Standpunkt

Bildung ist der wichtigste Rohstoff

Der internationale Wettlauf um Wissen erfordert kontinuierliche Innovationsvorsprünge, um Wohlstand zu erarbeiten, zu sichern oder auszubauen. Bildung ist der Schlüssel zu all dem und damit die Voraussetzung dafür, die Zukunftsfähigkeit des Chemie- und Industriestandortes Deutschland auf Dauer zu erhalten.

VCI-Präsident Karl-Ludwig Kley © © Merck KGaA Darmstadt Deutschland
VCI-Präsident Karl-Ludwig Kley © © Merck KGaA Darmstadt Deutschland

Er erweiterte die Grenzen unseres Wissens wie kaum ein anderer. Seine Feldstudien auf verschiedenen Kontinenten in Astronomie, Botanik, Chemie, Geologie, Klimatologie oder Zoologie – um nur einige zu nennen – definierten einen neuen Wissensstand von der Welt. Der Universalgelehrte und große Forschungsreisende des 19. Jahrhunderts Alexander von Humboldt wurde angetrieben von einem unstillbaren Wissensdurst. Sein Streben war es, so schrieb er 1807, „gleichzeitig die Phantasie zu beschäftigen und durch Vermehrung des Wissens das Leben mit Ideen zu bereichern“. Humboldt war davon überzeugt: Bildung und Wissenschaft sind Rohstoffquellen für den Menschen, die nie versiegen. Gut 200 Jahre später hat sich diese Erkenntnis aus Humboldts Spätwerk „Kosmos“ zur Schicksalsfrage für das moderne Deutschland entwickelt.

Für eine Nation, die über keine lukrativen Rohstoffe verfügt, stellen kluge Köpfe das wichtigste Potenzial dar. Denn Vorsprung beginnt im Kopf. Um die Zukunftsfähigkeit des Chemie- und Industriestandortes Deutschland auf Dauer zu sichern, sind gute Bildung, wissenschaftliche Erkenntnisse, neue Technologien und Innovationen die einzigen Mittel, die auf Dauer im globalen Wettbewerb Erfolg versprechen.

Hervorragende Mitarbeiter – vom Auszubildenden bis zum Forscher – bringt aber nur ein leistungsfähiges Bildungssystem hervor, das auch internationalen Maßstäben gerecht wird. Und zwar in Biologie, Chemie, Physik, Mathematik, Informatik und Technik. Seit dem heilsamen Schock durch die PISA-Studie, die 2001 deutschen Schülern im Leseverständnis, in Mathematik und Naturwissenschaften nur unterdurchschnittliche Leistungen bescheinigte, hat sich zwar einiges verbessert. Aber auch aktuell rangiert unser Bildungssystem in internationalen Vergleichen nur im Mittelfeld. Das belegt nicht nur der von der Deutschen Telekom Stiftung herausgegebene Innovationsindikator. Auch im Standortvergleich des World Economic Forum schneidet Deutschland beim Kriterium naturwissenschaftliche Bildung eher mäßig ab. Mit Rang 15 oder 21 können wir uns als Hightech-Standort nicht zufriedengeben. Die Bildungspolitik muss darauf reagieren. Und zwar schnell.

Das fängt bei den Kleinsten an, unseren Erfindern von übermorgen: Bereits im Vorschulalter versuchen Kinder ihr Umfeld zu ergründen. Deshalb sollten wir sie im Kindergarten an Phänomene aus Natur oder Alltag heranführen und in der Grundschule naturwissenschaftlich-technisch orientierten Sachunterricht anbieten. Damit die Kontinuität der Bildungskette nicht abreißt, muss der naturwissenschaftliche Unterricht an weiterführenden Schulen mehr Raum einnehmen als bisher. Die Vermittlung ökonomischer Zusammenhänge sollte ebenfalls zum Bildungsauftrag der Schule gehören. Wer die Prinzipien unserer Wirtschaftsordnung kennt und die Grundlagen unseres Wohlstandes versteht, dem fällt die Berufsorientierung leichter.

Und auch für die Nobelpreisträger von morgen müssen wir mehr tun: Die Hochschulen hierzulande sind Eckpfeiler unseres gesamten Forschungssystems. Sie müssen international konkurrenzfähig bleiben und brauchen deshalb mehr Autonomie im Wettbewerb um Studierende, Professoren und Finanzmittel. Die teilweise Aufhebung des Kooperationsverbotes zwischen Bund und Ländern im Hochschulbereich ist da ein richtiger Schritt. Diese Trennung vollständig aufzuheben, wäre eine Möglichkeit, den Weg frei zu machen für eine dauerhafte Beteiligung des Bundes an der Hochschulfinanzierung.

Der internationale Wettlauf um Wissen kann nicht im Sprint gewonnen werden. In globalisierten Märkten brauchen wir kontinuierliche Innovationsvorsprünge, um Wohlstand zu erarbeiten, zu sichern oder auszubauen. Bildung ist der Schlüssel zu all dem und der wichtigste Rohstoff unseres Landes. Gute Bildung bereichert – ganz im Humboldt’schen Sinne – nicht nur das Leben, sondern auch die Gesellschaft.

Karl-Ludwig Kley,
Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI)

Anprechpartner
dialog@vci.de

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