Standpunkt

Wir brauchen ein Innovationsprinzip in Europa

Zunehmend werden innovative Ideen zwar in Europa erdacht, aber anderswo zu marktfähigen Produkten entwickelt. Nach Ansicht von VCI-Präsident Dekkers sollte sich Brüssel daher besonders der Aufgabe widmen, die Innovationskraft der Wirtschaft zu stärken. Dazu sei es notwendig, bei neuen Gesetzen nicht nur mögliche Folgen für Gesundheit und Umwelt zu prüfen, sondern auch solche für das Innovationsklima. Ein "Innovations-TÜV" müsse hier ebenso fester Bestandteil sein wie ein Wettbewerbsfähigkeits-Check.

VCI-Präsident Dr. Marijn E. Dekkers - Foto: © Bayer AG
VCI-Präsident Dr. Marijn E. Dekkers - Foto: © Bayer AG

Krisen und ihre Bewältigung gehören heute zum wirtschaftlichen und politischen Alltag. Dass Europa aber permanent im Krisen-Modus verharrt, ist keine ermutigende Perspektive. Brüssel gerät darüber in Gefahr, die richtigen Weichenstellungen für die Zukunft zu verpassen. Schließlich dreht sich die Welt um uns herum schneller denn je. Achtzig Prozent der globalen Wertschöpfung findet heute bereits außerhalb Europas statt.

Europa muss deshalb wieder wettbewerbsfähiger werden. Der niedrige Ölpreis und die Euro-Abwertung verdecken derzeit die Schwächen der europäischen Wirtschaft, beheben sie aber nicht. Wir brauchen bessere politische Rahmenbedingungen, um strukturelle Nachteile auszugleichen. Deshalb muss die geplante europäische Energie-Union nicht nur die Versorgungssicherheit erhöhen, sondern auch für niedrigere Energiekosten sorgen. Einer strategischen Aufgabe sollte sich Brüssel aber besonders widmen: die Innovationskraft der Wirtschaft zu stärken.

Dazu könnte auch das Transatlantische Freihandelsabkommen TTIP beitragen. Der Wegfall von Zöllen und die Entlastung durch die Annäherung von Regulierungen würden in den Unternehmen erhebliche Mittel freisetzen, die für zusätzliche Investitionen in Forschung und Entwicklung zur Verfügung stünden.

Im Vergleich zu anderen Regionen hat Europa aus meiner Sicht ein klares Defizit: Es mangelt an einer Innovationskultur und an der grundsätzlichen Offenheit für den Fortschritt. Das zeigt sich bei TTIP genauso wie bei öffentlichen Diskussionen über neue Technologien. In Europa stehen reflexartig immer zuerst die Risiken im Vordergrund der Bewertung, weniger der Nutzen von neuen Produkten. Die politische Abwägung von Chancen und Risiken muss aber ausgewogen sein – sonst ist technischer Fortschritt kaum möglich. Bei Nano-, Bio- und Gentechnologie fehlt derzeit leider diese Ausgewogenheit. Gerade die Chemie als innovative Branche kann auf Dauer nur in einem regulatorischen Umfeld gedeihen, das auf höchster wissenschaftlicher Qualität basiert.

Deshalb sollte dem Vorsorgeprinzip auf europäischer Ebene ein „Innovationsprinzip“ zur Seite gestellt werden. Das bedeutet: Bei neuen Gesetzen werden nicht nur mögliche Folgen für die Gesundheit und Umwelt geprüft, sondern auch für das Innovationsklima. Dafür sollte ein „Innovations-TÜV“ ebenso fester Bestandteil der Beurteilung sein wie ein Wettbewerbsfähigkeits-Check. So könnten wir dem Trend entgegenwirken, dass innovative Ideen in Europa erdacht, aber anderswo zu marktfähigen Produkten entwickelt werden.

Dr. Marijn E. Dekkers,
Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI)

Ansprechpartner
dialog@vci.de

Zum chemie report 05/2015 mit Leitartikel zum Parlamentarischen Abend des VCI in Brüssel und zum Werben von VCI-Präsident Marijn Dekkers um eine zukunftsgerichtete Industriepolitik der EU

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