Standpunkt

Forscher brauchen mehr politischen Rückhalt

Drei Ziele sollte die Politik verfolgen, um das Aufblühen einer neuen „Gründerzeit“ in Deutschland zu befördern: Naturwissenschaftliches und unternehmerisches Know-how stärken, Innovationen steuerlich fördern und in der Gesellschaft für Technologieoffenheit eintreten. Das Steuerrecht muss mehr Anreize für Investoren schaffen, Wagniskapital für junge Unternehmen bereit zu stellen.

VCI-Präsident Dr. Marijn E. Dekkers - Foto: © Bayer AG
VCI-Präsident Dr. Marijn E. Dekkers - Foto: © Bayer AG

Es geht uns gut, oder? Produktion und Umsätze wachsen in Deutschland, die Exporte steigen, die Arbeitslosenzahl sinkt. Wir könnten uns zurücklehnen. Doch selbst Vertreter der Regierungskoalition warnten beim Parlamentarischen Abend des VCI vor dem „süßen Gift“ solch positiver Zahlen. Unser Erfolg heute darf nicht mit dem Erfolg von morgen verwechselt werden.

Mit dem Blick nach vorn beschäftigt uns daher zunehmend eine Frage: Wie gedeihen in Unternehmen Ideen zu marktreifen Technologien, die schließlich in Deutschland produziert werden? An Ideen mangelt es Deutschland bekanntlich nicht. Hier arbeiten die fleißigsten Erfinder ganz Europas – das kann man in der Statistik des Patentamtes in München nachlesen. Größere Forschungsbudgets in den Unternehmen oder mehr staatliche Forschungsprogramme, das wissen wir aus Erfahrung, sind kein Garant für die „Marktreifung“ von Ideen. Das ganze Potenzial kreativer, forschender Unternehmen entfaltet sich erst in einem innovationsfreundlich gesinnten gesellschaftlichen Umfeld. Aufgeschlossenheit der Bürger für Neues statt schneller Skepsis sind gefragt, wenn wir den Weg von der Idee bis zum marktreifen Produkt verkürzen und den Standort Deutschland weiter stärken wollen.

Deshalb sind Wissenschaftler und Forscher ganz direkt auf den Rückhalt von Politikern angewiesen. Drei Ziele sollten daher auf der Agenda jeder politischen Konstellation stehen: Naturwissenschaftliches und unternehmerisches Know-how stärken, Innovationen steuerlich fördern und in der Gesellschaft für Technologieoffenheit eintreten.

Erfolgreiche Unternehmer brauchen nicht nur Ideen sondern auch Mut und Tatendrang. Deshalb gehören Kurse über Gründergeist und Unternehmertum in die naturwissenschaftlichen Curricula der deutschen Hochschulen. Wir müssen Menschen, die etwas auf die Beine stellen wollen, ermutigen und so gut wie möglich unterstützen. Wir brauchen eine neue Gründerzeit, in der auch Universitätsprofessoren mit ihren Studenten vorbehaltlos Start-ups aus ihren Forschungsbereichen ausgründen. Hochschulen benötigen dafür eine starke Infrastruktur: Inkubatoren mit Mentoren zum Erfahrungsaustausch und für eine rechtliche Beratung.

Frisch gegründete Unternehmen mit neuen Konzepten wachsen wiederum nur, wenn sie über die Gründungsphase hinaus mit ausreichend Kapital ausgestattet werden. In Deutschland ist diese Wachstumsfinanzierung für junge Unternehmen unterentwickelt, was dazu führt, dass diese vermehrt ins Ausland abwandern. In Finnland, Irland oder Israel investieren private Anleger zwei bis drei Mal mehr Wagniskapital in Start-ups. Wir müssen deshalb das Steuerrecht in diesem Punkt reformieren und mehr Anreize für Investoren schaffen. Die Bundesregierung ist mit dem entsprechenden Gesetz, das sie im Koalitionsvertrag angekündigt hat, auf dem richtigen Weg. Es ist jetzt an der Zeit, dieses Vorhaben umzusetzen.

Um die gesellschaftliche Offenheit für Technologien im Industrieland Deutschland zu stärken, brauchen wir eine breite Innovationsoffensive. Das gelingt nur mit vereinten Kräften. Dafür bietet das Bündnis „Zukunft der Industrie“, an dem der VCI mitwirkt, einen hoffnungsvollen Ansatz. Diese Allianz aus Politik, Wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften vereint ein gemeinsames Ziel: Mehr Wettbewerbsfähigkeit, Innovationen und Wohlstand für Deutschland.

Dr. Marijn E. Dekkers,
Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI)

Ansprechpartner
dialog@vci.de

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