Päpstlicher Appell für eine nachhaltige Entwicklung

Enzyklika „Laudato si“ aus Sicht der Chemie

Mit seiner Enzyklika „Laudato si“ ruft der Papst dazu auf, „die gesamte Menschheitsfamilie in der Suche nach einer nachhaltigen und ganzheitlichen Entwicklung zu vereinen“. Er lädt außerdem zu einem Dialog über die Zukunft des Planeten ein. Viele der in der Enzyklika dargestellten Herausforderungen sieht der VCI ähnlich. Teile der Ursachenanalyse und manche der Lösungsansätze sind jedoch aus Sicht der Wirtschaft problematisch. Daher ist der Aufruf zum Dialog zu begrüßen.

Papst Franziskus lädt in seiner Enzyklika „Laudato si“ zu einem Dialog über die Zukunft des Planeten ein. - Foto: © iStockphoto.com - neneos
Papst Franziskus lädt in seiner Enzyklika „Laudato si“ zu einem Dialog über die Zukunft des Planeten ein. - Foto: © iStockphoto.com - neneos

Die chemische Industrie arbeitet in ihrer Nachhaltigkeitsinitiative Chemie3 3 Link daran, Nachhaltigkeit als Leitbild fest in der Branche zu verankern. Dabei wird Nachhaltigkeit als Verpflichtung gegenüber den jetzigen und künftigen Generationen verstanden und als Zukunftsstrategie, in der wirtschaftlicher Erfolg mit sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Verantwortung verknüpft wird. Ein aktiver und offener Dialog mit Politik und Gesellschaft ist ein elementarer Bestandteil unserer Initiative.

Handlungsbedarf vor allem auf der internationalen Ebene

Es ist daher zu begrüßen, dass Papst Franziskus in seiner Enzyklika so eindringlich zum Handeln auffordert und hervorhebt, dass jeder seinen Beitrag leisten muss. Das erste Kapitel der Enzyklika bietet eine insgesamt gute Darstellung der Herausforderungen bei den Themen Klima- und Umweltschutz. Dabei beruft sich der Papst auf die im Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) entwickelten wissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels. Auch werden neue Technologien wie Biotechnologie und Nanotechnologie zunächst grundsätzlich positiv beurteilt, vorausgesetzt es erfolgt ein verantwortungsvoller Umgang mit technischem Fortschritt.

Der VCI teilt auch die Einschätzung, dass auf internationaler Ebene entschlossener gehandelt werden muss. Dies gilt vor allem beim Klimaschutz. Der VCI spricht sich ausdrücklich für ein effizientes globales Klimaschutzabkommen aus und befürwortet auch eine Unterstützung der armen Länder. Allerdings fordert der VCI ein Abkommen, das Klimaverpflichtungen für alle Länder umfasst und den Aufbau eines globalen Emissionshandelssystems beinhaltet.

Im Bereich Chemikaliensicherheit/Umweltschutz werden in der Enzyklika vor allem Probleme aufgezeigt, die aus VCI-Sicht in Europa durch gesetzliche Regelungen und durch die Responsible-Care-Initiative schon weitgehend erkannt und gelöst sind. Für Europa sieht der VCI daher keinen zusätzlichen Handlungsbedarf. Es gibt aber, wie in der Enzyklika deutlich wird, Defizite auf internationaler Ebene und in vielen ärmeren Ländern. Der VCI hält insbesondere eine Unterstützung ärmerer Länder beim Aufbau geeigneter Strukturen für wichtig. Die chemische Industrie trägt hierzu zum Beispiel über die weitere Ausbreitung von Responsible Care bei. Im Fokus stehen dabei Länder, in denen neue Produktionskapazitäten in der chemischen Industrie entstanden sind. Zusätzlich sollen spezifische Initiativen im Bereich Produktverantwortung wie die sogenannte Global Product Strategy (GPS) dabei helfen, weltweit ein sicheres Chemikalienmanagement zu fördern.

Pauschale Kritik nicht zielführend

Problematisch erscheint die teilweise pauschale Kritik am Handeln der Privatwirtschaft. Auch wenn es negative Entwicklungen und unangemessenes Handeln der Wirtschaft gibt, ist das nicht die Norm. Viele Beispiele belegen, dass die Tätigkeit von Unternehmen in anderen Teilen der Welt nicht zu niedrigeren Standards führen muss. Gerade die international tätigen Unternehmen der chemischen Industrie mit ihren langfristig angelegten Investitionen setzen sich für weltweit hohe Umwelt- und Sozialstandards ein sowie gegen Korruption, Kinder- und Zwangsarbeit. Unabhängig davon ist es schon aus ökonomischen Gründen angebracht, bei neuen Anlagen weltweit den Stand der Technik einzusetzen, um möglichst effizient zu produzieren.

Ebenso problematisch zu sehen ist die insgesamt kritische Grundhaltung der Enzyklika gegenüber der Marktwirtschaft. Bis zum Jahr 2050 wird die Weltbevölkerung auf über 9 Milliarden Menschen anwachsen. Ohne die Wirtschaft wird es nicht möglich sein, deren Grundbedürfnisse zu erfüllen und allen Menschen Entwicklungsmöglichkeiten wie Bildung und Arbeitsplätze bieten zu können. Die Marktwirtschaft bietet die beste Voraussetzung dafür, dass die Wirtschaft ihr Potenzial voll entfalten und mit ihrer Innovationskraft zur Bewältigung dieser Aufgaben beitragen kann.

Soziale Marktwirtschaft als Vorbild

Dabei sollte die Marktwirtschaft als ein System oder Instrument gesehen werden, welches innerhalb vorgegebener Regeln zu den effizientesten und effektivsten Lösungen führt. Insofern ist anzuerkennen, dass die Marktwirtschaft nicht notwendigerweise zu Nachhaltigkeit führen muss. Ausschlaggebend ist der Gesamtrahmen, der von Politik und Gesellschaft für das Handeln gesetzt wird, aber auch die Art und Weise, wie die Wirtschaft ihre Verantwortung innerhalb des gesteckten Rahmens wahrnimmt.

Eine Abkehr von der Marktwirtschaft kann keine geeignete Lösung sein. Stattdessen wäre eine Orientierung an der sozialen Marktwirtschaft, wie sie sich in Deutschland entwickelt hat, wünschenswert. Die soziale Marktwirtschaft muss über die seit 2002 bestehende nationale Nachhaltigkeitsstrategie ständig in Richtung eines nachhaltigen Gesamtrahmens weiterentwickelt werden. Entscheidend für den Erfolg ist die enge Einbindung aller Stakeholder, wozu auch der Dialog mit der Industrie gehört. Dabei leisten nach Einschätzung der Politik und wichtiger Stakeholder branchenspezifische Nachhaltigkeitsstrategien wie Chemie3 einen wesentlichen Beitrag zur Förderung und Umsetzung der nationalen Nachhaltigkeitsziele.


Was ist eine Enzyklika?

Eine Enzyklika (griechisch kyklos = Kreis) ist ein päpstliches Rundschreiben an die gesamte katholische Kirche. In einer Enzyklika teilt der Papst seine Meinung zu Themen der Glaubens- und Sittenlehre, der Philosophie oder der Staats- und Wirtschaftslehre mit. Eine Enzyklika ist eine päpstliche Meinung, nach der sich Gläubige richten sollten. Laut der Deutschen Bischofskonferenz sind päpstliche Rundschreiben Ausdruck oberster Lehrgewalt des Papstes, aber keine „unfehlbaren“ Lehräußerungen. Papst Franziskus hat die aktuelle Enzyklika im dritten Jahr seines Pontifikats veröffentlicht. Sie trägt den Titel „Laudato si– Über die Sorge für das gemeinsame Haus." Der Text wurde am 18. Juni 2015 in Rom der Öffentlichkeit vorgestellt.

Hinweis:
Eine leicht druckbare Fassung dieses Artikels aus dem chemie report 07/08 finden Sie im Downloadbereich im Kopf dieser Seite ("öangfassung").

Für Fragen und Anregungen nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf.

Ansprechpartner

Dipl.-Volksw. Birgit Engelhardt

E-Mail: engelhardt@vci.de

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