VCI zur Vorstellung des „Branchenberichtes Chemie der Commerzbank"

Die Erfolgsfaktoren der chemisch-pharmazeutischen Industrie in Deutschland

VCI-Hauptgeschäftsführer Utz Tillmann ergänzte den „Branchenbericht Chemie" der Commerzbank aus Sicht des Verbandes. Er wies dabei auf die enge Verknüpfung zwischen Pharma-Sparte, Spezial- und Basis-Chemie hin und benannte die Erfolgsfaktoren der Branche in Deutschland: Zentrale Rolle im Netzwerk der Industrie - Hohe Innovationskraft - Starker Mittelstand - Energie- und ressourceneffiziente Produktion - Ausrichtung der Produktstrategie auf Megatrends und Nachhaltigkeit. Achillesferse für die Wettbewerbsfähigkeit der Branche bleibe aber die Energiepolitik.

 © VCI/Mendel
© VCI/Mendel

Ausführungen von VCI-Hauptgeschäfsführer Utz Tillmann am 8. Februar 2016 vor der Presse bei der Commerzbank Frankfurt, im Rahmen der Vorstellung des Branchenberichtes Chemie:

„Sehr geehrter Herr Tallner, meine Damen und Herren,

herzlichen Dank dafür, dass der VCI die Einschätzung der Branche aus seiner Sicht ergänzen darf. Wir haben uns sehr über das Angebot der Commerzbank gefreut, unser Wissen zur drittgrößten Branche Deutschlands hier einbringen zu können.

Die Analyse der Commerzbank deckt sich in weiten Teilen mit unserem Bild. Und doch ist der Blickwinkel nicht völlig deckungsgleich.

Sparten der deutschen chemisch-pharmazeutischen Industrie
Sparten der deutschen chemisch-pharmazeutischen Industrie
Der Bericht der Commerzbank konzentriert sich in der Analyse auf die Chemie als solche. Die Verbundstruktur in der chemischen Industrie in Deutschland macht es aber erforderlich, die Pharma-Sparte einzubeziehen. Denn eine enge Verknüpfung zwischen Pharma, Spezial- und Basis-Chemie gibt es nicht nur auf der gemeinsamen Grundlage von Molekülen für Wirk- und Werkstoffe. Sie besteht auch aus intensiven Geschäftsbeziehungen der Unternehmen. Ohne die Produkte der Basis-Chemie würden Pharma und Spezialchemie in Deutschland schwieriger an Rohstoffe gelangen. Andererseits ist die Basis-Chemie auf die beiden Sparten als verlässliche Kunden angewiesen.

Die chemisch-pharmazeutische Industrie, wie sie der VCI beschreibt, ist mit ihren 447.000 Beschäftigten und einem Umsatz von über 190 Milliarden Euro nicht nur eine der Kernbranchen unseres Landes. Der Chemiestandort Deutschland hat auch internationales Format:

TOP 10 Chemieproduzenten der Welt
TOP 10 Chemieproduzenten der Welt
Deutschland ist der mit Abstand größte Chemieproduzent in Europa. Unser Umsatzanteil liegt bei 25 Prozent. Weltweit besitzen nur China und die USA einen größeren Stellenwert, wenn es um den Markt für chemisch-pharmazeutische Erzeugnisse geht. Und seit gut einer Dekade verteidigt die Branche erfolgreich den Titel als Exportweltmeister in Sachen Chemikalien (vor den USA, Belgien und China).

Wie lässt sich dieser Erfolg erklären? Aus Sicht des VCI sind dafür vor allem folgende fünf Faktoren verantwortlich:

Erstens: Die zentrale Rolle der Chemie im Netzwerk der Industrie

Wertschöpfungskette Windrad
Wertschöpfungskette Windrad
Über 80 Prozent der Erzeugnisse der deutschen Chemie gehen an industrielle Kunden. Die Branche ist damit Ausgangspunkt und Innovationsmotor für viele Wertschöpfungsketten im In- und Ausland. Unsere Unternehmen arbeiten mit Maschinenbau, Elektroindustrie, Bauwirtschaft und Fahrzeugbau eng zusammen.

Diese Partnerschaft führt zu hoher Leistungsfähigkeit und Produktqualität. Die Stärke des Industrienetzwerkes macht Deutschland zu einer führenden Exportnation. In diesem System spielt die Chemie als Lieferant hochwertiger Lösungen eine zentrale Rolle für alle genannten Branchen.

Zweitens: Die hohe Innovationskraft der Branche

Forschungsausgaben der chemisch-pharmazeutischen Industrie
Forschungsausgaben der chemisch-pharmazeutischen Industrie
Die deutsche Chemie macht 20 Prozent ihres Umsatzes mit Produkten, die jünger als fünf Jahre sind. Das erfordert hohe Forschungsaufwendungen. Im letzten Jahr hat die Branche dafür 10,4 Milliarden Euro ausgegeben. Immer aber sind es die Menschen, die Ideen in innovative, marktfähige Produkte umsetzen:

Hervorragend ausgebildete Fachkräfte und der intensive Austausch unserer 42.000 Forscher mit der Wissenschaft und den Kunden sorgen für stete Impulse in der Wirkstoff- und Materialforschung. Rund ein Drittel der 2.000 Chemie-unternehmen in Deutschland unterhält Kooperationen mit Hochschulen und öffentlichen Forschungseinrichtungen.

Drittens: Starker Mittelstand

Größenstruktur der chemisch-pharmazeutischen Industire
Größenstruktur der chemisch-pharmazeutischen Industire
Über 90 Prozent der Chemieunternehmen haben weniger als 500 Beschäftigte. Insgesamt stellen die rund 1.850 kleinen und mittleren Unternehmen weit über ein Drittel der Arbeitsplätze in der Branche. Und sie sind erfolgreich mit ihrer Geschäftsstrategie:

Der Mittelstand trägt fast ein Drittel zum Gesamtumsatz der Branche bei. Das entsprach im letzten Jahr 57 Milliarden Euro. Einen derart leistungsstarken Mittelstand in der Chemie gibt es sonst nirgendwo auf der Welt.

Mit ihren spezifischen Lösungen für die Kunden – vor allem Fein- und Spezial-chemikalien – sind unsere mittelständischen Unternehmen den Wettbewerbern häufig einen Schritt voraus. Dadurch zählen sie nicht selten zu den globalen Marktführern auf ihrem Arbeitsgebiet.

Viertens: Hoch-effiziente Produktion

Die Prozess- und Anlagentechnik in Deutschland befindet sich auf hohem Niveau. Dazu ein Vergleich: Strom ist in Deutschland rund 50 Prozent und Gas rund

200 Prozent teurer sind als in den Vereinigten Staaten. Trotzdem liegen die Energiestückkosten (Anteil der Energiekosten an der Wertschöpfung) der deutschen Chemie- und Pharmaindustrie nur rund 10 Prozent über denen der US-Konkurrenz. Unsere hohe Effizienz hilft uns, den Nachteil bei den Energiekosten zumindest teilweise auszugleichen.

Chemieparks erhöhen die Effizienz der Produktion
Chemieparks erhöhen die Effizienz der Produktion
Das Konzept der Chemieparks – eine deutsche Erfindung – steigert zudem die Effizienz der Produktion. Der Standortbetreiber kümmert sich um zentrale Umweltschutzeinrichtungen und die komplette Infrastruktur für die ansässigen Unternehmen. Sein Service ermöglicht einen Verbund der Produktionsanlagen mit hoher Effizienz für Energie, Roh- und Reststoffe.

Fünftens: Ausrichtung der Produktstrategie der Branche auf Megatrends und Nachhaltigkeit

Im Jahr 2030 wird die Weltbevölkerung laut Prognose der UNO 8,4 Milliarden Menschen umfassen. Mit dieser Zunahme um 1 Milliarde im Vergleich zu heute steigt auch der Bedarf an Produkten für

  • klimaschonende Energieerzeugung,
  • mehr Nahrung,
  • sauberes Wasser,
  • Medikamente,
  • Kommunikationsmittel und
  • umweltgerechte Mobilität.

Darauf richten unsere Unternehmen ihre Geschäftsstrategie und Forschungsprojekte schon seit geraumer Zeit aus. Die chemisch-pharmazeutische Industrie in Deutschland ist mit ihren Kompetenzen ein zentraler Innovationstreiber, solche globalen Herausforderungen für eine nachhaltige Entwicklung zu bewältigen.

"Chemie hoch 3" - die Nachhaltigkeitsinitiative der deutschen Chemie
Gleichzeitig trägt unsere Initiative Chemie3 dazu bei, Nachhaltigkeit als gelebtes Leitbild in der gesamten Branche zu verankern. Wirtschaftlicher Erfolg, öko-logische Verantwortung und soziale Gerechtigkeit sind die Säulen, auf denen dieses Selbstverständnis ruht.

Handlungsbedarf, um in der Erfolgsspur zu bleiben

Die genannten Stärken gilt es zu erhalten und auszubauen, wenn die Branche in der Erfolgsspur bleiben will. Denn der globale Wettbewerb in der Chemie nimmt enorm Fahrt auf.

In Asien forcieren China, Indien und Korea massiv den Ausbau von Forschung und Wissenschaft. Heute kommen bereits 40 Prozent aller chemischen Erfindungen aus Asien. Unsere branchenweite Studie „Innovationen den Weg ebnen“ hat gezeigt, dass die Unternehmen ihre Innovationskraft steigern müssen. Das heißt zum Beispiel, interne Hemmnisse für Innovationsprozesse ausräumen und die Innovationskultur verbessern.

Gleichzeitig benötigen wir die Unterstützung der Politik. Denn es gibt eine Reihe von externen Hemmnissen, die den Weg innovativer Produkte vom Labor zum Markt unnötig erschweren. Auch bei der Optimierung der politischen Rahmen-bedingungen dürfen wir uns keinen Stillstand leisten.

Gerade deshalb muss der Industriestandort Deutschland seine Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit weiter verbessern. Das Bündnis „Zukunft der Industrie“ zeigt, dass die Politik die Situation erkannt hat. Sie ist gewillt, gemeinsam mit Gewerk-schaften und Wirtschaft daran zu arbeiten, den Standort fit für die Zukunft zu machen. Der VCI ist einer der 15 Partner , die sich im Bündnis engagieren.

Wir begrüßen es sehr, dass Bundesminister Gabriel in dieser Weise aktiv geworden ist. Das Wirtschaftsministerium will über das Bündnis die Stell-schrauben auf eine bedarfsorientierte Industriepolitik ausrichten. Das ist eine Strategie, die wir schon lange vermissen.

Die Energiepolitik bleibt jedoch eine Achillesferse für unsere Wettbewerbsfähigkeit. Energiekosten sind ein wichtiger Faktor im globalen Standort-wettbewerb. Häufig wechselnde energiepolitische Vorgaben und unzählige staatliche Eingriffe in den Energiemarkt erzeugen eine anhaltend hohe Planungsunsicherheit in den Unternehmen – und damit Zurückhaltung bei Investitionen.

Entwicklung der EEG-Umlage
Entwicklung der EEG-Umlage
Sie kennen das Szenario: Laufen die Kosten für die Energiewende aus dem Ruder, wächst in der Chemie als energieintensive Branche das Risiko, dass interne Wertschöpfungsketten reißen. Damit käme es auch zu gravierenden Einschnitten im gesamten Industrienetzwerk.

Wir brauchen eine grundsätzliche Reform des EEG, die den Zielkonflikt zwischen Ausbau der erneuerbaren Energiequellen und Kostenentwicklung auflöst. Nur dann wird die Energiewende für die Wirtschaft auf Dauer bezahlbar. Das unterstreicht der Anstieg der EEG-Umlage, die sich 2015 für die Verbraucher auf über 24 Milliarden Euro summierte.

Meine Damen und Herren,

Erfolgsfaktoren der chemisch-pharmazeutischen Industrie in Deutschland
Erfolgsfaktoren der chemisch-pharmazeutischen Industrie in Deutschland
Chemie ist ein weltweiter Wachstumsmarkt. Eine nachhaltige Entwicklung der globalen Gesellschaft ist auf mehr Chemieprodukte angewiesen. Die deutsche Branche kann mit hochwertigen Lösungen für anspruchsvolle Kunden im Inland und allen Auslandsmärkten punkten. Sie wird dadurch auch künftig weiter wachsen – in einem Verbund von Pharma, Basis- und Spezialchemie. Es lohnt sich also, in die deutschen Chemieunternehmen zu investieren."


Hinweis:
Die neun Grafiken zur Rede von Utz Tillmann finden Sie im Download-Bereich im Kopf dieser Seite (PDF und zip-Datei mit Bilddateien in druckfähiger Auflösung).

Mehr Informationen

Für Fragen und Anregungen nehmen Sie gerne Kontakt mit uns auf.

Ansprechpartner

Stud. Ass. Manfred Ritz

E-Mail: ritz@vci.de