietrich Pradt, Hauptgeschäftsführer des Industrieverbands Agrar (IVA). Doch gerade bei modernen Pflanzenschutzmitteln drohen Engpässe. Bei den Behörden stapeln sich viele Zulassungsanträge wegen ihrer schleppenden Bearbeitung. Ohne behördliche Zulassung dürfen die Mittel nicht vertrieben oder angewendet werden.

IVA-Hauptgeschäftsführer Dietrich Pradt nennt als wichtigste Erwartung an das künftige Agrarressort in der künftigen Bundesregierung ein funktionierendes Zulassungsverfahren für Pflanzenschutzmittel und ihre Wirkstoffe:.„Der Schlüssel dazu ist, nur noch eine Zulassungsbehörde zu haben und sie im Zuständigkeitsbereich des Agrarressorts anzusiedeln." - Foto: © IVA / Uwe Nölke
IVA-Hauptgeschäftsführer Dietrich Pradt nennt als wichtigste Erwartung an das künftige Agrarressort in der künftigen Bundesregierung ein funktionierendes Zulassungsverfahren für Pflanzenschutzmittel und ihre Wirkstoffe:.„Der Schlüssel dazu ist, nur noch eine Zulassungsbehörde zu haben und sie im Zuständigkeitsbereich des Agrarressorts anzusiedeln." - Foto: © IVA / Uwe Nölke

VCI: Die Pflanzenschutz-Industrie klagt seit geraumer Zeit darüber, dass die behördlichen Zulassungsverfahren zu lange dauern. Haben nicht alle etwas davon, wenn die Behörden Pflanzenschutzmittel sorgfältig prüfen und sich die dafür erforderliche Zeit nehmen?

Dass Pflanzenschutzmittel und ihre Wirkstoffe von staatlichen Behörden eingehend überprüft werden müssen, stellt niemand in Frage. Chemischer Pflanzenschutz ist in Europa streng reguliert: Die Hersteller und auch die Anwender in der Landwirtschaft müssen eine Vielzahl an Regeln genau befolgen, sonst drohen empfindliche Strafen. Da sollte man erwarten dürfen, dass sich auch die staatlichen Stellen an die gesetzlichen Vorgaben halten.

Warum meinen Sie, dass die Behörden das nicht tun?

Seit Ende 2009 regelt eine EU-Verordnung, wie viel Zeit zwischen Antrag und Bescheid in einem Zulassungsverfahren für Pflanzenschutzmittel vergehen darf. Im Regelverfahren sind das 18 Monate, nach einem Audit-Bericht der Europäischen Kommission dauert es im Durchschnitt aber 732 Tage, bis entschieden wird, in Einzelfällen sogar noch länger. Während die Anträge im Zulassungsstau festhängen, fehlen den Landwirten auf dem Acker wirksame Pflanzenschutzmittel.

Woran liegt das?

Eine Erklärung ist, dass die Zulassungsbehörden personell unzureichend ausgestattet sind. Aber das erklärt nicht alles. Am deutschen Zulassungsverfahren sind zu viele Akteure beteiligt, mit unscharf abgegrenzten Kompetenzen und Zuständigkeiten. Vier Bundesbehörden aus dem Zuständigkeitsbereich von zwei Ministerien wirken daran mit – das schafft Reibungsverluste. Und manchmal fehlt es auch an Vertrauen in die Arbeit anderer europäischer Behörden, etwa wenn es darum geht, deren Ergebnisse zu übernehmen. Da wird dann doppelt und dreifach überprüft, wo Bürokratie durch europäische Zusammenarbeit eigentlich abgebaut werden sollte. Auch das wurde im Audit-Bericht der Kommission vermerkt.

Kritiker würden Ihnen entgegnen, dass es doch schon genug Pflanzenschutzmittel gibt und Landwirte nicht gerade sparsam damit umgehen.

Und in beiden Fällen muss ich energisch widersprechen. Landwirte brauchen vielfältige Lösungen im Pflanzenschutz, um zu verhindern, dass Unkräuter und Schädlinge Resistenzen ausbilden. Dass Landwirte zu viel Pflanzenschutzmittel einsetzen, wird gern behauptet. Das Gegenteil ist aber der Fall: Die behördlichen Überwachungsprogramme zeigen, dass sich die überwiegende Mehrheit der Landwirte an das notwendige Maß hält oder es unterschreitet. Das ist auch nicht verwunderlich, denn Landwirte sind Unternehmer. Das heißt, sie setzen teure Betriebsmittel wie Pflanzenschutzmittel nicht wahllos ein.

Schauen wir nach vorne. Was sind Ihre Erwartungen an das Agrarressort in der künftigen Bundesregierung?

Wer auch immer Bundeslandwirtschaftsminister oder -ministerin wird: Wichtigste Erwartung der Industrie ist, dass wir ein funktionierendes Zulassungsverfahren bekommen. Im Einzelnen muss dazu der Zulassungsstau abgebaut und die Behördenstruktur gestrafft werden. Der Schlüssel dazu ist, nur noch eine Zulassungsbehörde zu haben und sie im Zuständigkeitsbereich des Agrarressorts anzusiedeln.

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