Sustainable Finance

Umweltpolitik über den Umweg Finanzwirtschaft

„Grüne“ und „nachhaltige“ Finanzprodukte boomen. Die EU-Kommission möchte nun einen gesetzlichen Rahmen schaffen, um sogenannte nachhaltige Investitionen zu erleichtern. Damit greift sie die Empfehlungen einer hochrangigen Expertengruppe auf, über Rahmenbedingungen von Finanzprodukten und der Unternehmensfinanzierung Einfluss auf Nachhaltigkeitsaktivitäten von Unternehmen zu nehmen. Die Industrie muss aufpassen, dass ihre Interessen dabei nicht unter die Räder geraten.

Mit Symbolbildern wie diesem bebildert die Europäische Kommission ihre Pläne zu „Sustainable Finance“. Sie lassen erahnen, dass der Fokus auf der ökologischen Dimension von Nachhaltigkeit liegt. - Foto: © Romolo Tavani/stock.adobe.com
Mit Symbolbildern wie diesem bebildert die Europäische Kommission ihre Pläne zu „Sustainable Finance“. Sie lassen erahnen, dass der Fokus auf der ökologischen Dimension von Nachhaltigkeit liegt. - Foto: © Romolo Tavani/stock.adobe.com

Nach einer Studie der Großbank HSBC verfolgen 61 Prozent der weltweiten Investoren in grüne und nachhaltige Finanzprodukte eine Nachhaltigkeitsstrategie. Die Studie zeigt jedoch auch: Knapp die Hälfte der Investoren geben finanzielle Vorteile als wichtigsten Beweggrund für ihr Engagement an.

Legislativpaket der EU-Kommission

Die Europäische Kommission wiederum will das finanzpolitische Instrument „Sustainable Finance“ nutzen, um durch mehr Nachhaltigkeitsaktivitäten der Unternehmen umwelt- und klimapolitische Ziele zu erreichen. Sie hat im Frühjahr 2018 Verordnungsvorschläge zu den Themenfeldern Taxonomie nachhaltiger Investments, Pflichten für Investoren und Referenzwerte für eine kohlenstoffarme Wirtschaft vorgelegt. Aktuell befassen sich das EU-Parlament und die Vertreter der Mitgliedstaaten mit diesen Vorschlägen. Auch im Deutschen Bundestag und dem Bundesrat finden Diskussionen statt.

Kern des Pakets ist die Einführung eines Klassifizierungssystems (Taxonomie) für nachhaltige – im Wesentlichen ökologische – Investitionen. Jedoch bleibt bislang unklar, wie Finanzanlagen beziehungsweise Finanzierungen von wirtschaftlichen Aktivitäten als nachhaltig eingestuft und von herkömmlichen Finanzierungen sinnvoll abgegrenzt werden können. Besonders kritisch ist, dass die Kriterien dafür dem politischen Diskurs entzogen und über delegierte Verordnungen nachgelagert erlassen werden sollen.

Ungeachtet dessen ist die Kommission weiterhin fest entschlossen, einen rechtlichen Rahmen zur Erleichterung nachhaltiger Finanzierungen einzuführen – wie auch immer diese zu ermitteln, abzugrenzen und zu definieren sind. Damit macht sie den zweiten Schritt vor dem ersten. Auch die Fokussierung auf überwiegend umwelt- und klimapolitische Ziele, die über das Vehikel der nachhaltigen Finanzierung erreicht werden sollen, ist kritisch zu sehen. Nachhaltigkeit wird auf den ökologischen Blickwinkel verengt, die ökonomische sowie die soziale Dimension werden ausgeblendet.

Einbindung der Industrie nötig

Bislang ist die Finanzwirtschaft erster Adressat der Politik, die Industrie wurde kaum eingebunden. Umso mehr ist die Industrie gefordert, sich in den politischen Diskussionsprozess einzubringen. Im politischen Prozess müssen neben den Chancen auch die Risiken für die Industrie diskutiert werden. Komplexe industrielle Wertschöpfungsketten müssen genauso berücksichtigt werden wie die Risiken für die Nachhaltigkeitsinitiativen der Unternehmen. Denn letztlich sind es die Industrieunternehmen, die die Anforderungen an eine „nachhaltige Investition“ erfüllen müssen. Der VCI hat daher in einem ersten Workshop Stakeholder aus Finanzwirtschaft, Unternehmensberatung und Wirtschaftsprüfung mit Vertretern von Chemieunternehmen zusammengebracht.

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Dieser Artikel ist im chemie report 12/2018 erschienen.

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RA Berthold Welling

E-Mail: welling@vci.de