Standpunkt

Innovationen brauchen mehr politischen Rückenwind

Deutschland verliert als Standort für die chemische Industrie im internationalen Vergleich schon seit längerer Zeit an Wettbewerbsfähigkeit. Um diesem Trend entgegenzuwirken, brauchen wir bezahlbare Energie und mehr politischen Rückenwind für Innovationen. Auch das Bewusstsein für den Umgang mit Innovationen und deren Bedeutung für das Wohlergehen Deutschlands muss neu belebt werden. Eine nachhaltige Entwicklung unserer Gesellschaft braucht mehr Innovationen aus der Chemie statt weniger.

VCI-Präsident Dr. Marijn Dekkers © Bayer AG
VCI-Präsident Dr. Marijn Dekkers © Bayer AG

Noch ist Deutschland ein attraktiver und wettbewerbsfähiger Chemiestandort. Das belegt eine vergleichende Analyse, die Oxford Economics vor Kurzem veröffentlicht hat. Aber die Studie zeigt auch, dass Deutschland als Standort für die chemische Industrie im internationalen Vergleich schon seit längerer Zeit an Wettbewerbsfähigkeit verliert. Das äußert sich im sinkenden Anteil am globalen Exportmarkt. An der Qualität unserer Produkte liegt es nicht. Es sind vor allem die zu hohen Energiepreise, eine wechselhafte Energiepolitik und die Vorbehalte gegenüber neuen Technologien und Industrieanlagen, die uns weniger wettbewerbsfähig machen. Das hat Einfluss auf die Planung und den Bau neuer Chemie-Anlagen: Während die USA und China von 2008 bis 2013 ihre Investitionen fast verdoppelten, wuchs der Kapitalstock der Branche in Deutschland nicht mehr.

Um diesen Negativ-Trend zu stoppen oder besser noch umzukehren, brauchen wir bezahlbare Energie und mehr politischen Rückenwind für Innovationen. Die Einführung einer steuerlichen Forschungsförderung würde zusätzliche Forschungsaufwendungen der Unternehmen und mehr Wirtschaftswachstum in Deutschland stimulieren. Zwei Drittel der 34 OECD-Staaten gewähren diesen Bonus bereits und erzielen damit gute Erfolge. Und wir müssen in Deutschland eine neue Gründerkultur etablieren. Eine bessere steuerliche Behandlung von Wagniskapital als Starthilfe für junge Unternehmen könnte wichtige Impulse geben. Dabei hängt es nicht am Geld allein. Noch wichtiger ist nach meiner Überzeugung ein gesellschaftlicher Faktor: Wir müssen das Bewusstsein für den Umgang mit Innovationen und deren Bedeutung für das Wohlergehen Deutschlands beleben.

Dafür braucht es mehr zielgerichtete Gespräche zwischen Politik und Industrie für konkrete Maßnahmen sowie Offenheit gegenüber neuen Verfahren und Technologien. Ihr Einsatz für bessere und leistungsfähigere Produkte darf nicht allein aus politischer Überzeugung oder „abstrakter Besorgnis“ in den Behörden behindert werden. Die wissenschaftlichen Fakten müssen mehr Gewicht bekommen, wenn Chancen und potenzielle Risiken abgewogen werden. Angst ist dagegen ein schlechter Ratgeber für die Zukunft. Neues denken und wagen ist der Ausgangspunkt für jeden Fortschritt. Eine nachhaltige Entwicklung unserer Gesellschaft braucht mehr Innovationen aus der Chemie statt weniger.

Aufgeschlossenheit der Politik und der Gesellschaft für Neues sind Rückenwind für die Innovationsfähigkeit der chemischen Industrie. Ihr Ausbau ist kein Selbstzweck. Wer die Innovationskraft der Chemie nachhaltig stärkt, fördert automatisch auch die Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit des gesamten Industrienetzwerkes mit seinen vielen Wertschöpfungsketten. Kann der Innovationsmotor Chemie auf maximaler Drehzahl laufen, profitiert davon das ganze Industrieland Deutschland.

Dr. Marijn E. Dekkers,
Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI)

Ansprechpartner
dialog@vci.de

Zum chemie report 12/2014 mit Leitartikel zu den Handlungsempfehlungen des VCI an die Politik, wie die Innovationsfähigkeit des Industrie- und Chemiestandorts Deutschland gestärkt werden kann.

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