Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“

VCI erläutert im Bundestag das Thema „Nachhaltigkeit in der Chemie“

Dr. Gerd Romanowski, Geschäftsführer und Leiter der Abteilung Wissenschaft, Technik und Umwelt im VCI, skizzierte die Anstrengungen der Chemie für ein nachhaltiges Wirtschaften und die ordnungspolitischen Voraussetzungen hierfür.

Daniela Kolbe (re.) begrüßt Dr. Gerd Romanowski (li.) und Prof. Uwe Lahl © Deutscher Bundestag / Lichtblick/Achim Melde
Daniela Kolbe (re.) begrüßt Dr. Gerd Romanowski (li.) und Prof. Uwe Lahl © Deutscher Bundestag / Lichtblick/Achim Melde

Was kann die Politik tun, um mit geeigneten ordnungspolitischen Voraussetzungen ein nachhaltiges Wirtschaften im Bereich der Chemiebranche weiter zu befördern? Um Antworten auf diese Frage zu erhalten, hatte die Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ des Deutschen Bundestags unter dem Vorsitz von Daniela Kolbe (SPD) am 5. November 2012 zu einer öffentlichen Anhörung eingeladen. Das Thema lautete: „Nachhaltiges Wirtschaften am Beispiel der Chemiebranche – Ordnungspolitische Voraussetzungen und Konsequenzen“. Für den VCI nahm Dr. Gerd Romanowski als Sachverständiger daran teil. Ebenfalls in dieser Funktion eingeladen war Prof. Dr. Uwe Lahl, Professor für Abfalltechnik an der Technischen Universität Darmstadt.

„Keine andere Branche ist so eng mit dem Thema Nachhaltigkeit verbunden wie die Chemie.“

Unter dieser für einige Abgeordnete sicher überraschenden Einstiegsthese legte Dr. Romanowski dar, dass die chemische Industrie in den vergangenen 20 Jahren erhebliche Fortschritte bei der Verminderung von Emissionen, bei der Schonung natürlicher Ressourcen sowie beim sparsamen und effizienten Einsatz von Rohstoffen und Energie erzielt habe. Beispielsweise sei der Energieverbrauch um über 20 Prozent reduziert worden, obwohl in diesem Zeitraum die Produktmenge um fast 60 Prozent gestiegen sei. Das Abfallaufkommen sei um 80 Prozent, die Einleitung von Schwermetallen in Flüsse um 90 Prozent vermindert worden.

.VCI-Geschäftsführer Dr. Gerd Romanowski erläutert seine These: „Keine andere Branche ist so eng mit dem Thema Nachhaltigkeit verbunden wie die Chemie.
.VCI-Geschäftsführer Dr. Gerd Romanowski erläutert seine These: „Keine andere Branche ist so eng mit dem Thema Nachhaltigkeit verbunden wie die Chemie." - Foto: Aus dem Mitschnitt des © Deutschen Bundestags. © Deutscher Bundestag

Romanowski machte auch deutlich, dass sich die großen Herausforderungen der Zukunft, vor denen die Menschheit steht, ohne substanzielle Beiträge aus der Chemie nicht lösen ließen, sei es auf den Feldern Ernährung und Wasserversorgung, klimafreundliche Energieversorgung, Gesundheitsvorsorge und Krankheitsbekämpfung oder ressourcenschonende Mobilität. Auch damit leiste sie bereits heute erhebliche Beiträge für eine nachhaltige Entwicklung und werde dies in Zukunft noch viel stärker tun.

Gegenwärtig starte die Chemie, so Romanowski, als erster Wirtschaftszweig zudem eine branchenweite Nachhaltigkeitsinitiative, an der neben den Unternehmen und Verbänden auch die IG BCE als Gewerkschaft beteiligt sei . Wichtige Ziele dabei seien die Entwicklung und Verabschiedung von Nachhaltigkeitsleitlinien und die Etablierung einer Nachhaltigkeitsberichterstattung auf Branchenebene. Im Dialog mit wichtigen Stakeholdern werde die Erwartungshaltung an die Branche bezüglich eines nachhaltigen Wirtschaftens erkundet. Dabei sollten die drei Säulen der Nachhaltigkeit: Ökonomie, Ökologie und Soziales gleichgewichtet abgedeckt werden.

Nachhaltigkeit hat in der Chemie eine langeTradition

Romanowski machte auch deutlich, dass die Bemühungen der Branche um Nachhaltigkeit nicht erst mit dieser Initiative beginnen. Die Chemieindustrie habe sich spätestens seit dem Umweltgipfel von Rio 1992 und der Arbeit der beiden Bundestags-Enquete-Kommissionen „Schutz des Menschen und der Umwelt“ in der 12. und 13. Legislaturperiode intensiv mit den Zielen einer nachhaltigen, zukunftsverträglichen Wirtschaftsweise und den eigenen Beiträgen hierzu befasst. Die Arbeiten der Enquete-Kommissionen habe sie aktiv und mit erheblichem konzeptionellem Input begleitet. Dies habe in der Chemie vieles bewegt und bei vielen Mitarbeitern und Entscheidungsträgern zu einem Umdenken und Umsteuern beigetragen.

Dabei habe die Branche nicht bei Null beginnen müssen. Sie konnte vielmehr auf dem bereits etablierten internationalen Branchen-Programm „Responsible Care“ aufbauen, das in den 80er Jahren von Nordamerika ausgehend vorangetrieben wurde und in Deutschland 1991 offiziell von der VCI-Mitgliederversammlung beschlossen wurde. Diese Initiative hat zum Ziel, Umweltschutz, Gesundheitsschutz, Arbeitssicherheit und Produktsicherheit unabhängig von gesetzlichen Vorschriften stetig zu verbessern. In diesem Rahmen, so Romanowski, sei auch die Berichterstattung über eine Vielzahl ökologischer Indikatoren eine schon lange geübte Praxis. Gleichwohl gehöre es nun zu den größten Herausforderungen der gemeinsamen Nachhaltigkeitsinitiative, geeignete Indikatoren für alle Felder nachhaltigen Wirtschaftens und über die gesamte Branche hinweg zu entwickeln und zu etablieren.

Dr. Gerd Romanowski demonstriert anhand des Responsible-Care-Berichtes, dass die Berichterstattung über ausgewählte Indikatoren der Nachhaltigkeit für die Branche bereits geübte Praxis ist. (Foto: Aus dem Mitschnitt des © Deutschen Bundestags)
Dr. Gerd Romanowski demonstriert anhand des Responsible-Care-Berichtes, dass die Berichterstattung über ausgewählte Indikatoren der Nachhaltigkeit für die Branche bereits geübte Praxis ist. (Foto: Aus dem Mitschnitt des © Deutschen Bundestags) © Deutscher Bundestag

Welchen ordnungspolitischen Rahmen braucht die Chemie, um nachhaltig wirtschaften zu können?

Romanowski warnte vor weitreichenden staatlichen Eingriffen in unternehmerische Entscheidungen. Zwar regele der Markt nicht alles, ordnungsrechtliche Vorschriften müssten jedoch „wirksam, zielgenau und effizient“ sein. Für ein nachhaltiges Wirtschaften benötige die chemische Industrie, so Romanowski, einen ordnungspolitischen Rahmen, der vor allem folgende Voraussetzungen erfüllt:

  1. einen sozial-marktwirtschaftlichen Ordnungsrahmen, der genügend Freiraum für unternehmerische Entscheidungen belässt;
  2. Innovationsfreundliche Rahmenbedingungen;
  3. Planungssicherheit, Rechtssicherheit und Investitionssicherheit;
  4. ein wirksames, zielgenaues, effizientes und praktikables Ordnungsrecht, das die Spielregeln für die Unternehmen festlegt und deren Einhaltung überwacht.

  • Der VCI-Geschäftsführer forderte insbesondere ein innovationsfreundliches Umfeld, um den Trend zu mehr Nachhaltigkeit zu fördern. Dazu gehörten etwa ein leistungsfähiges Bildungssystem und eine international wettbewerbsfähige Forschungslandschaft. Gesetzliche Regeln sollten die Markteinführung neuer Produkte erleichtern und nicht behindern. Angesichts der zeitaufwendigen und teuren Entwicklung von effizienten Herstellungsmethoden und innovativen Produkten benötigten die Unternehmen Planungs- und Rechtssicherheit.
  • Romanowski lehnte staatliche Vorgaben mit dem Ziel einer Steuerung der Innovationsprozesse im Chemiesektor ab. Grundsätzlich biete der „Ordnungsrahmen der sozialen Marktwirtschaft“ die beste Orientierung für ein nachhaltiges Wirtschaften. Jedoch hätten auch gesetzliche Vorschriften, die seit den achtziger Jahren entstanden und seither verfeinert worden seien, die Nachhaltigkeit vorangebracht, etwa bei der Emissionsminderung oder bei der Arbeits- und Chemikaliensicherheit. Solche Regeln müssten aber in der betrieblichen Praxis umsetzbar sein.
  • Der Einsatz von Biomasse allein ist nicht der Königsweg zur Nachhaltigkeit
  • Prof. Dr. Uwe Lahl, TU Darmstadt - Foto: Aus dem Mitschnitt des © Deutschen Bundestags
    Prof. Dr. Uwe Lahl, TU Darmstadt - Foto: Aus dem Mitschnitt des © Deutschen Bundestags © Deutscher Bundestag

    Professor Lahl von der TU Darmstadt forderte bei seinem Statement vor allem einen verstärkten Einsatz von Biomasse als Rohstoff in der Chemiebranche. Auf diese Weise könne die Abkehr von fossilen Rohstoffen als Basis der Chemieproduktion („De-Carbonisierung“) beschleunigt werden. Da jedoch Biomasse ein knappes Gut sei, solle die Nutzung dieser Substanz zur Herstellung von Strom und Wärme eingeschränkt werden, um einen vorrangigen Einsatz in der Chemie zu ermöglichen.

    Dr. Gerd Romanowski (links) und Professor Dr. Uwe Lahl, TU Darmstadt (rechts), bei der Diskussion über Chancen und Grenzen des Einsatzes von Biomasse. © Aus dem Mitschnitt des Deutschen Bundestags
    Dr. Gerd Romanowski (links) und Professor Dr. Uwe Lahl, TU Darmstadt (rechts), bei der Diskussion über Chancen und Grenzen des Einsatzes von Biomasse. © Aus dem Mitschnitt des Deutschen Bundestags © Deutscher Bundestag

    Romanowski hielt dem entgegen, dass die Chemie schon aus eigenem Antrieb beständig nach Alternativen für fossile Rohstoffe suche und hier intensiv forsche. Schon heute setze die Chemie nachwachsende Rohstoffe mit einem Anteil am gesamten Einsatz organischer Rohstoffe von etwa 13 Prozent ein. Sie würden in Anwendungen eingesetzt, in denen sie technische und ökonomische Vorteile gegenüber fossilen Rohstoffen haben. Der Einsatz nachwachsender Rohstoffe trage aber nur dann zur nachhaltigen Entwicklung bei, wenn er sich über die technische und wirtschaftliche Machbarkeit hinaus auch ökologisch und sozial als vorteilhaft darstelle. Der VCI hat zu dieser Thematik kürzlich sein Grundsatzpapier „Chancen und Grenzen des Einsatzes nachwachsender Rohstoffe in der chemischen Industrie“ sowie eine Analyse zur „Basischemie 2030“ vorgelegt (siehe weiterführende Links unten).

    Die insgesamt dreistündige Anhörung entwickelte sich zu einer sehr lebhaften und anregenden Debatte mit einer breiten Vielfalt der Themen über "Innovationsräume", Chemikaliensicherheit, Ressourcen- und Energieeffizienz bis hin zum Emissionshandel.Sie kann hier nachgeschaut und –gehört werden:

    © Deutscher Bundestag

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    Ansprechpartner

    Dr. Gerd Romanowski

    E-Mail: romanowski@vci.de

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